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Bildung : Kampf dem „Brain Drain“ in Deutschland

Bild: F.A.Z.

Die Elite zieht es nach Amerika, weil die deutschen Hochschulen zu wenig bieten. Führende Wissenschaftler wollen das ändern - und präsentieren ein Konzept.

          Für qualifizierte Wissenschaftler ist Deutschland ein Auswanderungsland geworden. Denn den Eliten an deutschen Universitäten mangelt es langfristig an attraktiven Perspektiven. Jeder siebte Student, der in Deutschland promoviert, wandert in die Vereinigten Staaten aus. 30 Prozent von ihnen bleiben auf Dauer.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          20.000 deutsche Nachwuchsforscher arbeiten derzeit in Amerika. Vor allem Naturwissenschaftler und Ingenieure, aber auch Juristen und Wirtschaftswissenschaftler zieht es über den Atlantik. Nach den Chinesen und Japanern sind die Deutschen die größte Ausländergruppe unter den Wissenschaftlern. Drei von vier Nobelpreisträgern deutscher Herkunft haben ihre Karriere in Amerika gemacht. Für Deutschland hat das schwerwiegende Konsequenzen: Die Abwanderung mindert die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit. Wo keine Forscher sind, finden sich auch keine kreativen Unternehmer.

          "Brain Gain" statt "Brain Drain"

          Führende Wissenschaftsexperten schlagen jetzt Alarm. Ein Fünfpunktekatalog, der für diese Zeitung und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erarbeitet wurde, fordert konkrete Schritte, um den Verlust an Kreativität ("Brain Drain") hierzulande zu stoppen. Statt dem "Brain Drain" tatenlos zuzusehen, müsse ein "Brain Gain" organisiert werden: Deutschland soll für die Besten wieder attraktiv werden.

          Brain Drain: Wo keine Forscher sind, gibt es keine kreativen Unternehmer

          "In den vergangenen zehn bis 15 Jahren ist ein globaler Bildungsmarkt entstanden", sagt der Vizepräsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), Max Huber. Marktführer sind die Vereinigten Staaten. Dort wird Humankapital aus aller Welt angesaugt - und zwar aggressiv und mit allen Mitteln des Wettbewerbs. Die Hälfte aller Forschungsleistungen in Amerika werde inzwischen von Ausländern erbracht. In Deutschland sind es nur zehn Prozent. Weltweit sind unter den 50 Spitzenuniversitäten nur 15 nichtamerikanische: München ist als einzige deutsche Hochschule auf Platz 48. "Wir müssen attraktiver werden, und dazu gehören Anreize", fordert Huber, denn: "Unser Wohlstand bleibt uns nur erhalten, wenn wir bei der Innovation vorneweg sind."

          Mehr Freiheit für die Universitäten

          Chancen, die Spitzenakademiker zurückzugewinnen und ausländische Spitzenforscher anzuwerben, gibt es. Rund 44 Prozent der deutschen Wissenschaftler im Ausland haben nach einer Studie des Stifterverbandes der deutschen Wissenschaft erklärt, sie würden unter besseren Voraussetzungen gern nach Deutschland zurückkehren. Aber dazu müssen die Universitäten mehr Freiheit bekommen.

          Der Direktor des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs, Thomas Straubhaar, findet es erstaunlich, daß die europäischen Länder den milliardenschweren Ausbildungsmarkt für Spitzenkräfte nahezu kampflos den Amerikanern überlassen. "Während es in Deutschland noch als unanständig, asozial und deshalb tabu gilt, von Bildung als Produktionsfaktor zu sprechen und Hochschulen als Geldmaschinen zu betrachten, wird in Amerika mit dem Verkauf exzellenter Aus- und Weiterbildung ungeniert ganz schön Cash gemacht." Bildung und Forschung sind eine Ware, und Universitäten sind Wissensfabriken.

          Mehr Wettbewerb der Hochschulen

          Mehr als eine halbe Million ausländischer Studierender war im Studienjahr 2002/2003 an amerikanischen Hochschulen eingeschrieben. Fast zwölf Milliarden Dollar haben sie in Form von Studiengebühren und Ausgaben zum Lebensunterhalt den amerikanischen Universitäten gebracht. Von solchen Umsätzen können andere Branchen nur träumen. Das Department of Commerce stellt in einer Studie fest: "Bildung ist der fünftwichtigste Dienstleistungsexport geworden." Und die Forschungserfolge kommen in erster Linie der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Leistungsbilanz der Vereinigten Staaten zugute. Wenn Deutschland auf diese Offensive nicht reagiert, leidet nicht nur der hiesige Forschungsstandort, sondern auch der Wirtschaftsstandort.

          Wie kann Deutschland die besten Köpfe wieder zurückgewinnen? "Humankapital ist genauso scheu wie Finanzkapital", sagt die Steuerrechtlerin Johanna Hey, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hochschulverbandes. Die Wissenschaftsexperten sind sich deshalb einig: Die Universitäten brauchen mehr Autonomie. Sie müssen sich ihre Studenten und Professoren selbst aussuchen können. Mit anderen Worten: Die Hochschulen müssen in den Wettbewerb entlassen werden. Eine Zentrale Vergabestelle ZVS, die planwirtschaftlich die Studenten verteilt, wäre dafür nicht mehr nötig.

          Der Anspruch, jede Hochschule zwischen Flensburg und Passau müsse den gleichen Standard bieten, ist nach Ansicht des Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Karl Max Einhäupl, "heute schon eine Fiktion". Der Erfolg außeruniversitärer Forschungseinrichtungen wie zum Beispiel der Max-Planck-Institute zeigt, daß Deutschland durchaus für ausländische Spitzenwissenschaftler noch nicht abgeschrieben ist. Ausdrücklich zieht der Fünfpunkteplan die Einführung von Studiengebühren in Betracht. Die Professoren warnen freilich den Staat davor, dies zur Legitimation für den eigenen finanziellen Rückzug zu nutzen.

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