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Berufsimage : Das Comeback der Lehrer

  • -Aktualisiert am

Baden-Württemberg wirbt mit ungewöhnlichen Methoden um Pädagogen Bild: picture-alliance/ dpa

Auf einmal ist der schlechte Ruf dahin. Gerade galten die Lehrer in den aufgeheizten Bildungsdebatten noch als schlecht ausgebildet, überaltert, selten engagiert und häufig überfordert. Jetzt ist das ganz anders. Die Länder prügeln sich um neue Lehrer. Denn die Kollegien sind alt und guter Nachwuchs ist rar.

          Auf einmal ist der schlechte Ruf dahin. Gerade galten die Lehrer in den aufgeheizten Bildungsdebatten noch als schlecht ausgebildet, überaltert, selten engagiert und häufig überfordert. Jetzt ist das ganz anders. Die Bundesländer liefern sich um die Pädagogen eine handfeste Abwerbeschlacht - und polieren zugleich das Ansehen eines ganzen Berufsstandes auf.

          "Sehr guten Morgen, Herr Lehrer!", lautet die Aufschrift der Plakate, mit denen das Land Baden-Württemberg neue Pädagogen ins Ländle locken will. Berlin bietet Junglehrern gar ein deutlich gesteigertes Gehalt - 1200 Euro brutto mehr im Monat -, wenn sie sich für die Hauptstadt entscheiden. Und die Politiker ergehen sich in Lobeshymnen darüber, was Lehrer leisten.

          Der wichtigste Grund dafür: Deutschland gehen die Pädagogen aus. Die Kollegien sind überaltert, das Durchschnittsalter der Lehrer liegt weit über dem anderer Berufe. Hunderttausende werden in den nächsten Jahren pensioniert. Absehbar war das schon lange, doch wenig wurde unternommen. Heute sind die Lehrer daher gefragt wie selten. Der Bieterwettbewerb der Länder hat gerade erst begonnen.

          Der B eruf erlebt einen Imagewandel

          Das lässt ihr Ansehen auch in der Gesellschaft steigen. "Der Lehrerberuf erlebt derzeit einen Imagewandel", sagt etwa Peter Ferres. Er muss es wissen: Er arbeitete zwanzig Jahre lang als Investmentbanker, bevor er beschloss, sein Leben zu ändern und Lehrer zu werden. Während deutsche Freunde noch vor kurzem - in den Boomzeiten der Finanzindustrie - seiner Entscheidung verständnislos gegenüberstanden, zollt man ihm heute Respekt. Denn das Image der Investmentbanker erlebt gerade einen Niedergang, das der Lehrer steigt in ungekannte Höhen.

          Die Pädagogen feiern ein Comeback - nachdem ihr Ruf in den vergangenen Jahren eher gelitten hatte. Die Öffentlichkeit attestierte ihnen das, was die Klischees seit Jahren hergeben: faul oder überfordert, zu alt oder schlecht ausgebildet, häufig krank oder gerne frühpensioniert - alles auf Kosten des Steuerzahlers.

          Ganz falsch lag dieses Urteil nicht. Überflieger sind die deutschen Lehrer nie gewesen. Das waren immer andere: die Banker, die Berater, die Wirtschaftsbosse, lange auch die Ärzte. Weil in Deutschland so gut wie jeder Lehrer werden kann, der über eine Hochschulreife verfügt, wurden es nie die Besten eines Jahrgangs, sondern eher die Schlechteren. Das zeigt eine Studie des Münchener Bildungsökonomen Ludger Wößmann, die der F.A.S. vorliegt.

          Bisher war es wenig attraktiv, Lehrer zu werden

          Wößmann hat erstmals die Noten der Lehrer mit denen anderer Berufsgruppen verglichen Sein Fazit: "Nur Gymnasiallehrer haben einen Abiturdurchschnitt, der so gut ist wie der von anderen Uni-Absolventen. Lehrer für Grundschulen und für die Sekundarstufe I hingegen waren deutlich schlechter im Abitur." Sie erreichen noch nicht einmal die Abiturnoten des durchschnittlichen Fachhochschulstudenten. Während in anderen Ländern aufgrund strenger Zulassungsbeschränkungen nur die Jahrgangsbesten die Chance haben, Lehrer zu werden, tummeln sich in Deutschlands Bildungssystem die Anti-Eliten.

          Wenig verblüffend sind daher auch die Ergebnisse einer Studie des Erziehungswissenschaftlers Udo Rauin: Für jeden vierten Lehrer ist sein Studium eine Notlösung, weil er an den Zulassungsbeschränkungen in anderen Fächern gescheitert ist. Für ambitionierte junge Menschen ist es offensichtlich wenig attraktiv, Lehrer zu werden. Die Ausbildung ist zu stark formalisiert. Der Beruf bietet weder Autonomie noch Aufstiegsmöglichkeiten. Dem Image der Lehrer war das über all die Jahre nicht zuträglich.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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