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Billiges Öl : Die Fracker aus Texas sind zäh

Bohrtürme über einem Feld von Schieferöl im Westen von Texas Bild: Reuters

Am Ölmarkt tobt ein harter Preiskampf. Saudi-Arabien will neue Wettbewerber hinausdrängen. Doch die Förderer aus Amerika haben gute Aussichten.

          Die Ölpreise fallen und fallen. Seit Juni haben sich die maßgeblichen Sorten Brent und West Texas Intermediate um knapp 60 Prozent verbilligt auf rund 45 Dollar. Der Preisrutsch bringt Produzenten und ihre Helfer auf der ganzen Welt in Bedrängnis. Die Entwicklung begann im Sommer 2014, als zum ersten Mal seit einigen Jahren Spekulationen auftauchten, dass mehr Rohöl auf die Märkte drängt als abfließt. Krisenregionen wie Libyen und der Irak hatten mehr gefördert als erwartet, die chinesische Volkswirtschaft bestellte gleichzeitig weniger als kalkuliert.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Doch der wichtigste Grund für das Überangebot ist das überraschende Comeback der amerikanischen Ölindustrie. Unternehmen aus den Vereinigten Staaten und Kanada haben die Fertigkeit erworben, den Rohstoff mit unkonventionellen Methoden aus der Erde zu bergen und die Märkte zu fluten. Sie leiteten damit eine neue Ära des Öls ein. Amerika steigt gerade zum größten Ölproduzenten der Welt auf, ihre wichtigsten Lieferanten müssen sich neue Kunden suchen.

          Vor allem die Ölfracker aus Texas, North Dakota und Mississippi verzeichnen Monat für Monat neue Förderrekorde. Seit der historischen Opec-Sitzung vom 27. November ist auch klar, dass der immer noch wichtigste Produzent der Welt, Saudi-Arabien, seine Rolle als Preisregulator am Ölmarkt eingebüßt hat. Das arabische Land weigert sich, die eigene Förderung zu drosseln, um die Preise zu stabilisieren. Die Saudis haben schlechte Erfahrungen in den achtziger und neunziger Jahren gemacht, als sie ihre Förderung drosselten und andere Staaten in die Bresche sprangen. Deshalb kämpfen die Araber heute um ihre Marktanteile. Mit der Tolerierung der neuen Niedrigpreise erhoffen sie, Amerikas Ölfracker zu entmutigen. Die Araber testen die Schmerzgrenze der amerikanischen Ölindustrie. Denn ihre eigenen Vorkommen sind gemessen an den Produktionskosten die billigsten der Welt.

          Auf den ersten Blick scheint die Opec-Strategie erfolgversprechend. Die meisten amerikanischen Unternehmen haben schon ihre Investitionsbudgets beschnitten: Sie haben erstmals seit Monaten weniger Bohrtürme in Betrieb, meldet der Öldienstleister Baker & Hughes, vor allem in den großen Fördergebieten Texas und North Dakota. Deren Bohrturmstatistik ist ein wichtiger Frühindikator für den Markt, rückläufige Zahlen deuten auf Probleme der Ölförderer hin.

          Auch das Fracking hat sich verbilligt

          Opfer der veränderten Investitionspolitik sind zunächst die Öldienstleister, die für die Förderer die Bohranlagen bereitstellen und zum Teil auch betreiben. Experten erwarten hier erste Entlassungen. An zweiter Stelle kommen jene Vorkommen, deren Ausbeutung als besonders teuer gilt. In Kanada hat Royal Dutch Shell vor wenigen Tagen mitgeteilt, man trenne sich von bis zu 10 Prozent der 3000 Beschäftigten, die dort Ölsände fördern.

          Der konventionellen Logik folgend, müssten nun bald die ersten, häufig mit hohen Schulden belasteten Ölfirmen aufgeben. Doch die Fracker zeigen sich zäher als von Experten wie etwa Goldman Sachs erwartet und von den Saudis erhofft. Die Investmentbank senkte ihre Preisprognose für die ersten sechs Monate des neuen Jahres auf 39 Euro von zuvor 75 Euro je Fass (159 Liter) - eine spektakuläre Korrektur. Gleichzeitig sagten die Goldmann-Sachs-Analysten, erst von diesem Preisniveau an verkleinere sich das amerikanische Angebot. Erst dann würden Vorkommen aufgegeben, und Ölfirmen flögen aus dem Markt. Die Remedur folgt einem neuen Deutungsmuster der amerikanischen Ölförderung und vor allem des Fracking selbst. Diese Methode, bei der Flüssigkeit in Gesteinsschichten gepresst wird, gilt eigentlich als teuer im Vergleich zur klassischen Förderung, bei der man senkrecht in die Tiefe bohrt und das Öl quasi von selbst heraussprudelt.

          Die neue Deutung hat der Ölexperte Philip Verleger, ein ehemaliger Präsidentenberater, Ende des vergangenen Jahres ins Gespräch gebracht: Fracking gleiche zunehmend der industriellen Produktion, die vor allem durch beständig sinkende Stückkosten charakterisiert wird. Verleger vergleicht das Fracking mit der Computerproduktion, die sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verbilligt hat. Diese Vorstellung hat bedeutende Implikationen. Sie bricht nämlich mit der Logik, dass Ölförderung zwangsläufig immer teurer werden muss, weil die noch nicht ausgebeuteten oder erschlossenen Vorkommen immer schwieriger auszubeuten sind.

          Die Vorstellung von einer industriellen Ölförderung, die die Kosten je gefördertes Fass senkt, scheint nicht unrealistisch. Die amerikanischen Förderer von Schiefergas konnten ihre Produktion ausweiten, obwohl die Gaspreise einbrachen. Texanische Ölförderer vermelden bedeutende Fortschritte bei der Erschließung neuer Quellen. Erste Unternehmen testen das sogenannte „Downspacing“. Dabei werden neue Anlagen nahe der bereits produzierenden errichtet. Das hatte die Ölindustrie bei der Ausbeutung konventioneller Vorkommen vermieden, weil sie eine Kannibalisierung fürchtete, indem die neuen Anlagen den alten das Öl quasi abgraben. Beim Fracking, bei der das Material wie aus einem Schwamm aus dem Gestein herausgepresst wird, scheinen sich nebeneinander liegende Anlagen weniger ins Gehege zu kommen.

          Die Geduld der Araber wird auf eine harte Probe gestellt

          Angesichts dieser neuen Möglichkeiten senken die Beobachter die Preisgrenzen, von denen an die Fracker aus dem Markt fliegen, beständig: 90 Dollar, 80 Dollar, 70 Dollar, inzwischen ist man bei 40 Dollar. Die Geduld der Araber wird somit auf eine harte Probe gestellt.

          Und damit noch nicht genug. Die Zähigkeit der Fracker hat womöglich noch eine weitere Ursache: Viele der größeren Firmen haben sich mit Finanzderivaten gegen Preisstürze versichert. Oft ist das eine Auflage von Geldgebern, die ihre Kredite absichern wollen gegen den Preisverfall.

          Nach eigenen Angaben haben Ölunternehmen wie EOG Resources, Devon Energy und andere zumindest einen Teil ihrer Produktion zu Preisen von 90 Dollar versichert. Einige, wie der durch seine Milliarden-Scheidung bekannt gewordene Ölmilliardär Harold Hamm haben ihre Finanzderivate zur Absicherung von Preisen zu Geld gemacht. Seine Firma Continental Resources nahm dafür Anfang November 433 Millionen Dollar ein. Doch ob die Rechnung aufgegangen ist, ist unklar: Der Ölpreis sank danach noch einmal um knapp 40 Dollar. Es könnte aber auch sein, dass sich Hamm damals mit neuen Absicherungen eingedeckt hat, wird im Markt spekuliert.

          „Die Opec sollte nicht erwarten, dass der niedrige Ölpreis im ersten Halbjahr irgendeinen Einfluss auf das Produktionswachstum in den Vereinigten Staaten hat“, sagt Ed Morse, Chefanalyst der Citibank, die entsprechende Absicherungsgeschäfte anbietet.

          Die arabischen Ölproduzenten scheinen sich mit der neuen Realität abzufinden. Prinz Alwaleed bin Talal, saudischer Investor, Milliardär und Mitglied der Königsfamilie, sagte jüngst in einem Interview, ein Preis von 100 Dollar je Fass werde wohl nie mehr erreicht werden. Dieser Preis sei ohnehin künstlich hoch gewesen. Die Saudis richten sich darauf ein, dass die neuen Ölprinzen aus Amerika nicht so schnell verschwinden.

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