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Bio-Lebensmittel : Ökobauern in Not

Die Öko-Karotte: Manchmal kommt sie auch aus Spanien Bild: plainpicture/PhotoAlto

Bio boomt im Supermarkt. Doch die Ökolandwirte haben nichts davon. Sie strecken reihenweise die Waffen – 6000 Betriebe haben schon aufgegeben.

          In den letzten 20 Jahren blühte der Ökolandbau wie ein gut gedüngtes Rapsfeld im Mai. Biobauern verdienten im Schnitt mehr Geld als konventionelle Kollegen, sie kassierten mehr Subventionen, und die Supermärkte, Händler und Mühlen rissen ihnen die Ware aus den schwieligen Händen. Die Leute liebten ihre Biobauern, die Politik hofierte sie deshalb und versah sie mit einem gesamtgesellschaftlichen Auftrag: Sie sollten 20 Prozent der deutschen Landwirtschaft okkupieren, auf dass Deutschland nachhaltig werde.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Was angesichts solch fruchtbarer Bedingungen geschah, war geradezu zwingend. Die Ökolandwirtschaft wuchs. Tausende Landwirte stellten ihre Bauernhöfe um. 2012 bewirtschafteten 23000 Biobauernhöfe – das entspricht 8 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe Deutschlands – ihre Flächen nach den Grundsätzen des ökologischen Landbaus: ohne Pestizide, ohne Kunstdünger, mehr Raum für Nutztiere und vieles Weitere.

          Die Umsätze haben sich in zehn Jahren verdoppelt

          Die Leute finden das gut und konsumieren. Der Handel mit Bioware in Deutschland geht wie geschnitten Brot. Der Umsatz mit Ökolebensmitteln hat sich binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt auf mehr als sieben Milliarden Euro im Jahr, der Hunger auf Öko ist längst nicht gestillt. 10000 zusätzliche Biobauernhöfe zu den 23.000 brauchte es, um die Nachfrage hierzulande decken zu können, hat der Bund der Ökologischen Lebensmittelwirtschaft ausgerechnet. Bioland-Präsident Jan Plagge sagt: „Das ist eine traumhafte Ausgangslage.“ Eigentlich.

          Doch stattdessen herrscht Stagnation auf weiter Flur. In einigen Regionen Deutschlands geben inzwischen mehr Biobauern den Betrieb auf als neue hinzukommen, im Agrarland Niedersachsen schrumpft die bewirtschaftete Fläche der Biobauern. „Der deutsche Ökolandbau droht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden“, warnt Ulrich Köpke, Leiter des Instituts Organischer Landbau an der Universität Bonn.

          Nächstes Jahr, wenn sich bestimmte behördliche Bedingungen in der Tierhaltung verändern, könnte zum ersten Mal der Ökolandbau in ganz Deutschland schrumpfen. „Die Lage ist paradox“, sagt Agrarforscher Jürn Sanders. Eine Zahl beunruhigt die Zunft. Rund 6000 Ökobauern sind in den letzten zehn Jahren ausgestiegen. Ein Teil wurde zu sogenannten Rückumstellern. Das sind die Landwirte, die in Phase eins den Hof konventionell geführt haben, ihre Felder mit Kunstdünger und Pestiziden bearbeitet haben. In Phase zwei unterwarfen sie sich in der Betriebsführung den Regeln einer der anerkannten Bioanbau-Organisationen (zum Beispiel Demeter, Bioland oder Naturland) oder wenigstens den abgeschwächten Regeln des europäischen Biosiegels. In Phase drei kehren sie entmutigt zur konventionellen Landwirtschaft zurück.

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