https://www.faz.net/-gqe-9julw

Trotz Konjunkturschwäche : In der deutschen Industrie arbeiten so viele Menschen wie nie zuvor

  • Aktualisiert am

Die kühlere globale Konjunktur hat Industrieunternehmen bisher wenig anhaben können: Containerabfertigung im Hamburger Hafen Bild: dpa

Der Welthandel verlangsamt sich – der BDI warnt sogar vor einem wachsenden Rezessionsrisiko. Beschäftigung bauen Unternehmen dennoch auf. Noch sind auch die Auftragsbücher in den Industrieunternehmen gut gefüllt.

          Ungeachtet der kühleren Konjunktur in Deutschland und im Euroraum setzt sich der Beschäftigungsaufbau in der deutschen Industrie fort. Die Zahl der Beschäftigten ist dort 2018 ungeachtet der anhaltenden globalen Flaute auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Die Betriebe zählten im Jahresschnitt rund 5,7 Millionen Mitarbeiter – 2,7 Prozent oder rund 150.000 mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte.

          Seit Beginn der Erhebung 2005 gab es noch keinen höheren Wert, erklärten die Wiesbadener Statistiker. Grund hierfür dürfte sein, dass die Auftragsbücher nach wie vor gut gefüllt sind: Die Reichweite des Auftragsbestandes liegt bei rund einem halben Jahr.

          Im Maschinenbau erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten am deutlichsten, im Vergleich zum Vorjahresmonat betrug der Zuwachs im Dezember 3,6 Prozent. In der Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen erhöhte sich die Beschäftigenzahl um 3,5 Prozent. Überdurchschnittlich legte die Zahl mit 3 Prozent Zuwachs auch in der Herstellung von Metallerzeugnissen zu. Auch in den Fertigungshallen für Gummi- und Kunststoffwaren und in Fabriken für die Produktion elektrischer Ausrüstungen waren die Zuwächse mit 2,7 Prozent stattlich. Den niedrigsten Beschäftigtenzuwachs gab es in der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen.

          Der Arbeitsmarkt gilt allerdings als nachlaufender Indikator, die Entwicklungen auf diesem hinken gewöhnlich der tatsächlichen konjunkturellen Lage hinterher. Und sonst  mehren sich die Anzeichen dafür, dass dem verarbeitenden Gewerbe schwierigere Zeiten bevorstehen.

          In der zweiten Jahreshälfte ist die Industrie nach Einschätzung des Ifo-Instituts in München sogar bereits in eine Rezession gerutscht. Wegen Problemen bei der Umstellung auf den neuen Abgasmessstandard WLTP drosselte die Autobranche ihre Produktion im dritten und vierten Quartal temporär stark. Auch andere wichtige Branchen mussten zum Jahresende aber kämfpen, einige sind geschrumpft. Unter anderem dämpfen der Handelskonflikt, der Brexit und die Krise in wichtigen Schwellenländern wie der Türkei und China derzeit die Nachfrage nach Gütern aus Deutschland immer nachhaltiger.

          BDI warnt vor erhöhter Anfälligkeit

          Entpsrechend warnen die Industrieverbände immer eindringlicher vor dem Risiko eines globalen Wachstumseinbruchs. „Das Risiko einer weltweiten Rezession ist deutlich gestiegen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Joachim Lang, am Freitag, als er einen globalen Wachstumsausblick gab. Derzeit reiche eine „gravierende Fehlentscheidung“ – und Europas wirtschaftliche Entwicklung wäre besonders gefährdet, sagte er.

          „Steigende US-Leitzinsen sowie sehr flache Zinsstrukturkurven, eskalierende Handelskonflikte oder ein ungeordneter Brexit drohen eine weltweite Rezession auszulösen“, sagte Lang. Die globale Wirtschaft werde dieses Jahr nur gut dreieinviertel Prozent zulegen, nach rund 3,7 Prozent 2018. Fachleute sprechen nach einer Daumenregel von weltweiter Rezession, wenn das gesamte Bruttoinlandsprodukt weniger als drei Prozent wächst.

          Brexit kommt zur Unzeit

          Starke Wachstumsimpulse sind vom Euroraum bis auf weiteres nicht zu erwarten. „Europa hat den konjunkturellen Höhepunkt überschritten“, sagte Lang. Für den Währungsraum erwartet der BDI nur noch einen Zuwachs von 1,3 Prozent – nach 1,8 Prozent im Vorjahr. Es gebe zwar positive Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und beim Konsum, aber auch weniger Schwung bei den Investitionen und im Außenhandel, heiß es in dem Ausblick. Die amerikanische Wirtschaft dürfte um 2,3 Prozent zulegen, die von China um 6,3 Prozent.

          Für die deutsche Wirtschaft hatte BDI-Präsident Dieter Kempf bereits davor gewarnt, dass bei massiven Störungen im Handel zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU im besten Fall noch die Eins vor dem Komma bliebe.

          Weniger Arbeitsstunden geleistet

          Die Zahl der im Dezember 2018 geleisteten Arbeitsstunden nahm im Vergleich zum Vorjahresmonat – bei gleicher Zahl von Arbeitstagen – um 1,2 Prozent auf 604 Millionen Stunden ab, wie das Statistische Bundesamt ebenfalls am Freitag mitteilte.

          Die Entgelte für die Beschäftigten in der Industrie summierten sich auf rund 24,1 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahresmonat bedeutet das einen Anstieg um 4,3 Prozent.

          Weitere Themen

          „Da ist etwas aus dem Ruder gelaufen“

          Bulmahn über 20 Jahre Bologna : „Da ist etwas aus dem Ruder gelaufen“

          Edelgard Bulmahn war federführend beteiligt, als vor 20 Jahren Bachelor und Master in die deutschen Universitäten einzogen. Im FAZ.NET-Interview spricht die frühere Bildungsministerin über die Freiheit der Wissenschaft und das Humboldtsche Bildungsideal.

          Zaubert bald die ganze Welt?

          Harry-Potter-Pokemon-Go : Zaubert bald die ganze Welt?

          Pokemon Go kriegt einen Nachfolger. Am Freitag startet „Harry Potter: Wizards Unite“. Die Spieler sollen die Zauberei vor den Muggeln retten. Das Spiel könnte den nächsten Hype auslösen.

          Topmeldungen

          Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

          Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

          Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

          Streit mit Frankreich um Weber : AKK gibt nicht nach

          Kramp-Karrenbauer bleibt dabei: Weber soll neuer Kommissionspräsident werden. Das macht sie ausgerechnet in Paris deutlich. Zudem verlangt sie von den Grünen in der Außenpolitik einen klareren Kurs.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.