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Blenderwirtschaft : Schneller, größer, weiter - Droge Dotcoms

  • -Aktualisiert am

»E« macht es möglich. M-Commerce, B2B, B2C, P2P. Networking, Linux. Storage Area Networks. Werden Sie beim Lesen dieser Stichworte schon wehmütig?

          Wie die Teilnehmer an Woodstock oder die 68er werden sie und ihre Erzählungen belächelt werden. Noch schlimmer: Ihre Enkel werden ihnen nicht glauben. Nach einigen Jahren himmelstürmender Begeisterung und dann einsetzender Desillusionierung musste auch der Autor dieser Zeilen seine auf E-Learning spezialisierte Firma mit rund 400 Mitarbeitern dicht machen. Zeit für eine Reminszenz.

          Der Dotcom-Boom war gekennzeichnet von der Jagd nach der nächsten großartigen Technologie, nach der nächsten großartigen Geschäftsidee. Killer-Applikationen wurden dringend gesucht. Oft war es allerdings nur Vapour Ware, Dampfware, wie in der IT-Branche die voreiligen Ankündigungen auch genannt wurden, die sich dann nie verwirklichten. Selbst Bertelsmann verkaufte das Geschäftsmodell Napster in Powerpoint-Folien unter anderem mit der angeblichen Killer-Applikation »Musik per Handy«.

          Auf der Jagd nach dem nächsten Trend

          Manchmal wurde die Dampfware von den Verbrauchern auch erkannt, zum Beispiel bei WAP, dem Wireless Application Protocol, das den Internet-Zugriff per Handy ermöglichen sollte: Er wurde einfach nicht genutzt. Fondsmanager redeten nur noch vom nächsten Technologietrend. Einmal war es E-Commerce, nach zwei Monaten E-Business, nach zwei weiteren Monaten B2B, dann Infrastruktur, dann Telekommunikation, M-Commerce...

          Die eigentlichen Unterschiede zwischen Intranet, Internet und Extranet verschwammen in der Praxis schnell. E-Business- und E-Commerce-Strategien differenzierten sich rasch und führten zu einer täglich ansteigenden Flut von Abkürzungen: B2B, B2C, B2R, B2E, P2P, B2Irgendwas. Vertrieb wurde zu CRM, Customer Relationship Management. Die entsprechenden IT-Systeme sollten effizienzsteigernd wirken sowie die Mitarbeiter besser kontrollieren und die Kunden besser betreuen helfen.

          Immer neue Kostenblöcke

          Auch in der Produktion setzte allerorten ein ausgeklügeltes Optimieren ein, gepaart mit einer Veränderung der Fertigungstiefen; just-in-time war in aller Munde. Supply Chain Management, zunächst innerhalb der Unternehmen, dann über alle Unternehmensgrenzen hinweg in virtuellen Unternehmen - das bleibt ein Dauerthema, das Kosteneinwände schnell wegbügeln kann. Die alles erschlagenden Informationssysteme wie SAP sollten sämtliche Unternehmensfunktionen von der Beschaffung über die Produktion bis hin zum Absatz integrieren. Was sie vor allem sicherstellten und wofür sie teilweise immer noch garantieren: Kostenblöcke, aus denen es nach der Einführung kaum noch einen Notausgang gibt.

          Für die immer noch brachliegenden Integrationsaufgaben versucht man sich bis heute mit Software für Enterprise Architecture Integration (EAI). Und wenn das nicht klappt, gibt es immer noch eine gewaltige Middleware-Industrie, die passende Software-Verbindungen und -übersetzungen zwischen den Systemen bereitstellt. Allein diese künstliche Differenzierung ist der reinste Nährboden für Blendwerke.

          Um die Veränderungen überhaupt noch wertschöpfend zu bewältigen, war es schließlich geboten, ein Wissensmanagement einzurichten. Eigentlich ein bekanntes Thema. Überall in der deutschen Industrie kennt man das sprichwörtliche: „Wenn Siemens wüsst', was Siemens weiß“. Nachdem die Versuche weitgehend fehlgeschlagen waren, wurden die so genannten Portale eingerichtet, Einfallstore in die Informationsspeicher. Bald mutierten alle möglichen Eröffnungsseiten in den Informationssystemen zu Portalen. Die Informations- und Kommunikationsindustrie musste wieder einmal ihre Powerpoint-Folien umschreiben: suche nach »xxx« (altes Schlagwort), ersetze durch »Portal«.

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