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Corona-Forscher Hilgenfeld : Auf dem Weg zum Medikament

Rolf Hilgenfeld, Direktor des Instituts für Biochemie, in einem Labor der Universität Lübeck Bild: Universität Lübeck

Der Biochemiker Rolf Hilgenfeld forscht seit zwei Jahrzehnten an Coronaviren. Einst fanden Kritiker seine Untersuchungen unwichtig. Jetzt ruhen die Hoffnungen darauf.

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          Es gibt Menschen, die kommen erst dann zu Ruhm und Ehre, wenn eigentlich alles vorbei ist. Jahrelang stößt ihr Tun auf ein größeres Echo allenfalls in Spezialistenkreisen. Und selbst dort werden sie skeptisch beäugt. Zum Karriereende zeichnet sich plötzlich eine dramatische Kehrtwende ab. Auf einmal fließt frisches Geld, es gibt attraktive Angebote aus dem In- und Ausland, sie dürfen neben Ministern Platz nehmen, und ihr Rat ist gefragt wie nie.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Solche Geschichten kann in diesen Zeiten nur Corona schreiben – es ist die Geschichte des Wissenschaftlers Rolf Hilgenfeld. Wäre es nicht zu kitschig, dürfte man Udo Jürgens bemühen: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Am 3. April ist Hilgenfeld so alt geworden. Wenige Tage vorher erhielt er von der Universität Lübeck als Direktor des Instituts für Biochemie seine offizielle Entlassungsurkunde. Doch in Wirklichkeit ist für ihn „noch lange nicht Schluss“: Seine Arbeit geht weiter, mit mehr Mitarbeitern und mit mehr Tempo. Als Seniorprofessor kann er die kommenden fünf Jahre weiter am Coronavirus forschen. Denn mit Hilgenfelds Aktivität verknüpfen sich große, ja riesengroße Hoffnungen: Sie könnte die Basis sein für ein Medikament gegen das Virus – eine Arznei für Kranke und nicht nur, wie ein Impfstoff, zur Vorbeugung für Gesunde.

          Der Lübecker Professor forscht an der Virenspezies, die heute die Welt bewegt und mehr noch zum Stillstand bringt, seit gut zwei Jahrzehnten. Begonnen hat seine Karriere 1986 in den Laboren der Frankfurter Hoechst AG. Dort ist er maßgeblich in die Insulinentwicklung eingebunden. Schon damals wächst die Zahl der Diabetiker beständig. „Wir hatten das Ziel, die zu befreien von den Injektionen mit normalem Insulin, welches dann alle sechs Stunden erforderlich war. Wir wollten ein 24-Stunden-Insulin schaffen, das haben wir auch hingekriegt“, erinnert sich der Niedersachse. Der Stoff mit dem Markennamen Lantus wird noch heute vom Hoechst-Nachfolger Sanofi produziert und vertrieben und gehört zu den umsatzstärksten Medikamenten des französischen Pharmakonzerns.

          „Hör auf, an diesen Coronaviren zu arbeiten“

          Nach neun Jahren Industrie und Frankfurt zieht es Hilgenfeld an die Hochschule und nach Thüringen. Er folgt einem Ruf der Friedrich-Schiller-Universität. In Jena wird er Professor für biochemische Strukturforschung. Hier wächst sein Interesse an Coronaviren. Im Mittelpunkt stehen sogenannte Proteasen – das sind Proteine, die andere Proteine spalten können. In seiner Promotion enträtselt der angehende Doktor die Struktur der Protease einer indischen Unkrautpflanze. Das klingt einigermaßen lebensfern, und Hilgenfeld räumt ein: Reines Grundlageninteresse. Es geht ihm um die grundsätzlichen Mechanismen der Spaltung.

          Diese Mechanismen spielen auch in der Vervielfältigung, der Replikation von Viren eine wichtige Rolle. Hilgenfeld verfolgt sie im HI-Virus und schließlich ab 1998 in den Coronaviren. 2002 veröffentlichen er und sein Team die erste Struktur. Nicht alle sind von seinen Aktivitäten begeistert. „Mir wurde vom wissenschaftlichen Beirat des Instituts in Jena gesagt: Hör auf, an diesen unwichtigen Coronaviren zu arbeiten.“ Denn sie verursachten beim Menschen zunächst nur harmlose Erkältungskrankheiten. „Aber ich habe schon damals gesagt: Für viele Tiere sind sie tödlich. Wir müssen herausfinden, warum das so ist.“ Heute weiß die ganze Welt: Sie können auch für den Menschen tödlich sein.

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