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Bio-Lebensmittel : Ökobauern in Not

Die Rolle der Energiewende

Die wichtigste Ursache für die wachsende Zahl entmutigter Ökobauern ist verrückterweise ein anderes großes Ökoprojekt der deutschen Politik: die Energiewende. Sie steht im Konflikt mit der Agrarwende, vor allem ein spezielles Programm: die Förderung von Biogasanlagen. Sie hat eine ganz eigene Erfolgsgeschichte nach sich gezogen. Im Jahre 1990 standen gerade 100 Biogasanlagen in Deutschland, im Jahr 2000 waren es schon 1000, heute sind es grob 8000, die meisten davon auf konventionellen Bauernhöfen. Gefüttert werden die allermeisten Anlagen mit Mais, der in riesigen Bottichen von Mikroben in Gas umgewandelt wird. Rund um die Anlagen wird deshalb Mais angebaut. Allein in Niedersachsen hat sich der Maisanbau seit 2004 verdoppelt. Auf jedem dritten Hektar Ackerfläche des Agrarlandes steht inzwischen Mais.

Die Pflanze ist der Prototyp der intensiven Landwirtschaft, verlangt viel Stickstoffdünger, macht anderen Pflanzen und Tieren (außer Wildschweinen) das Leben schwer und begünstigt Bodenerosion. Deshalb ist Mais ohnehin schon so etwas wie die Hasspflanze der Ökobauern. Nun haben sie einen weiteren Grund, ihn zu verabscheuen: Er drängt auf ihre Äcker.

Die Biogasbauern verdrängen die Biobauern, indem sie Pachtpreise bieten, bei denen die Ökos nicht mehr mithalten können. Die Vertreibung ist im Gange, überall im Land verlieren Biobauern an Boden.

Die Verdrängung folgt einem kalten Kalkül: Wer Bioweizen anbaut, kann sich bestenfalls eine Pacht zwischen 300 und 500 Euro pro Hektar (10000 Quadratmeter) und Jahr leisten, rechnet Jan Plagge, Präsident des Anbauverbandes Bioland, vor. Konventionelle Bauern böten 800 Euro und mehr für günstig zu ihren Anlagen gelegene Stücke. Selbst die Tatsache, dass die Bundesregierung die Förderung der Biogasproduktion deckelt, ist kein Trost für die Ökobauern. Denn die Förderzusagen gelten in der Regel für 20 Jahre.

Die neue Generation Ökobauern tickt anders

Noch etwas Grundsätzliches hat sich verschoben in der deutschen Agrarwirtschaft. Die konventionelle Landwirtschaft verdient seit einigen Jahren wieder gutes Geld. Die Preise für Getreide und Fleisch steigen, und die Tierhaltung ist deutlich effizienter und lukrativer geworden. Damit ist der finanzielle Vorteil des Ökolandbaus geschrumpft und zum Teil verschwunden. „Der größte Feind der Biolandwirtschaft sind gute Preise für konventionelles Getreide“, sagt Hermann Schulten-Baumer, ein Kartoffelbauer aus Mülheim an der Ruhr, der zur konventionellen Landwirtschaft zurückgekehrt ist.

Diese neue Entwicklung trifft auf Biobauern, die sich selbst in ihrem Selbstverständnis gewandelt haben. Die Männer und Frauen der ersten Generation waren vor allem idealistisch motiviert. Sie wollten mit naturschonenden und tiergerechten Methoden gesunde Lebensmittel erzeugen. Die „Generation Kambodscha-Fluchtlatschen“ nennt sie ein junger Biobauer etwas abfällig. Sie haben vor allem die strengen Anbaubedingungen solcher Verbände wie Demeter bestimmt und waren eher bereit, Dürrezeiten auszuhalten.

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