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Corona-Krise : Der „Pflexit“ bleibt aus

Krankenpflegerinnen auf einer Intensivstaion legen ihre Schutzausrüstung an, bevor sie das Behandlungszimmer eines Covid-19-Patienten betreten. Bild: Frank Röth

Deutschland verliere in der Corona-Krise Tausende Pflegekräfte: Diese Nachricht sorgte für viel Wirbel. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen das Gegenteil – die Beschäftigung steigt.

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          Diese Nachricht sorgte für viel Aufsehen: Deutschland verliere in der Corona-Krise Tausende Pflegekräfte, warnte die Linke im Bundestag Anfang März. Rund 9000 Beschäftigte in der Alten- und Krankenpflege hätten „allein im Sommer letzten Jahres den Dienst quittiert“ – die Zahl wird seitdem immer wieder zitiert. Die Linke berief sich auf Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA), die zwischen April und Juli letzten Jahres tatsächlich eine Delle zeigen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Pflege lag jedoch selbst in diesem Zeitraum noch deutlich über dem Vorjahr. Und: Seit August steigt sie wieder. Darauf machte die BA am Freitag angesichts des „Tags der Pflege“ kommende Woche aufmerksam.

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Den in den vergangenen Monaten diskutierten Rückgang von 9000 Beschäftigten in der Pflege könne man „aus den aktuell vorliegenden Daten nicht bestätigen“, teiIte die BA mit. Im Frühjahr sei in der Krankenpflege immer ein Rückgang zu beobachten. Eine Sonderauswertung der Zahlen, die der F.A.Z. vorliegt, bestätigt das: So gab es seit 2015 zwischen März und Juli stets ein Minus, wenn auch zum Teil minimal kleiner als 2020.

          Dieses komme dadurch zustande, dass im Frühling Ausbildungsverhältnisse enden und vor den Sommerferien weniger Stellen besetzt werden, so die BA. Der Rückgang in der Altenpflege fand hingegen so in den Vorjahren nicht statt. Die Tabellen zeigen, dass im zweiten Quartal 2020 aber nicht mehr Arbeitsverhältnisse beendet wurden als üblich, dafür aber – womöglich wegen der Pandemiebedingungen – weniger neu begonnen.

          Große Fluchtwelle bisher ausgeblieben

          Grundsätzlich sei die Beschäftigung trotz der Pandemie weiter gestiegen, betonte die BA. „Das gesamte Gesundheitswesen gehört zu den wenigen Branchen, die vergangenes Jahr nicht von einem Beschäftigungsrückgang betroffen waren.“ So gab es im Oktober vergangenen Jahres – aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor – 1,77 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Pflege, rund 43.000 mehr als ein Jahr zuvor. Der Trend der vergangenen Jahre setzte sich damit fort. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Pflege ist seit 2015 überdurchschnittlich stark gestiegen: um 14 Prozent auf 1,11 Millionen Krankenpfleger und 615.000 Altenpfleger im Jahresschnitt 2020. Im Durchschnitt aller Beschäftigten waren es lediglich 8 Prozent.

          Diese Zahlen bedeuten nicht, dass nicht auch Pflegekräfte den Beruf verlassen, was – angelehnt an den Brexit – oft unter dem Begriff „Pflexit“ diskutiert wird. Im Kurznachrichtendienst Twitter berichten Pflegekräfte unter diesem Stichwort immer wieder von Kündigungen aufgrund der schwierigen Arbeitsbedingungen, und das nicht erst seit Beginn der Corona-Krise. Allerdings gelingt es den Krankenhäusern und Altenheimen offenbar, mehr Pflegekräfte einzustellen, als sie verlieren – die große Fluchtwelle ist bisher ausgeblieben.

          Offen ist, ob die Pandemie daran etwas ändert. Fachleute befürchten, dass derzeit vor allem das Pflichtgefühl die Pflegekräfte daran hindert, den Beruf zu verlassen und es nach der Krise gerade auf den Intensivstationen zu einer Kündigungswelle kommt. Den trotz des Beschäftigungsaufwuchses großen Personalmangel in der Pflege würde das weiter verschärfen.

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