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Berufswelt : Männergehirne und Frauenkarrieren

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Verfechterin einer neuen Weiblichkeit: Louann Brizendine Bild: Matthias Lüdecke / F.A.Z.

Eine amerikanische Forscherin provoziert: Die Berufswelt ist auf die Gehirne der Männer ausgerichtet, sagt sie im Interview. Das muss sich ändern, findet die Neuropsychiaterin Louann Brizendine.

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          Frau Brizendine, Frauen in Führungspositionen sind in Deutschland kaum zu finden. Haben wir Frauen nicht das Hirn, um oben anzukommen?

          Um Himmels willen! Wie kommen Sie denn darauf?

          Weil es bisher offensichtlich nicht klappt. Jetzt hilft sogar die Corporate-Governance-Kommission den Frauen nach. Sie hat die Regeln für gute Unternehmensführung verschärft: Firmen müssen erklären, wie sie mehr Frauen an die Spitze bringen.

          Das ist sicher richtig. Denn männliche und weibliche Gehirne sind gleichermaßen leistungsfähig. 50 Prozent der weltweit intelligentesten Gehirne sind weiblich, 50 Prozent sind männlich. Aber die Gehirne der beiden Geschlechter arbeiten sehr unterschiedlich.

          Deswegen kommen Frauen nur so selten in Führungspositionen?

          Das hängt damit zusammen. Die Berufswelt ist von Männern für Männer gemacht. In den Vereinigten Staaten führen wir die gleiche Diskussion wie Sie hier. Und zwar nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Wissenschaft, in der gerade zehn Prozent der Top-Positionen mit Frauen besetzt sind. Oder denken Sie an die Welt der großen Hedge-Fonds.

          In Deutschland heißt es oft, die Frauen seien an dieser Malaise selbst schuld. Sie wollten gar nicht nach oben.

          Für die Mehrzahl der Frauen, die Kinder bekommen, ist die Motivation, sich an die Spitze zu kämpfen, in der Tat ein Problem. Nicht aus organisatorischen Gründen, sondern aufgrund ihres Gehirns, das zeitweise vom eigenen Nachwuchs enorm gefordert wird.

          Aber viele qualifizierte Frauen haben doch gar keine Kinder.

          Richtig. Das ist auch nur der eine Teil der Erklärung, den man trotzdem erwähnen muss. Ein anderer wichtiger Grund findet sich in der Struktur der Arbeitswelt. Sie ist von der Funktionsweise männlicher Gehirne geprägt und spiegelt diese. Frauen, die ganz anders denken, passen dort nicht hinein. Das spüren sie intuitiv und fühlen sich dann permanent entmutigt.

          Das, was Sie sagen, ist politisch nicht sehr korrekt.

          Es ist tatsächlich bis heute politisch nicht korrekt, zu behaupten, dass sich männliche und weibliche Gehirne in ihrer Funktionsweise dramatisch unterscheiden. Obwohl es wissenschaftlich längst erwiesen ist. Es ist wichtig, das endlich zu akzeptieren, um das Potential der Frauen, ihre Intelligenz und Kreativität auch in der Wirtschaft zu nutzen. Das Land, dem es am ehesten gelingt, mehr Frauen in Führungspositionen zu integrieren oder zu halten, wird am wettbewerbsfähigsten sein ...

          Das hören die Männer sicher nicht allzu gerne.

          Ich habe sehr viel über das menschliche Gehirn geforscht. Inzwischen glaube ich nicht mehr, dass Männer Frauen überwiegend wissentlich diskriminieren. Im Gegenteil, viele arbeiten - auch auf Führungsebenen - gerne mit Frauen zusammen. Nur machen uns die unterschiedlichen Funktionsweisen unserer Gehirne oft einen Strich durch die Rechnung.

          Was genau funktioniert denn so unterschiedlich?

          Forschungsergebnisse legen die Vermutung nahe, dass es in unserem Gehirn zwei Gefühlssysteme gibt, die nebeneinander arbeiten. Frauen und Männer nutzen diese beiden Systeme unterschiedlich stark. Wenn zwei Menschen über ein Problem kommunizieren, wird zunächst bei beiden Geschlechtern das Gefühlssystem aktiv, das uns dazu befähigt, uns in die Gefühlslage des jeweiligen Gegenübers zu versetzen. Bei Männern allerdings nur für kürzere Zeit. Dann schalten ihre Gehirne auf die Problem-Analyse und die Suche nach Lösungen um. Dabei sorgt das männliche Fortpflanzungshormon, also das Testosteron, dafür, dass männliche Gehirne auf diese kognitive Schiene wechseln.

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