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Kommentar zur Ernährung : Biomilch vom Discounter, ist das okay?

Schöne neue Welt? Bio-Molkereiprodukte bei Lidl Bild: obs/Lidl

Wer es ernst meint mit dem Einsatz für die ökologische Landwirtschaft, muss über Biomilch beim Discounter jubeln. Aus gleich zwei Gründen.

          2 Min.

          Seit es Menschen gibt, träumen sie vom Paradies. Dort gibt es weder Mühsal noch Not, dort leben alle gerne und gut. Kein anderer technischer Fortschritt hat die Menschheit in den vergangenen 150 Jahren dieser Verheißung näher gebracht als die Entwicklung der industriellen Landwirtschaft. Denn satt zu werden und nicht zu hungern, die größte Herausforderung, war noch nie so leicht wie heute. In Deutschland ging im Jahr 1900 noch mehr als die Hälfte eines durchschnittlichen Haushaltseinkommens für die Ernährung drauf, heute sind es nur noch knapp 14 Prozent. Damals schufteten von 100 Erwerbstätigen rund 40 auf dem Acker, heute ist es nur noch ein einziger.

          Aber mit dem Paradies ist es so eine Sache. Künstler wie Rubens und Breughel haben es als einen fruchtbaren Garten gemalt, in dem es Lebensmittel in Hülle und Fülle gibt. Da muss niemand hungern, so viel ist sicher. Woher der Überfluss kommt, bleibt außen vor. Schwere Landmaschinen und riesige Tierställe, Düngerspritzen und Zuchtlabore, endlose Maisfelder und Schlachthäuser in der Größe von Fabriken sind auf den Gemälden nicht zu sehen.

          Es ist diese Seite der industriellen Landwirtschaft, gegen die an diesem Wochenende in Berlin Zehntausende mit Trommeln und Trillerpfeifen demonstriert haben. „Für gutes Essen und gute Landwirtschaft“ heißt der Slogan, hinter dem sich ein buntes Bündnis versammelt hat. Die Umweltschützer von Nabu und BUND gehören dazu, Hilfsorganisationen wie Misereor und Brot für die Welt, die sonst eher stillen Interessenverbände der Imker und Schäfer, aber auch die im Protestgeschäft gestählten Aktivisten von Greenpeace und Campact. Sie wissen, dass im politischen Kampf eindeutige Feindbilder und klare Fronten die höchsten Einschaltquoten bringen. Das heißt: Biobauern werden bejubelt, Großkonzerne werden verteufelt.

          Bioland-Vollmilch für 1,05 Euro

          Dumm nur, dass sich die Wirklichkeit nicht so einfach in Schwarz und Weiß scheiden lässt. Man muss sich nur die Liste der Demonstranten genau genug anschauen, um das zu erkennen. Da taucht zum Beispiel Bioland auf, der größte Anbauverband von Ökobauern in Deutschland. Das sind nach dem gängigen Muster die Guten. Aber seit ein paar Wochen beliefern sie im großen Stil den Lebensmitteldiscounter Lidl. Das sind die Bösen. Wie passt das zusammen?

          Der Bioland-Präsident erklärt es bündig mit den Mechanismen des Markts. Seine Mitgliedsunternehmer erzeugten schlicht zu viele Bio-Lebensmittel, um sie ausschließlich in Naturkostläden und Supermärkten zu verkaufen. Deshalb die Vertriebspartnerschaft mit Lidl, wo es einen Liter Bioland-Vollmilch nun so günstig gibt wie nie zuvor, nämlich für 1,05 Euro.

          Dafür wird der Verband nun von manchen Tier- und Umweltfreunden scharf kritisiert, er gebe sich als grünes Feigenblatt dem Discounter hin. Was für ein Unsinn! Wer es ernst meint mit dem Einsatz für die ökologische Landwirtschaft, muss über die Biomilch beim Discounter jubeln. Sie zeigt erstens, dass sich längst nicht mehr nur das alternative Milieu dafür interessiert, unter welchen Bedingungen Lebensmittel produziert werden. Und zweitens, dass hohe Herstellungsstandards und mehrheitsfähige Preise einander nicht zwangsläufig ausschließen.

          Schluss mit dem Lagerdenken!

          Für die Zukunft der Landwirtschaft und die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung sind andere Dinge wichtiger als die Frage, was von Biomilch im Lidl-Regal zu halten ist. Trotzdem lässt sich für das große Ganze etwas lernen aus dem Einzelfall: Lagerdenken ist nicht angebracht.

          Dafür ist die Aufgabe zu groß, bis zum Jahr 2050 genug Lebensmittel für rund 10 Milliarden Menschen herzustellen und dabei auch noch auf Tierwohl und Artenvielfalt, Klimaschutz und Flächennutzung zu achten. Das wird im großen Maßstab nicht etwa mit der Rückkehr zum Kleinbauerntum und dem Aufruf zum Fleischverzicht gelingen, sondern nur mit weiterem technischen Fortschritt und Produktivitätsgewinnen. Es geht schließlich wie seit jeher immer noch darum, sehr viele Menschen satt zu machen. Wir wissen heute nur, dass das allein für die Zukunft des Planeten nicht genug ist.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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