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Impf-Vorbild Bhutan : Gemeinschaftlich aus der Pandemie

Dem Königreich ist das Glück seiner Bürger wichtig: Zentrum von Mongar. Bild: Imago

In fast keinem anderen Land der Welt sind schon so viele Bürger vor Corona geschützt. Dabei setzt Bhutan auf Solidarität statt auf staatlichen Zwang – mit Erfolg.

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          Ein kleines Königreich auf dem Dach der Welt verblüfft einmal mehr: Bhutan steht auf der Weltrangliste der Länder, die die meisten ihrer Bürger gegen Corona geimpft haben, ganz oben. Das Himalaja-Land, das das Glücksgefühl seiner Bürger in die nationale Leistungsberechnung mit aufnimmt, hat in nur zwei Wochen gut 93 Prozent der Erwachsenen geschützt. Nur die Seychellen mit ihren knapp 100.000 Einwohnern liegen noch davor; sie erreichen einen Impfwert von insgesamt 64 Prozent, das unwegsame Bergland Bhutan kommt auf 63 Prozent. Erst am 27. März hatte die Impfkampagne in Bhutan begonnen; am 8. April waren dann schon fast alle Erwachsenen der gut 730.000 Bürger zumindest mit einer ersten Dosis versorgt.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Damit wird das buddhistische Land zum Vorbild vieler: „Es ist eine Erfolgsgeschichte, nicht nur mit Blick auf die Abdeckung, sondern auch mit Blick darauf, wie das Impfvorhaben gemeinschaftlich vorangetrieben wurde, von der Planung bis zur Vollendung“, lobt Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Gemessen an der Versorgung von jeweils hundert Bürgern liegt Bhutan weit vor seinen Nachbarn: China kommt auf den statistischen Wert von 13,55, das derzeit fürchterlich getroffene Indien auf 9,2, Bangladesch auf 4,3, Nepal auf 5,8 und Pakistan auf 0,36 – Bhutan aber meldet sagenhafte 62,06.

          König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck ließ sich dabei als Letzter schützen: „Wir müssen jetzt alle voranmachen, damit wir den Weg für Seine Majestät ebnen können, um die Impfung so schnell wie möglich zu bekommen“, konnte Gesundheitsministerin Dasho Dechen Wangmo deshalb ihren Landsleute Druck machen. Geholfen haben aber auch die Himalaja-Götter: Die Astrologen des Königs berechneten einen verheißungsvollen Tag, um die Impfkampagne zu beginnen.

          Zeugnis einer geschickten Außenpolitik 

          Bei diesen aus westlicher Sicht eher weichen Faktoren aber blieb es nicht. Bhutan spielte auch die beiden Großmächte, die immer wieder um Einfluss im Himalaja ringen, geschickt gegeneinander aus: Aus der Sorge, der große Konkurrent China könne Bhutan noch enger an sich binden, handelte Indien überaus schnell: Die Luftwaffe des Nachbarlandes, das derzeit unter einem Mangel an Impfstoffen und Sauerstoff leidet, flog im Januar zunächst eine erste Lieferung von 150.000 Dosen ein, die medienwirksam dem Außenminister übergeben wurde. Es war die erste Auswärtslieferung der Inder, die damit ihre Großzügigkeit, aber auch strategische Interessen erkennen ließen. Eine zweite Großlieferung von 400.000 der in Indien hergestellten Astra-Zeneca-Impfdosen (Covishield) brachte dann die bhutanische Fluglinie Druk Air Ende März ins Königreich, noch bevor die zweite Welle über Indien hereinbrach.

          Bhutans Regierung impfte nicht umgehend, sondern bereitete zunächst eine ausgefeilte Kampagne vor. Dann machten sich Krankenhelfer auch durch Schnee und Eis auf den Weg, um die Menschen in entlegenen Flecken zu versorgen. Sie wurden mit Hubschraubern in die Bergregionen an 1200 zuvor definierte Ausgabeorte geflogen. Insgesamt, berichtet die Regierung, waren 3300 Helfer und 4400 geschulte Bürger, die Desuups, im Einsatz.

          Auch schon in normalen Zeiten ist Bhutans Gesundheitsversorgung beeindruckend: Die Lebenserwartung hat sich zwischen 1960 und 2014 auf knapp 70 Jahre mehr als verdoppelt. Die Krankenversorgung ist für die Bürger kostenlos; wer im Land nicht versorgt werden kann, wird oft auf Staatskosten in ein Hospital nach Indien oder Thailand ausgeflogen. Bislang haben sich in dem bei zahlungskräftigen Touristen immer beliebteren Reiseland nur knapp eintausend Menschen mit dem Coronavirus angesteckt, einer von ihnen ist gestorben. Die Grenzen sind seit mehr als einem Jahr nahezu geschlossen. Wer dennoch einreisen darf, muss gleich drei Wochen in Quarantäne.

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