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Bevölkerungsentwicklung : Hilfe, unsere Städte veröden

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Auch die Innenstadt von Zeitz verödet. Selbst in den restaurierten Jugenstilhäusern herrscht Leerstand Bild: Jesco Denzel

In Ostdeutschland ist es schon der Fall, auch im Westen wird es ein Problem: Deutschlands Städte drohen zu veröden. Schuld daran ist die Überalterung der Gesellschaft. In einer Studie schlagen Experten Alarm. Die Politik müsse Schwerpunkte bilden und dürfe nicht weiter Handlungsspielraum aufgeben.

          Dass Städte untergehen oder in Bedeutungslosigkeit fallen und wahre Völkerwanderungen entleerte Regionen zurücklassen, ist nicht neu. Dafür haben immer schon Katastrophen oder auch versiegende Bodenschätze gesorgt. Doch nie zuvor hat sich das Bild einer alternden Gesellschaft über ganze Länder und Regionen gelegt - allen voran Deutschland, Italien und Portugal. In diesen Ländern ist seit geraumer Zeit jede Generation um ein Drittel kleiner als die der Eltern.

          Selbst Zuwanderung kann diese Entwicklung nicht aufhalten, sondern allenfalls bremsen. Was aber sind die Folgen dieser Entwicklung, und wie sollte darauf reagiert werden? Gibt es „Chancen des demographischen Wandels für die Wohnungs- und Städtepolitik“? Unter diesem Titel hat der Deutsche Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung einen 250 Seiten starken „Kommissionsbericht Demographie“ vorgelegt, der erstmals Lösungswege aufzeigt.

          Harsche Abrechnung mit der Bürokratie

          Was auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium von Situationsbeschreibungen aussieht, ist in Wirklichkeit eine vornehm formulierte, in der Sache aber harsche Abrechnung mit veralteten und bürokratischen Instrumenten, Vorschriften und Zielsetzungen zur Stadtentwicklung. Selbst das Grundgesetz mit seiner Forderung nach Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse als Leitbild der öffentlichen Daseinsvorsorge wird auf die Hörner genommen, weil das Nebeneinander von Wachstumsinseln und Geisterstädten eine Bündelung der Kräfte und Ressourcen erfordert.

          „Die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse haben einen Flickenteppich aus widersprüchlichen Konzepten entstehen lassen“, heißt es im Kommissionsbericht, und Kommisionsvorsitzende Rüdiger Wiechers vom Vorstand des Deutschen Verbandes mahnt: Das Ende des Wachstums in einzelnen Regionen führe zu weit mehr als der Notwendigkeit, den Wohnungsmarkt durch Rückbau zu bereinigen. Wenn die Menschen fehlen, werde das öffentliche Versorgungsnetz in Frage gestellt.

          Auf aussichtsreiche Zentren setzen

          In seinen vor einiger Zeit erschienenen „Grundlagen und Visionen europäischer Stadtentwicklung“ (Städte für Menschen) hatte Wiechers bereits auf neue Wege hingewiesen: „Die Herausforderung unserer Städte besteht darin, private und unternehmerische Planer zu finden, um eine nachhaltige urbane Politik mitzutragen - organisatorisch und finanziell - und einen Gemeinschaftsgeist in den Städten zu entwickeln.“

          In dem Kommissionsbericht gehen Wiechers und seine Mitautoren noch einen Schritt weiter: Um kommunale Handlungsfähigkeit zu erhalten, müsse die öffentliche Hand über ihre administrativen Grenzen hinweg Schwerpunkte in Metropolregionen und aussichtsreichen Zentren bilden. Zum anderen müssten Prioritäten gesetzt und Fördermitteln gebündelt werden - mit einer Vor-Ort-Instanz als Managementinstrument. Es gehe darum „Stärken zu stärken“, sagte Wiechers anläßlich der Vorstellung des Kommissionsberichts vor mehreren Hundert Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in Frankfurt.

          Die Kommunen geben zu viel Spielraum auf

          Unter dem Druck der Finanzlage würden immer mehr Aufgaben auf Private übertragen und kommunaler Spielraum aufgegeben, statt die Prozesse über öffentlich-private Partnerschaften und kreative Managementmodelle zu steuern. Die schlichte Aufforderung zur Kooperation müsse durch gezielte Anreize ersetzt werden - freilich nicht auf freiwilliger Basis allein: Bei Kooperationsverweigerung müssten Sanktionen möglich sein.

          Kooperationsverweigerung gebe es freilich auch bei der öffentlichen Hand. Hier weist der Bericht auf Machtfragen hin, die sich vor allem aus dem Haushalts- und Personalrecht der öffentlichen Verwaltungen ergäben. Da vielerorts die Möglichkeit schwinde, den Stadtumbau über öffentliche Mittel zu finanzieren, sei eine kooperative Zusammenarbeit der öffentlichen Hand mit den privaten Akteuren unerlässlich.

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