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Billige Arbeit : China ruft das Ende der großen Werkbank aus

Tausende streiken für bessere Arbeit: Polizisten stoppen Arbeiter in einer Fabrik in Jiangsu Bild: AFP

Bislang konnten sich Chinas Arbeitnehmer wenig auf Unterstützung verlassen. Doch das Schwellenland will weg von der Billigarbeit. Die Regierung nutzt die Vorfälle bei Honda und Foxconn, um den Strukturwandel zu beschleunigen - ganz nach dem Vorbild Hongkongs.

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          „Shenzhen ist ein Superstandort - wenn man seine Arbeiter gut behandelt und moderne Produkte herstellt." Lächelnd öffnet Wen Qiping die Gepäckfächer in einem frisch lackierten Linienbus. Wo Passagiere normalerweise ihre Taschen verstauen, haben Wens Kollegen koffergroße Batterien eingebaut. Das Unternehmen Wuzhoulong, dessen Personalabteilung Wen leitet, versteht sich als führender chinesischer Hersteller von Hybrid- und Elektrobussen. Der Anspruch des Unternehmens, das übersetzt "Drachen auf fünf Erdteilen" heißt, ist ein globaler. Man exportiere immer mehr nach Asien, Afrika und den Mittleren Osten, sagt Wen. "Bald steht Osteuropa auf dem Programm."

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Unweit der Fabrik in Shenzhen unterhält BYD eine Batteriefertigung. Noch in diesem Jahr will der Autobauer, der mit Mercedes zusammenarbeitet, Elektrofahrzeuge nach Kalifornien exportieren. "Die Zeit läuft ab, wo einfache Mitarbeiter einfache Massenware herstellen", sagt Wen. "Südchina wandelt sich zu einem modernen Standort mit qualifizierten und besser bezahlten Arbeitskräften." Wuzhoulong beschäftige immer mehr Akademiker und zahle den Arbeitern bis zu 3500 Yuan im Monat. Diese umgerechnet 430 Euro klingen für westliche Ohren zunächst wenig, sind aber dreieinhalbmal so viel wie der Mindestlohn.

          Wuzhoulong und BYD stehen exemplarisch für den von China angestrebten Strukturwandel. Derzeit wird der Prozess beschleunigt durch zwei Ereignisse, die zwar unverbunden sind, aber dieselbe Diskussion befeuern. Beim größten Elektronikfertiger der Welt, Foxconn in Shenzhen, haben sich seit Jahresbeginn mindestens zehn Arbeiter das Leben genommen (Selbstmordserie in der iPad-Fabrik). Zugleich legten die Beschäftigten beim benachbarten Autohersteller Honda die Arbeit nieder, um höhere Löhne durchzusetzen. Dass die staatliche Presse die Fälle auswalzt, deutet auf den Willen der Regierung zu einer Reform der Arbeitsverhältnisse hin. In großen Artikeln wird das "Ende der billigen Arbeit" beschworen, während Kommentare Investoren daran erinnern, "dass es nicht länger möglich sein wird, Gewinne mit Hilfe niedriger Arbeitskosten hochzutreiben".

          Dienstleistungen, Finanzen, Handel und moderne Techniken: da will China hin
          Dienstleistungen, Finanzen, Handel und moderne Techniken: da will China hin : Bild: AFP

          Mindestlöhne steigen

          Die Kampagne hat Erfolg. Städte und Regionen können eine längst beschlossene Erhöhung der Mindestlöhne als Reaktion auf die Vorfälle verkaufen. Honda und Foxconn haben die Löhne schon erhöht, andere Industriebetriebe wollen folgen. Im Fahrwasser der Ereignisse sind mindestens drei weitere Streiks bekanntgeworden. Es dürfte kein Zufall sein, dass es sich bei den veröffentlichten Fällen um japanische oder taiwanische Konzerne handelt. Sie sollen einheimischen und westlichen Investoren als schlechte Beispiele und Abschreckung dienen. In einem Falle gab es Zusammenstöße mit Sicherheitskräften und Verletzte.

          Die Hongkonger Gesellschaft für Sicherheitsberatung Hill & Associates warnt private und ausländische Unternehmen vor weiteren Streiks. Es gebe einen "wachsenden Druck zu Lohnerhöhungen". Dieser gehe von Regierungsorganisationen, Lokalverwaltungen, der Einheitsgewerkschaft ACFTU und den Arbeitnehmern selbst aus. Geraten sei es, die Sicherheitseinrichtungen und die Ausbildung der Wachmannschaften zu überprüfen. Staatliche Sicherheitskräfte griffen möglicherweise nicht ein, "da sie dazu neigen, in geschäftlichen Auseinandersetzungen bei ausländischen Unternehmen nicht Partei zu ergreifen".

          Bislang konnten sich Chinas Arbeitnehmer wenig auf Unterstützung verlassen. Ausgerechnet der Arbeiter-und-Bauern-Staat strich 1982 das Streikrecht aus der Verfassung. Die Gründung von Gewerkschaften ist untersagt. Zugelassen ist nur die ACFTU, die sich als Parteiorganisation versteht. Streiks sind zwar nicht verboten, wurden bisher aber nur in Einzelfällen bekannt und so beigelegt, wie es die Mächtigen außer- und innerhalb der Unternehmen für zweckmäßig hielten. Jetzt sollen die Arbeitskämpfe offenbar dazu dienen, höhere Löhne durchzusetzen. Damit will die Regierung Chinas unterentwickelten Binnenkonsum ankurbeln und die Beschäftigten ruhigstellen. Diese leiden unter zunehmender Arbeitsbelastung und unter den steigenden Preisen, vor allem für Lebensmittel. Den Unternehmen wiederum fällt es immer schwerer, Personal zu rekrutieren, was nicht nur konjunkturell bedingt ist: Als Folge der Ein-Kind-Politik, der höheren Ansprüche und der sinkenden Mobilitätsbereitschaft der Wanderarbeiter nimmt das Mitarbeiterreservoir ab. Steigende Löhne allein können den Mangel nicht beseitigen. Sie treiben ihrerseits die Inflation an und gehen zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit. Nach Ansicht von Zhang Yansheng vom Institut für Außenhandel wird "Chinas Vorteil billiger Arbeit wohl in zehn Jahren verschwinden".

          Dienstleistungen, Finanzen, Handel und moderne Techniken

          Genau deshalb wollen das Perlflussdelta im Süden und das Jangtsedelta im Osten wegkommen von der einfachen Massenfertigung und sich nach dem Vorbild Hongkongs zu Zentren für Dienstleistungen, Finanzen, Handel und moderne Techniken entwickeln. In beiden Regionen, die als größte Industriezentren der Erde gelten, gibt es seit langem entsprechende Entwicklungspläne. Seit 2007 gilt ein neues Arbeitsrecht, das die 40-Stunden-Woche, Mindestlöhne und Überstundenregelungen festschreibt. Fabriken mit hohen Emissionen, Lärmpegeln oder Gefahrenstoffen werden aus den Städten verdrängt. Die Schließung Hunderter einfacher Fertigungsbetriebe in der Exportkrise 2008 kam den Verantwortlichen nicht ungelegen. Gleiches dürfte jetzt für die Protestwelle gelten.

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