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Kommentar : Immer irrer, diese Bitcoin-Welt

  • -Aktualisiert am

Bild: Reuters

Ständig entstehen neue Digitalwährungen. Und ständig findet sich jemand, der sie kauft. Der reine Wahnsinn!

          Nehmen wir einmal an, lieber Leser, Sie wollen eine schicke Penthousewohnung kaufen und hochwertig einrichten, um sie an vermögende Gäste zu vermieten. Weil Ihnen die eine oder andere Million fehlt, wollen Sie sich das nötige Geld von anderen beschaffen. Und zwar ohne einen Kredit aufzunehmen oder zu betteln. Also geben Sie eine eigene Währung heraus, die Sie „Immobilientaler“ nennen, und verkünden dann aller Welt, dass dieser digitale Taler eine total tolle und supermoderne Investition sei.

          Damit jeder Ihrer Geldgeber weiß, was er eingezahlt hat, lassen Sie sich auf Ihrem heimischen Computer ein Buchführungssystem einrichten, das Sie Blockchain nennen. Und siehe da, schon nach kurzer Zeit werden Sie die notwendige Summe für Ihre Luxuswohnung beisammenhaben. Der von Ihnen erfundene Immobilientaler ist plötzlich zum Vermögenswert geworden, ähnlich einer Daimler-Aktie oder Apple-Anleihe. Sie halten das alles für verrückt? Dann wissen Sie nicht, was derzeit los ist.

          Da kann sich echtes Geld in nichts auflösen

          Willkommen in der Welt der digital verschlüsselten Währungen, im Reich von Bitcoin & Co. Einer Welt, in der nichts unmöglich erscheint, die aber zunehmend aus den Fugen gerät. Es vergeht nämlich kaum eine Woche, in der nicht irgendeine Firma eine eigene „Währung“ erfindet. So etwas nennt sich dann ICO, in der englischen Langfassung Initial Coin Offering. Das bedeutet, dass jeder, der dazu technisch in der Lage ist, eine digitale Münze („Coin“ oder „Token“) auf den Markt bringt, um seine Geschäftsidee zu finanzieren. Irgendwelche Investoren finden sich immer, die nicht wissen, wohin mit dem Geld, und das nächste große Ding keinesfalls verpassen wollen. An den Finanzmärkten nennt man so eine Entwicklung eine Blase. Im Alltag würde man sagen: Der reine Wahnsinn!

          Aber noch funktioniert es, trotz aller Warnungen vor einem unregulierten ICO-Markt, auf dem sich echtes Geld schlagartig in nichts auflösen kann. Die deutsche Medienfirma Welt der Wunder TV hat jüngst einen ICO gestartet, um damit ihrem Handel mit Filmlizenzen neuen Schwung zu geben. In der vergangenen Woche kündigte Kodak an, den KodakCoin einzuführen, mit dem Fotografen auf der firmeneigenen Plattform Bildrechte absichern können. Daraufhin verdoppelte sich der Aktienkurs des Fotokonzerns, weil Anleger im Moment alles fürchterlich elektrisiert, was mit Blockchain oder Kryptowährung zu tun hat.

          Nur wenige Spekulanten haben Ahnung

          Verfechter privater Währungen, die das Geldmonopol der Staaten und Notenbanken argwöhnisch betrachten, mögen über den Erfolg von Bitcoin und anderen alternativen Digitaltalern frohlocken. Leider verstehen aber die wenigsten Spekulanten wirklich etwas davon, so dass der Hype ein böses Ende zu nehmen droht. Zumal wenn er auf die Realwirtschaft übergreift.

          Dass es mittlerweile Zighunderte privater Digitalwährungen und dazugehöriger Firmen gibt, denen ein Wert beigemessen wird, lassen sich Notenbanker und Staatenlenker nicht länger bieten. Spitz formuliert: Das Geldmonopol schlägt zurück. Zum einen tüfteln Staaten längst an eigenen Kryptowährungen; sei es, um über eine Blockchain den Zahlungsverkehr schneller und günstiger zu machen oder um Geld auch in Form digitaler Münzen herauszugeben.

          Zum anderen gebieten Staaten dem kryptischen Wildwuchs Einhalt. Chinas Führung, die schon Bitcoin-Börsen verboten und ICO für illegal erklärt hat, will nun auch noch die energiefressende Herstellung von Bitcoin begrenzen; Südkoreas Regierung überlegt, Bitcoin ganz zu verbieten. Sollten beide Länder Ernst machen, wäre es ungefähr so, als ob Deutschland und Frankreich die Eurozone verließen: Die Illusion einer schönen neuen Währungswelt wäre dahin. Und viel Geld futsch.

          Wenn Sie, lieber Leser, diesen Text nun als Panikmache eines Ewiggestrigen empfinden, der die Zeichen der digitalen Zeit verkennt, dann schöpfen Sie in Gottes Namen einen Immobilientaler oder sonstigen Coin. Aber bitte, behalten Sie das lieber für sich.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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