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Bilanzbetrug : Im Fall Wirecard hat das System versagt

Wirecard: In kritischen Situationen ist keiner zu sprechen. Bild: EPA

Die heutige Wirtschaftsprüfung und ihre Aufsicht brauchen zu lange, um Betrug auf die Schliche zu kommen. In akuten Verdachtsfällen wie Wirecard könnte eine aktionsfähige Eingreifgruppe helfen.

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          Egal wie der Fall Wirecard am Ende ausgeht, für die Wirtschaftsprüfer und die Wirtschaftsprüferaufsicht steht schon heute fest, dass es so nicht weitergehen kann. Zwar hat sich nach heutigem Stand kein Prüfer schuldig gemacht, aber es hat sich an Wirecard gezeigt, dass die heutige Wirtschaftsprüfung und ihre Aufsicht zu lange brauchen, um Betrug auf die Schliche zu kommen. Sie müssen ihre Arbeit viel stärker auch auf mögliche Betrugstatbestände ausweiten und betrugsanfällige Bilanzposten besonders genau unter die Lupe nehmen. Wozu haben denn die Wirtschaftsprüfer die vielen klugen Forensik-Berater?

          Die Wirtschaftsprüfung muss auch ein schärferes Auge auf das Risikomanagement im Unternehmen werfen und prüfen, ob die internen Instrumente wie Controlling oder Revision geeignet sind, Betrug schnell aufzudecken. Wie in früheren Fällen zeigt sich auch bei Wirecard, dass komplizierte Strukturen über Zweckgesellschaften und Treuhandlösungen nicht per se Betrug sind, Betrügern das Geschäft aber vereinfachen.

          Fragen müssen sich auch die Aufsichtsgremien stellen. Dass die Bilanzpolizei mit nur einer Person aus der Ferne über schriftliche Anfragen versucht hat, Fehler im Halbjahresbericht von Wirecard aufzudecken, ist eine Lachnummer. Da hätte auch das heutige System schon mehr hergegeben, wenn man denn gewollt hätte. Man hat den Fall bei der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung offenbar maßlos unterschätzt. Aber auch bei richtiger Gewichtung wäre die Organisation nicht in der Lage gewesen, schnell Fehler aufzudecken. Man muss daher darüber nachdenken, ob man nicht in akuten Verdachtsfällen wie Wirecard eine aktionsfähige Eingreifgruppe zusammenstellen kann. Das Personal dafür ist in der Branche vorhanden und kann von den Prüfungsgesellschaften gestellt werden.

          Es scheint auch nicht mehr zeitgemäß, dass ein Berufsstand, der eine öffentliche Aufgabe wahrnimmt, noch immer mit einem Maulkorb gegenüber der Öffentlichkeit rumläuft. Unternehmensdaten sind sensible Daten, und ihre Veröffentlichung darf dem Unternehmen nicht schaden. Die Wirtschaftsprüfung soll aber Vertrauen in den Finanzmarkt herstellen, wäre also dem Markt gegenüber informationspflichtig. Dem kommt sie heute in keiner Weise nach.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

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