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Sie werden wohl aussagen : Wirtschaftsprüfer von Wirecard vor Gericht

EY Deutschland hat die Jahresabschlüsse von Wirecard geprüft. Bild: EPA

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY bleibt im Fokus des Wirecard-Skandals. Der Sprecher der Geschäftsführung zeigt sich dabei alles andere als bedrückt.

          3 Min.

          Vor einem Jahr stand Hubert Barth auf der Sonnenseite des Managerlebens. Sein Unternehmen hatte die Marke von 2 Milliarden Euro Umsatz überschritten, konnte sich als der große Gewinner der Zwangsrotation bei den Wirtschaftsprüfern fühlen und hatte gute Aussichten, dass die Erfolgssträhne anhält. Der damals 51 Jahre alte Manager konnte sich im Winter dem Skifahren und dem Lesen widmen. Dann aber kam nicht nur 2020, sondern mit dem neuen Jahr auch Corona – und der Betrugsfall Wirecard.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Weil EY zehn Jahre lang der Wirtschaftsprüfer des Zahlungsdienstleisters gewesen ist, wurde mit jeder neuen Erkenntnis im Betrugsfall auch der Name EY erwähnt. Politik und Öffentlichkeit stürzten sich vorzugsweise auf die Prüfer. Viele der als Folge des Wirecard-Skandals geplanten Gesetzesänderungen betreffen die Wirtschaftsprüfer. In mancher Veröffentlichung wurde dem Prüfer die Hauptschuld gegeben am Skandal und daran, dass er so spät aufgedeckt wurde.

          Wer angesichts dieses Drucks einen zerknirschten Sprecher der Geschäftsführung erwartet, wird enttäuscht. Barth macht in diesen Tagen einen sehr aufgeräumten Eindruck. Er zeigt sich entschlossen, diese Krise nicht nur durchzustehen, sondern am Ende ohne Fehl und Tadel aus ihr hervorzukommen. Auch wenn es angesichts der Vorwürfe und der Größe des Skandals wie das Rufen im Walde klingt, der Tenor von EYs Äußerungen hat sich nicht geändert: „Wirecard ist ein Einzelfall. Er treibt uns angesichts seiner Größe um. Aber wir haben uns nichts vorzuwerfen. Wir haben den Betrugsfall nachgewiesen und umfassend kommuniziert.“ Das wird auch die Grundmelodie sein, wenn am Donnerstag vier Prüfer von Wirecard vor dem Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages aussagen müssen.

          Dass sie etwas aussagen, gilt als sicher. Nur einer wird von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen, weil ein strafrechtliches Verfahren gegen ihn läuft. Aber auch die anderen werden sich nicht zu Einzelheiten der Prüfung äußern. Das sei kein Wegducken, widerspricht Barth allen öffentlichen Vermutungen, man werde deshalb nichts sagen, weil man etwas zu verschweigen habe. Es gehe ausschließlich um den Schutz der Mitarbeiter, denn diese unterliegen als Wirtschaftsprüfer der Verschwiegenheitspflicht. Zwar hat der Insolvenzverwalter von Wirecard die Prüfer von dieser Verschwiegenheitspflicht entbunden. Unter Juristen ist aber umstritten, ob er dazu überhaupt berechtigt ist. Es gibt Oberlandesgerichte, auch und gerade in Berlin, die der Auffassung anhängen, dass die Verschwiegenheitspflicht nur jenes Organ aufheben kann, dem gegenüber man sie eingegangen ist. Danach könnte eine Entbindung nur durch den früheren Aufsichtsrat von Wirecard erfolgen.

          Damit die Prüfer nicht Weihnachten unter dem Verdacht des Geheimnisverrats begehen müssen, will EY eine schnelle Klärung durch den Bundesgerichtshof erwirken. Der BGH soll klären, ob die Prüfer weiterhin der Verschwiegenheitspflicht unterliegen oder davon rechtsgültig befreit sind. Dazu muss man sich einer Krücke bedienen, die darin besteht, dass man sich vom Ausschuss ein Bußgeld auferlegen lässt, gegen das man beim BGH Widerspruch einlegt. Dass man mit einem Gang zum BGH nur Zeit schinden wolle und darauf setze, dass der Untersuchungsausschuss mit dem Auslaufen der Legislaturperiode im kommenden Jahr ohnehin seine Arbeit beenden müsse, wird von EY verneint. Hausjuristen gehen davon aus, dass man binnen weniger Wochen, eventuell noch vor Weihnachten, eine rechtskräftige Entscheidung des obersten Gerichts erwarten kann.

          Barth muss sein Unternehmen, das er seit 2016 leitet, aber nicht nur gegen justitiable Vorwürfe verteidigen. Es sprießen auch Vermutungen ins Kraut, EY leide wirtschaftlich unter dem Imageschaden, der mit dem Wirecard-Skandal verbunden ist. Immer wird berichtet, dass die Commerzbank früher als geplant den Wechsel weg von EY vollziehe und der Vermögensverwalter DWS zwar EY als neuen Prüfer berufen wollte, davon aber Abstand genommen habe. In beiden Fällen hat man sich gegen EY entschieden, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Sowohl die Commerzbank als auch DWS machen Schäden im Fall Wirecard geltend, die eventuell auch gegen deren Prüfer EY geltend zu machen sind. Man müsste dann gegen den eigenen Prüfer klagen. Das will man vermeiden.

          Vor allem als der Chef des internationalen EY-Verbundes Carmine Di Sibio sich im September veranlasst sah, in einem Schreiben an die Kunden um Vertrauen zu werben, dachte man, jetzt brenne es unter dem Dach. Auch Barth gibt zu, dass bei sehr vielen Mandanten Gesprächsbedarf bestanden habe. Aber man habe die Kunden überzeugen können, dass Wirecard ein betrügerischer Einzelfall sei.

          Zahlen für das am 30. Juni abgelaufene Geschäftsjahr 2019/20 hat EY bisher nicht vorgelegt. Aber der Transparenzbericht und Äußerungen aus dem Haus EY lassen darauf schließen, dass man das Geschäftsjahr wie die Konkurrenz auch mit einem geringen Wachstum abgeschlossen hat. Das dürfte auch anhalten, denn EY hat trotz der öffentlichen Anschuldigungen einige große Mandate gewonnen, zuletzt Volkswagen und MTU. Allein die neuen Mandate dürften für Wachstum sorgen. Berichte darüber, dass die Konkurrenz oder Headhunter bei EY Personal abwerben, werden ebenfalls von EY als Gerücht abgetan. Die Fluktuation liege auf einem historischen Tiefststand, heißt es in Stuttgart. Der wirtschaftliche Schaden sei nicht nur gering, sondern geringst, heißt es.

          Zu alledem will sich Barth nicht offiziell äußern. Noch nicht. Aber er zeigt sich zuversichtlich, dass er persönlich und sein Haus schon bald mehr sagen können. Der Vater dreier Kinder freut sich jedenfalls auf einige freie Tage zu Weihnachten, um zu lesen. Und für 2021 wünscht er sich, „dass der Impfstoff gegen Corona erfolgreich eingesetzt werden kann“. Die Hersteller Biontech wie auch Curevac sind Mandanten von EY.

          Georg Giersberg

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