https://www.faz.net/-gqe-u5r1

Berufsunfähigkeit : Das unterschätzte Risiko

Bild: F.A.Z.

Jeder fünfte Angestellte muss seinen Beruf wegen Krankheit oder Unfall aufgeben. Der Staat hilft kaum. Eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit ist daher Pflicht. Wir stellen die besten vor. Mit Tabelle.

          3 Min.

          Welche Versicherung besitzen die Deutschen am häufigsten? Die Hausratsversicherung. Fast 80 Prozent der Haushalte haben eine. Welche Versicherung sollten sie neben einer privaten Haftpflichtpolice aber eigentlich abschließen? Eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Die besitzen jedoch nur 24 Prozent.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das ist fatal. „Das Risiko, berufsunfähig zu werden, wird von vielen unterschätzt. Eine Versicherung für diesen Fall ist ein absolutes Muss“, sagt Lilo Blunck, Geschäftsführerin des Bundes der Versicherten, der die Verbraucher vertritt. Schließlich werde jeder dritte Arbeiter und jeder fünfte Angestellte vor dem Beginn des Rentenalters berufs- oder sogar erwerbsunfähig. Ersteres meint, dass durch Unfall oder Krankheit der Beruf nicht mehr ausgeübt werden kann. Letzteres ist noch schlimmer: Der Betroffene kann nicht mehr als sechs Stunden am Tag arbeiten - unabhängig von der Tätigkeit.

          Private Absicherung ist notwendig

          Wem das passiert, der erleidet große finanzielle Einbußen. Denn das Gehalt ist für die meisten die Haupteinnahmequelle. Der Staat ist im Ernstfall kein guter Helfer mehr. Seit der Reform im Jahr 2001 wird eine volle Erwerbsminderungsrente nur noch für die bezahlt, die nicht mehr als drei Stunden arbeiten können, egal, in welcher Tätigkeit. 2005 wurden im Durchschnitt in den alten Bundesländern nur 688 Euro im Monat bezahlt. Wer zwischen drei und sechs Stunden arbeiten kann, bekommt sogar nur die Hälfte. Wer mehr schafft, bekommt gar nichts.

          Zum Leben ist das zu wenig, eine private Absicherung ist notwendig. Dabei helfen die private Unfall- und die Berufsunfähigkeitsversicherung. Letztere zahlt in der Regel, wenn nur noch höchstens 50 Prozent der Arbeitszeit gearbeitet werden kann. Diese Police sollte bevorzugt werden, auch wenn sie teurer ist, empfiehlt Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: „Denn sie zahlt auch, wenn der Beruf durch eine Krankheit nicht mehr ausgeübt werden kann. Die Unfallversicherung leistet dann nicht.“ Unfälle sind aber vergleichsweise selten der Grund für Berufsunfähigkeit. Hauptursachen sind mittlerweile psychische Probleme sowie Erkrankungen von Skelett und Muskulatur.

          „Schon Berufsanfänger sollten sich schützen“

          Mit der Absicherung kann nicht früh genug begonnen werden. „Schon Berufsanfänger sollten sich schützen“, sagt Weidenbach. Denn sie bekämen in den ersten fünf Jahren noch nicht einmal die bescheidene staatliche Erwerbsminderungsrente. Aber auch wer drei Jahre vor dem Unfall oder der Krankheit nicht gearbeitet hat, etwa um Kinder zu erziehen, bekommt nichts vom Staat.

          Hinzu kommt, dass die Prämie in jungen Jahren gewöhnlich niedriger ist. Vor allem aber ist dann die Gefahr noch gering, dass schon Vorerkrankungen vorliegen, die die Versicherung teurer machen oder gar den Abschluss ganz ausschließen. Schon ein Heuschnupfen kann ein Anlass dazu sein, denn er könnte sich ja zu einem schweren Asthma ausweiten.

          Datenbanken mit abgelehnten Kunden

          „Wer solche Erkrankungen hat, sollte mit ,Probe' vermerkte Anträge gleichzeitig an mehrere Versicherer schicken, um zu testen, wer von ihnen bereit ist, einen Schutz anzubieten“, rät Verbraucherschützerin Weidenbach. Denn wer erst einmal bei einem Versicherer abgelehnt ist, hat es auch bei der Konkurrenz schwer, weil das in Datenbanken erfasst werde.

          Auf der Suche nach der passenden Versicherung kommt die Höhe des Beitrages erst an zweiter Stelle. „Zuerst müssen die Bedingungen geprüft werden“, betont Martin Zsohar vom Analysehaus Morgen & Morgen. Dabei gibt es gravierende Unterschiede, wie sein Haus bei einer Analyse von 323 Berufsunfähigkeitstarifen von mehr als 80 Versicherern herausgefunden hat. Sie flossen in ein Rating der besten Anbieter ein (siehe Tabelle).

          Kein Detail über die eigenen Leiden weglassen

          Auffallend dabei ist zum einen, dass es auch günstige Kombinationsangebote aus Risikolebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung gibt. Und dass zum anderen die Rentenhöhe, die der Versicherte für den Ernstfall vereinbart, nicht immer zu 100 Prozent garantiert ist, sondern eventuell erst durch eine höhere Prämie erreicht wird. Der Anstieg ist aber begrenzt (in der Tabelle „Maximalbeitrag“).

          Die guten Angebote machten sich bei sonst gleichen Annahmen in Preisaufschlägen zwischen 20 bis 30 Prozent zum schlechtesten Versicherer bemerkbar, hat Zsohar ermittelt. Für den Mehrpreis gebe es dann aber auch deutlich stärkere Leistungen. Wichtig sei etwa, dass die abstrakte Verweisung ausgeschlossen ist, das heißt, dass der Versicherer nicht die Zahlung verweigern kann, wenn ein anderer Beruf noch ausübbar ist. „Viele Versicherer gewährleisten das mittlerweile“, sagt Zsohar. Eine gute Bewertung gab es für Anbieter, die verspätete Meldungen akzeptieren und eine Berufsunfähigkeit von nur sechs Monaten verlangen, um zu zahlen. Andere fordern mehr als ein Jahr. Belohnt wurden zudem Versicherer, die rückwirkend ab Beginn der Berufsunfähigkeit zahlen.

          Bei all diesen Bedingungen hätten sich die Versicherer im Vergleich zum Vorjahrestest kaum verschlechtert, sagt Zsohar. Fortschritte gebe es in der Kompetenz: Die Anträge würden professioneller geprüft. Das heißt auch: Wer zu schummeln versucht, könnte schneller auffliegen. Wirklich geschützt ist also nur, wer in der Gesundheitsprüfung bei Vertragsabschluss kein Detail über die eigenen Leiden weglässt. Sonst zahlt der Versicherer nicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Freie Fahrt? Auf Deutschlands Autobahnen wartet die „größte Verwaltungsreform seit Jahrzehnten“.

          Autobahnen : Besser als Google Maps

          Bald übernimmt der Bund Planung, Bau und Betrieb der Autobahnen. Anfang 2020 beginnt ein erster Härtetest: Eine Verwaltung, die sich Jahrzehnte eingespielt hat, wird durcheinandergewirbelt. Wird alles klappen?
          Die Dividenden ersetzen die Zinsen nicht.

          Die Vermögensfrage : Die Dividende ist nicht der neue Zins

          In Zeiten abgeschaffter Zinsen werden neue Anlagemöglichkeiten gesucht und gefunden: die Dividende. Ein guter Tausch? Dividendentitel können ein attraktiver Bestandteil der eigenen Aktienanlagestrategie sein, den Zins aber ersetzen sie nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.