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Bilanzen : Beichtstunde bei der Börsenaufsicht

  • Aktualisiert am

SEC-Chef Harvey Pitt will hart durchgreifen Bild: AP

Der CEO von US-Unternehmen haftet künftig persönlich für die Bilanzen. Ein guter Grund, vor den Quartalsberichten deren Richtigkeit zu überprüfen.

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          Merck hat es getan. Disney hat es getan. Xerox hat es getan: All diese Unternehmen haben ihre Bilanzen, Umsätze oder Gewinne korrigiert. Das hatte nicht unbedingt was mit Betrug wie bei Worldcom oder Enron zu tun, sondern eher mit der großzügigen Auslegung von legalen Buchungsregeln. Weitere Korrekturen bei anderen Unternehmen könnten folgen, denn künftig muss der Vorstandschef persönlich für die Bilanzen gerade stehen.

          Die amerikanische Börsenaufsicht SEC hat am 27. Juni beschlossen, dass CEO (Vorstandschef) und CFO (Finanzchef) eines Unternehmens eine eidesstattliche Erklärung abgeben müssen, dass die eingereichten Abschlüsse korrekt sind. Jurist Werner Ebke, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Konstanz, hält diesen Beschluss für eine drastische Maßnahme. „Wenn der CEO für solche Schäden persönlich in Anspruch genommen wird, dann kann er in seinem Leben 100 Millionen Dollar verdient haben - die sind dann mit einem Schlag weg. Und außerdem steht er für den Rest seines Lebens in der persönlichen Haftung. Das ist für amerikanische Verhältnisse eine viel schärfere Waffe als eine strafrechtliche Verfolgung“, sagte er FAZ.NET. Bei milliardenschweren Firmenpleiten wie im Fall Enron dürfte das Privatvermögen des Chefs kaum ausreichen, um Schadensersatz zu leisten.

          Der Vorstandschef haftet persönlich

          Kein Wunder, wenn viele Vorstandschefs jetzt nervös werden, meint Werner Ebke: „Ich würde mir als CEO jetzt erst mal drei Wochen lang das Audit Committee und den externen Prüfer kommen lassen und mir jede Position erläutern lassen und vor allem jede Fußnote und jede Anmerkung.“ Die neue Regelung der SEC gilt ab der Veröffentlichung der nächsten Quartalsberichte, die vor der Tür stehen. Jurist Ebke geht davon aus, dass viele dieser Quartalsabschlüsse nicht rechtzeitig eingereicht werden dürften.

          Da der Vorstandschef in der Regel versuchen wird, seine neu gewonnene Verantwortung weiterzugeben, könnte sich der Druck im Unternehmen verteilen. Der CEO könnte beispielsweise vom Audit Committee eine schriftliche Bestätigung verlangen, dass alle geprüften Bücher in Ordnung sind. Die Prüfungskommission wird dann wahrscheinlich ihrerseits verstärkt darauf achten, dass alles seine Richtigkeit hat. Dadurch wird der CEO zwar nicht von der Haftung entbunden, kann aber schlüssig nachweisen, dass er nichts von eventuellen Fehlern gewusst hat.

          Drum prüfe, wer sich eidesstattlich bindet

          Über 947 amerikanische Unternehmen sind in den nächsten Wochen von der neuen SEC-Regel betroffen, nämlich dann, wenn sie im vergangenen Geschäftsjahr mehr als 1,2 Milliarden Dollar Umsatz gemacht haben. Die Liste ist auf der Homepage der SEC frei zugänglich, dort werden auch die Statements der Unternehmen veröffentlicht werden. Auch Merck, Disney und Xerox sind aufgeführt, daneben Unternehmen wie Worldcom, Enron oder Qwest, bei denen das Kind eigentlich schon in den Brunnen gefallen ist. In diesen Fällen dürfte das geforderte Statement eher eine Erklärung der begangenen Fehler werden, so geschehen bereits bei Worldcom.

          Werner Ebke geht davon aus, dass der Wahrhaftigkeitsschwur eine „enorm disziplinierende“ Wirkung haben wird. Der Job des Vorstandsvorsitzenden könnte allerdings deutlich an Glanz verlieren - statt großzügigen Aktienoptionen lastet plötzlich jede Menge Verantwortung auf den Schultern des CEO.

          Rücktritt von SEC-Chef Pitt gefordert

          Die neue Schärfe ist eine Reaktion auf die nicht aufhörende Skandalwelle, die „Corporate America“ erschüttert. Spätestens mit dem Worldcom-Bilanzbetrug war das Maß voll, SEC-Chef Harvey Pitt sah sich zum Handeln genötigt. Pitt steht unter heftiger Kritik aus den Reihen der demokratischen Partei. Tom Daschle, Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, nannte Pitt „eine riesige Enttäuschung“ und forderte seinen Rücktritt. Der Vorwurf: Harvey Pitt pflege zu enge Beziehungen zu Unternehmern und würde daher nicht scharf genug gegen die Betrugsfälle vorgehen. Auch der republikanische Senator John McCain schloss sich den Rücktrittsforderungen an.

          US-Präsident George Bush steht zu der Politik des SEC-Vorsitzenden, ist aber selber unter Beschuss geraten. Auch ihm werfen die Demokraten vor, nicht energisch genug gegen die Betrugsfälle vorzugehen. Bush will am Dienstag in einer Rede

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