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Biontech-Gründer Sahin : „Vermutlich wird uns Covid-19 noch ein Jahrzehnt lang begleiten“

Biontech erfand den ersten zugelassenen Corona-Impfstoff. Bild: dpa

Der Corona-Impfstoff hat Biontech berühmt gemacht und dem Unternehmen erstmals seit seiner Gründung 2008 einen Gewinn beschert. Für die Zukunft hat die Firma aus Mainz noch ganz andere Ziele.

          3 Min.

          Die Erfolgsgeschichte des Mainzer Biotechunternehmens Biontech, das sich in Windeseile von einem Geheimtipp zu einem der wichtigsten Hoffnungsträger der Welt im Kampf gegen die Coronaseuche entwickelt hat, lässt sich nun auch in nüchternen Geschäftszahlen ausdrücken. Die Firma hat im vergangenen Jahr einen Überschuss von 15 Millionen Euro und damit zum ersten Mal überhaupt seit ihrer Gründung 2008 einen Gewinn verbucht; der Umsatz, der 2019 noch bei rund 100 Millionen Euro lag, soll im laufenden Jahr auf knapp 10 Milliarden Euro steigen – und sich damit binnen 24 Monaten verhundertfachen.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Verantwortlich dafür ist der Corona-Impfstoff, den Biontech zusammen mit dem amerikanischen Pharmakonzern Pfizer entwickelt hat. Das Präparat ist im vergangenen Dezember von den Behörden in Amerika und Europa zugelassen worden, als erster Corona-Impfstoff – und als erstes Biontech-Produkt überhaupt. Inzwischen sind rund 200 Millionen Dosen davon ausgeliefert worden, zwölf Millionen in Deutschland. Bis zum Jahresende sollen insgesamt 1,4 Milliarden Dosen ausgeliefert werden, allein 100 Millionen nach Deutschland.

          Viel Ermutigendes

          Es war also eine ausgemachte Untertreibung, als der Biontech-Vorstandsvorsitzende Ugur Sahin die Vorlage der Geschäftszahlen am Dienstag mit der Bemerkung begann, 2020 sei „ein bedeutsames Jahr“ für das Unternehmen gewesen. Danach berichteten Sahin und seine Vorstandskollegen, darunter seine Ehefrau Özlem Türeci, die mit ihm zum Kreis der Unternehmensgründer zählt, viel Ermutigendes für die kommenden Monate.

          Im Zentrum steht dabei die neue Fertigungsstätte für den Corona-Impfstoff in Marburg. Dort hat Biontech im vergangenen Herbst vom Schweizer Pharmakonzern Novartis einen Teil der traditionsreichen Behring-Werke übernommen und seine Zwecke umgerüstet. Vergangene Woche hat die Europäische Arzneimittelbehörde die Anlage genehmigt; Mitte April sollen laut Sahin die ersten Vakzindosen aus Marburg verimpft werden.

          Statt wie zunächst geplant 750 Millionen Dosen sollen allein an diesem Standort künftig eine Milliarde Dosen im Jahr hergestellt werden können. Gemeinsam wollen Biontech und Pfizer dieses Jahr insgesamt 2,5 Milliarden Dosen herstellen, 500 Millionen mehr als noch im Januar geplant.

          Minus 15 Grad geht auch

          Die Patente an dem Präparat, das auf der neuartigen Messenger-RNA-Technik beruht, hält Biontech allein. Den Verkauf und die Vermarktung erledigen die Mainzer indes nur in Deutschland und in der Türkei selbst, wo Sahins und Türecis Familien herstammen; in China tut dies die einheimische Firma Fosun, im Rest der Welt Pfizer.

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          Die Produktion erfolgt gemeinsam, in Europa bisher vor allem im Pfizer-Werk im belgischen Puurs; Einnahmen wie Entwicklungskosten werden hälftig geteilt. Eine Herausforderung für den Einsatz des Impfstoffs war zunächst, dass er bei minus 70 Grad gelagert werden musste und erst kurz vor dem Impftermin aufgetaut werden darf.

          Inzwischen haben die Hersteller nachgewiesen, dass der Impfstoff eine zweiwöchige Lagerzeit bei minus 15 Grad verträgt, was ihn auch für herkömmliche Apotheken und Hausarztpraxen geeignet macht. Im Lauf des Jahres soll nach den Plänen des Managements eine gefriergetrocknete Variante dazukommen, die einfacher zu handhaben ist.

          Das Vakzin wirkt nach bisherigen Erkenntnissen auch gegen die sich ausbreitenden Virusvarianten; die mRNA-Technik mache Anpassungen an weitere Varianten innerhalb weniger Wochen möglich, versprach Produktionsvorstand Sean Marrett. Getestet wird derzeit in klinischen Tests zudem, wie gut Schwangere und Kinder den Impfstoff vertragen.

          „Brauchen Auffrischung“

          Außerdem laufen Studien dazu, ob und wann eine Auffrischung des Impfschutzes nötig ist. „Wir stellen einen Rückgang der Immunantwort nach etwa sechs Monaten fest“, sagte Biontech-Chef Sahin. „Deshalb glaube ich, dass wir eine Auffrischung brauchen werden. Vermutlich wird uns Covid-19 noch ein Jahrzehnt lang begleiten.“

          Für das Mainzer Unternehmen, dessen Mehrheitseigentümer die mit dem Aufbau und Verkauf des Arzneimittelherstellers Hexal reich gewordenen Zwillingsbrüder Thomas und Andreas Strüngmann sind, soll der Corona-Impfstoff so lange aber nicht das alles bestimmende Thema bleiben. Viel länger als mit dem Virus beschäftigen sich Sahin und Türeci mit der Entwicklung neuartiger Krebsmedikamente; 13 unterschiedliche Präparate werden derzeit an Patienten erprobt, am weitesten fortgeschritten ist ein Hautkrebsmittel.

          „Nach unserem Zeitplan könnten wir innerhalb der kommenden fünf Jahre mehrere Krebsmittel auf den Markt bringen“, kündigte Ugur Sahin am Dienstag an. Der Kurs der Biontech-Aktie, im Herbst 2019 mit einem Preis von 15 Dollar zum ersten Mal an der Nasdaq in New York gehandelt, stieg am Dienstag um 5 Prozent auf 100 Dollar.

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