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Biennale in Venedig : "Kunst für Kunden"

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Franco Bernabe Bild: ANSA

Der Präsident der Biennale in Venedig, Franco Bernabe, sucht neues Publikum für die Veranstaltung. Ein Interview.

          Der Präsident der Biennale in Venedig, Franco Bernabe, sucht neues Publikum für Veranstaltung.

          Herr Bernabe, Sie sind der erste Manager an der Spitze der Biennale. Was ist da für Sie der Maßstab für den Erfolg?

          Das Erfolgskriterium ist allein die Besucherzahl, wie auch sonst in der Wirtschaft.

          Erzeugt eine solche Antwort nicht Horror bei den Künstlern?

          Sicher wurde vor zehn Jahren in der modernen Kunst das Publikum nur als eine Begleiterscheinung angesehen, die nicht übermäßig interessierte. Nun haben wir aber nicht umsonst mit einem der Leitsätze für die Biennale die "Diktatur des Zuschauers" in den Mittelpunkt gestellt, nicht die Diktatur des Künstlers.

          Moderne Kunst spricht naturgemäß einen kleinen Kreis von Interessierten an.

          Kunst ist nicht allein eine elitäre Veranstaltung, sondern hat das Potential, größere Zuschauerzahlen anzuziehen. In früheren Jahren war es ja auch nicht so gewöhnlich wie heute, daß Ausstellungen mit berühmten Namen alter Kunst die Besucherschlangen anzogen. Heute, in Zeiten, in denen Fabriken geschlossen werden, hat Kunst auch mehr ökonomische Bedeutung als Katalysator für das Leben einer Stadt. Ich brauche dazu nur den Namen Bilbao zu nennen.

          Haben Sie sich als Präsident der Biennale in die inhaltliche Auswahl eingemischt?

          Mit den Künstlern sprechen die künstlerischen Direktoren der verschiedenen Sparten - etwa bildende Künste, Theater, Musik oder Tanz. Als Präsident habe ich die Direktoren ernannt. Mit den Direktoren habe ich über die Leitlinien der Ausstellung diskutiert.

          Was ist Ihnen dabei wichtig?

          Ich bin in der Kunst ein Amateur, auf italienisch ein "dilettante" - das ist jemand, der alles, was er tut, mit großer Leidenschaft macht. Ich hüte mich davor, künstlerische Entscheidungen zu treffen. Aber wenn es um die Prinzipien geht, mit denen die kurzlebigen Moden unterschieden werden von dem, was auch in hundert Jahren immer wieder angesehen wird, dann kann ich den Part des Publikums übernehmen. Ich bin zudem viel freier als die Vertreter der Kunstwelt, nicht festgelegt auf die Debatten verschiedener Denkschulen.

          Wozu nützen Ihre Kenntnisse als Manager?

          Ich habe dazu beigetragen, die Verantwortlichen mehr auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Für die Großveranstaltung Biennale gelten zudem die gleichen Regeln wie für jedes andere Produkt: Das Produkt muß klar definiert sein, und es muß gute Motive für den Kauf des Produktes geben. Deswegen habe ich mich eingesetzt für Vereinfachung und klare Botschaften.

          Was ist also die Biennale, die nächste Woche beginnt?

          Die Eröffnung der Biennale ist ganz einfach das Fest der modernen Kunst für die ganze Welt. Wir wollen der Trendsetter sein.

          Müssen sich die Besucher der Biennale wie früher mit Videofilmen oder künstlerischen Provokationen auseinandersetzen?

          Grundsatz war es, die Zahl der Videoinstallationen zu begrenzen. Vor allem aber soll es nicht mehr die Videos ohne Anfang und Ende geben, höchstens ganz kurze. Über die künstlerischen Provokationen haben wir lange diskutiert. Es gilt, die Eintagsfliegen zu meiden. Und man kommt als Ökonom an dieser Stelle ganz schnell zur Frage zurück, was denn an dieser Stelle das Motiv für den Kauf des Produktes Ausstellung sein könnte. Schließlich ist es kein Zufall, daß gerade die Museen für moderne Kunst oft so leer sind. Wir brauchen also auch Rücksicht auf die Perspektive des Publikums.

          Soll sich die Kunst dem Geschmack des breiten Publikums anpassen?

          Das Attribut "populär" habe ich nie benutzt, auch nicht auf dem spröden Feld der zeitgenössischen Musik. Wir müssen aber trotzdem weit mehr Publikum anziehen als nur die Experten. Das Publikum muß herangeführt werden an die moderne Kunst. Und das könnte dem amerikanischen Musikdirektor Uri Caine auch gelingen, weil er viele Stilrichtungen mischt, vom Jazz bis zum Experimentellen.

          Was kann ein Manager von der Arbeit mit Künstlern aufnehmen?

          Zum einen hat mir die Vorbereitung mit den künstlerischen Direktoren unendlich viel Spaß gemacht. Zum anderen tendieren die Ökonomen dazu, alles sehr technisch zu sehen. Sie unterschätzen oft die Bedeutung von Emotionen, die vielen Entwicklungen zugrunde liegen. Schließlich wurde auch während der letzten Jahre die Welle der Euphorie in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten dadurch geboren, daß die politischen Führer Amerikas die Bevölkerung und die Finanzmärkte vom Traum einer technischen Revolution überzeugen konnten. Heute fehlt dagegen die Vision, es gibt nichts, was motiviert. Die Leute schließen sich in ihren Egoismen ein.

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