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Bevölkerung : Der Osten schrumpft nicht mehr

  • -Aktualisiert am

Von 2008 bis 2013 zogen nach Leipzig rund 44.000 Menschen mehr an als die sächsische Stadt gleichzeitig verließen. Bild: dpa

Erstmals seit der Wende kommen nach Ostdeutschland mehr Menschen als wegziehen. Viele Gemeinden gehören trotzdem weiter zu den Verlierern.

          Mehr als zwei Jahrzehnte ist die Bevölkerung in Ostdeutschland geschrumpft. Dieser Trend ist nun offenbar vorerst gestoppt, wie eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zeigt. „Seit 2012 ziehen die fünf Flächenländer im Osten mehr Menschen aus dem Westen oder dem Ausland an, als sie umgekehrt verlieren“, sagte Institutsleiter Reiner Klingholz am Dienstag in Berlin. Von dieser Wende profitiert allerdings nur eine Minderheit der Gemeinden, vor allem die Großstädte. Die ländlichen Regionen schrumpfen hingegen weiter.

          Nach dem Fall der Mauer hatte der Osten einen Exodus erlebt. Etwa 1,8 Millionen Menschen verließen seit dem Jahr 1989 die Regionen zwischen Rügen und Erzgebirge – zumeist gen Westen wegen Ausbildung und Arbeit. Einzelne, strukturschwache Regionen büßten sogar bis zu 40 Prozent ihrer Einwohner ein, während die verbliebene Bevölkerung alterte. Inzwischen ist der Osten wieder Zuwanderungsland. Im Jahr 2013 sind 139.400 Personen vom Osten (einschließlich Berlin) in den Westen Deutschlands gezogen. Gleichzeitig sind 140.600 Personen vom Westen in den Osten (einschließlich Berlin) gezogen. Daraus ergibt sich eine positive Bilanz von 1200 Personen.

          Großstädte: Magneten für junge Menschen

          Wobei die Trendwende nur wenige Gewinner hervorbrachte: Lediglich 15 Prozent der 2695 ostdeutschen Gemeinden (außer Berlin) verzeichneten zwischen den Jahren 2008 und 2013 mehr Zuzüge als Fortzüge, wie die Studie „Im Osten auf Wanderschaft“ zeigt. Vor allem größere Städte wie Leipzig, Dresden, Jena, Erfurt, Rostock und Potsdam profitierten. Leipzig zum Beispiel zog zwischen den Jahren 2008 und 2013 rund 44.000 Menschen mehr an als die sächsische Stadt gleichzeitig verließen. Dies verstärkte das Bevölkerungswachstum der vormals schrumpfenden Stadt so sehr, dass sie im Jahr 2013 mit einer Wachstumsrate von 2 Prozent in die Spitzengruppe der deutschen Großstädte vorstieß. Im Jahr 2015 legte die Stadt um rund 16.000 Einwohner zu.

          Die Großstädte sind zu Magneten vor allem für junge Menschen geworden, die einen Ausbildungs- oder Studienplatz suchen. Aufgrund des verbesserten Arbeitsmarkts bleiben viele auch nach der Ausbildung dort. Selbst eine Familiengründung treibt junge Leute nicht mehr zwingend in die Randgebiete der Ballungsräume. Diese dynamischen Zentren könnten als „wichtige Wachstumsmotoren“ bei ansonsten rückläufigen Einwohnerzahlen wirken, sagte Klingholz.

          Ländliche Gemeinden sind die Verlierer

          Verlierer sind die ländlichen Gemeinden, die vor allem junge Leute in die Großstädte ziehen lassen müssen. Das Gefälle zwischen schrumpfenden und wachsenden Regionen wird damit immer größer. So verzeichnen 85 Prozent der ostdeutschen Gemeinden laut der Studie nach wie vor mehr Abwanderung als Zuzüge, sie verlieren also Einwohner. Gleichwohl trotzen inzwischen einige mittelgroße Städte dem Schrumpfprozess. „Als lokale Versorgungszentren bieten sie kurze Wege zu Ärzten, Apotheken, Geschäften, Restaurants oder kulturellen Einrichtungen“, sagte Manuel Slupina, Autor der Studie. Das macht sie vor allem für die steigende Zahl der Ruheständler aus dem Umland interessant, denn in den Dörfern dünnt die Versorgung immer mehr aus.

          Mit den vielen Flüchtlingen eröffnet sich für die ländlichen Gemeinden zudem eine „Chance, neue Bewohner zu gewinnen“. Wo sich Flüchtlinge dauerhaft niederließen, könnten Schulen vor der Schließung bewahrt werden, neue Geschäfte entstehen und Leerstand würde zu Wohnraum. Zwar zieht es die meisten Neuankömmlinge in die Städte und Richtung Westen. Zwar verfügten ländliche Kommunen kaum über sogenannte Migrantennetzwerke, doch böten sie andere Vorteile. „Wo die Gemeinschaft in Vereinen oder über die Freiwillige Feuerwehr organisiert ist, wo man sich gegenseitig kennt und unterstützt, ist eine Integration prinzipiell leichter möglich als im anonymen städtischen Umfeld.“

          Dynamische Zentren könnten als Wachstumsmotoren bei ansonsten rückläufigen Einwohnerzahlen wirken.

          Die Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Iris Gleicke (SPD), freute sich über die Netto-Einwanderung, sagte aber: „Der Erfolg der ostdeutschen Städte darf nicht über die Probleme der ländlichen Regionen hinwegtäuschen.“ Vor allem auf dem Land kämpfen viele Kommunen weiterhin mit dem demographischen Wandel. Gleicke warb angesichts des kritischen Befundes für eine gezielte Förderung der strukturschwachen Regionen in Ost und West für die Zeit nach dem Auslaufen des Solidarpaktes II. „Wir haben nicht die Klodeckel vergoldet, sondern Sinnvolles erreicht.“

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