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Gefahr durch Smartphones : Bodenampeln für die Handy-Gucker

Wenn der Blick aufs Display vom Straßenverkehr ablenkt, kann es lebensgefährlich werden. Bild: dpa

Die Nutzung des Smartphones im Straßenverkehr kann schnell zu gefährlichen Unfällen führen. Die Städte Augsburg und München testen eine Technik, die ihre Bewohner davor schützen soll.

          Autofahrer wissen: Handy am Steuer wird teuer. Wer beim Telefonieren ohne Freisprechanlage, beim E-Mailen oder Computerspielen erwischt wird, dem droht in der Regel ein Bußgeld von 60 Euro und ein Punkt in Flensburg. Viele nutzen ihr Mobiltelefon im Straßenverkehr trotzdem, und sie sind nicht die Einzigen.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch zahlreiche Fußgänger lassen sich durch ihr Smartphone gefährlich ablenken. Das legt eine vor kurzem veröffentlichte Erhebung der Sicherheitsorganisation Dekra nahe. Sie untersuchte sechs europäische Hauptstädte und fand heraus: Von rund 14.000 Fußgängern in Amsterdam, Berlin, Brüssel, Paris, Rom und Stockholm nutzten fast 17 Prozent ihr Smartphone während der Teilnahme am Straßenverkehr.

          Tipper waren weiblich, viele Musikhörer männlich

          Die Dekra-Forscher beobachteten jeweils an drei verschiedenen Stellen in den Innenstädten die Fußgänger und dokumentierten deren Smartphonenutzung. Die Erhebungen fanden an Orten mit hoher Fußgängerdichte statt, also an vielbefahrenen Kreuzungen und Fußgängerüberwegen, an Haltestellen und Bahnhöfen. Dabei zeigte sich: Über alle Städte und Altersgruppen hinweg tippten knapp 8 Prozent beim Überqueren der Straße Texte in ihr Gerät ein. Weitere 2,6 Prozent telefonierten, und rund 1,4 Prozent taten beides gleichzeitig. Rund 5 Prozent hörten vermutlich Musik.

          „Wie zu erwarten war, benutzten jüngere Fußgänger tendenziell häufiger das Smartphone als ältere – wobei mit über 22 Prozent die intensivste Nutzung in der Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren zu beobachten war“, erläuterte die Dekra. Die Fachleute ermittelten zudem „auffällige geschlechtsspezifische Unterschiede“. Viele Tipper waren weiblich, viele Musikhörer dagegen männlich.

          Risikoreich kann freilich das eine wie auch das andere sein. „Viele Fußgänger unterschätzen offenbar die Gefahren, denen sie sich selbst aussetzen, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf solche Art vom Straßenverkehrsgeschehen abwenden“, warnt Dekra-Vorstandsmitglied Clemens Klinke. Zum Beispiel Gruppen junger Leute, die gemeinsam in ein Smartphone schauen, während sie die Straße überqueren. „In einem Fall kollidierte sogar die ganze Gruppe mit einem Fahrradfahrer“, berichtet Klinke. „Besonders eindrücklich“ sei eine Szene in Stockholm gewesen. Dort blieb ein junges Mädchen mitten auf der Straße stehen, holte ihr Handy heraus und begann zu tippen. „Erst als ein Busfahrer hupt, wird ihr klar, wo sie steht, und sie geht weiter.“ Solche und ähnliche Situationen hätten die Teams immer wieder beobachtet.

          Bodenampeln sollen Handynutzer schützen

          Im schlimmsten Fall kann ein solches Verhalten tödlich enden. Immer wieder kommt es in Deutschlands Städten zu schweren Verkehrsunfällen gerade mit jungen Menschen, die durch ihr Smartphone abgelenkt sind. Im März starb in München eine 15 Jahre alte Schülerin, weil sie Kopfhörer trug und unachtsam auf die Tramgleise lief. In Witten im Ruhrgebiet lief im August ein 19 Jahre alter Fußgänger vor eine Straßenbahn und starb; er trug ebenfalls Kopfhörer.

          Lässt sich gegen die Unachtsamkeit etwas tun? Appelle, aufmerksam durch die (Verkehrs-)Welt zu gehen, werden ebenso ungern gehört wie schnell vergessen. Deshalb versuchen es deutsche Kommunen jetzt mit unkonventionellen Maßnahmen. In Augsburg und in Köln sollen sogenannte Bodenampeln Handynutzer vor schweren Unfällen schützen. In der Universitätsstadt am Lech wurden testweise an zwei Haltestellenübergängen Lichtsignale im Boden eingebaut.

          Rote LED-Leuchten entlang des Bordsteins am Übergang blinken, sobald das Fußgängersignal der Ampel auf Rot schaltet und sich eine Straßenbahn nähert. „So soll vor allem bei denjenigen, die durch den Blick aufs Display die reguläre Ampel nicht sehen, die nötige Aufmerksamkeit erzeugt werden, um einen Unfall zu vermeiden“, hoffen die Stadtwerke. Die LEDs seien selbst aus größerer Entfernung gut sichtbar, heißt es. Das erhöhe die Sicherheit auch außerhalb des Überwegs. Falls sich die Technik bewährt, könnten weitere Systeme installiert werden.

          Im amerikanischen New Jersey werden nun Strafen von bis zu 50 Dollar diskutiert, wenn Leute etwa beim SMS-Schreiben auf öffentlichen Gehsteigen erwischt werden. In Hawaii sollen Menschen, die eine Straße überqueren und dabei auf ihren elektronischen Begleiter blicken, sogar mit 250 Dollar Strafe belegt werden. Ob solche Gesetze jemals Wirklichkeit werden, ist jedoch fraglich. Vielleicht genügt es einfach, Extraspuren für Smartphonenutzer einzurichten, wie in der chinesischen Millionenstadt Chongqing geschehen. Aber selbst dann sind Zusammenstöße nicht ausgeschlossen – untereinander.

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