https://www.faz.net/-gqe-8y55m

Berufe-Check : Soziale Lehrer, streitlustige Anwälte

Frauen entscheiden sich häufiger für das Grundschullehramt, zugleich ist das weibliche Geschlecht laut psychologischen Tests meist sozial verträglicher. Bild: dpa

Programmierer sind nerdig, Grundschullehrer alle total sozial und Verkäufer extrovertiert. An den Klischees ist mehr dran, als man denkt.

          Die Grundschullehrerin kümmert sich besonders mitfühlend und zugewandt um ihre kleinen Schützlinge, der introvertierte Softwareentwickler sitzt allein und nerdig vor seinem Rechner, während die Kollegen aus dem Verkauf in der Kaffeeküche eine Zote nach der anderen zum besten geben. Und der Musiker sucht, neugierig und kreativ wie er ist, privat wie beruflich immer nach dem nächsten Kick. „Ja klar, geht's noch klischeehafter“, denkt man da. Doch was sich wie ein abgedroschenes Vorurteil über diese Berufsgruppen anhört, lässt sich statistisch belegen.

          Anne-Christin Sievers

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Daten aus dem sozio-ökonomischen Panel, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gemeinsam mit der F.A.Z. ausgewertet hat, zeigen: Personen, die einen bestimmten Beruf ausüben, besitzen tatsächlich oft eine Persönlichkeit, die mit der Vorstellung über diese Profession übereinstimmt. Sie bringen meist die Charaktereigenschaften mit, die für den Beruf als notwendig oder förderlich erachtet werden.

          Wenn Psychologen den Charakter eines Menschen beschreiben wollen, greifen sie vor allem auf fünf Kriterien zurück. Diese sogenannten Big Five, fünf Facetten der Persönlichkeit, haben sich als Modell in der Forschung international durchgesetzt, ihre Aussagekraft wurde in vielen Studien belegt. Die fünf sind:

          1. Extraversion, also die Frage, wie außen-orientiert, gesellig und optimistisch ein Mensch ist.

          2. Offenheit für Erfahrungen, verbunden mit Neugierde und Experimentierfreudigkeit.

          3. Verträglichkeit in dem Sinne, ob jemand eher altruistisch oder egoistisch ist, eher mit anderen kooperiert oder antagonistisch gegen sie arbeitet.

          4. Gewissenhaftigkeit verbunden mit hoher Disziplin, Zuverlässigkeit und Leistungsbereitschaft.

          Und 5. Neurotizismus als Ausdruck von emotionaler Labilität, Ängstlichkeit und Traurigkeit.

          Der Berufe-Check

          Was macht Ihren Beruf aus? Finden Sie heraus, wie es Ihren Kollegen ergeht. Und vergleichen Sie sich mit anderen Berufen.

          Um welchen Beruf geht's?

          Dieser Beruf wurde nicht gefunden. Probieren Sie es mit einer anderen Bezeichnung.

          In psychologischen Fragebögen schätzen Probanden selbst auf einer Skala ein, wie gewissenhaft, offen oder extrovertiert sie sind. Aus der Kombination der Antworten ergibt sich ihre Persönlichkeit. Auch im sozio-ökonomischen Panel werden Umfrageteilnehmern Fragen zu den Big Five gestellt, um ihr Naturell zu erfassen: mehr als 20.000 Deutschen im Jahr. Die Antworten liegen auf einer Skala von 1 (gering ausgeprägt) bis 7 (hoch ausgeprägt) – und werden dann mit ihren Berufen in Beziehung gesetzt. Es zeigt sich: Was Neurotizismus und Gewissenhaftigkeit angeht, gibt es keine großen Unterschiede zwischen den Berufen. Doch die anderen Facetten sind über die verschiedenen Professionen hinweg teils sehr unterschiedlich verteilt.

          Extrovertierte Verkäufer, introvertierte Softwareentwickler

          Extrovertierte Leute sind kommunikativ, gesellig und können gut aus sich herausgehen. Sie orientieren sich mehr an Personen als an Dingen, gelten als herzlich, optimistisch und heiter. Kein Wunder, dass besonders extrovertierte Leute vor allem in Berufen aus dem Verkauf zu finden sind. Wenn es darum geht, eine Sache an den Mann oder die Frau zu bringen, ist eine extrovertierte Persönlichkeit Gold wert.

          Wer Scheu hat, Menschen anzusprechen, kann ihnen sicher weder einen Staubsauger noch einen Versicherungsvertrag oder eine neue Wohnung verkaufen. Auch Musiker, Schauspieler und Entertainer, die vor allem sich selbst und ihre Fähigkeiten vermarkten müssen, finden sich mit an der Spitze. Friseure und Gastronomen beherrschen die Kunst des Smalltalks oft perfekt, reden mit ihren Kunden über Gott und die Welt und haben ein offenes Ohr für ihre Sorgen – sie sind ebenfalls vorne mit dabei.

          Am anderen Ende der Skala stehen die Introvertierten: Sie sind eher schüchtern, gern allein und unabhängig. In Gesellschaft anderer halten sie sich zurück oder fühlen sich unwohl. Besonders introvertierte Menschen arbeiten den Daten zufolge in IT-Berufen wie Softwareentwickler und Programmierer. Auch technische und handwerkliche Berufe sind stark vertreten. Systemadministratoren, Elektrotechniker, Maschinenbauer: die Liste liest sich ein wenig wie die Studiengänge der Fachhochschule Braunschweig - mit hohem Männerüberschuss. Andererseits lässt sich über die besonders extrovertierten Berufe nicht unbedingt sagen, dass sie vorwiegend von Frauen ausgeübt werden. Auch Hausärzte sind eher introvertiert.

          Offene Entertainer, konservative Landwirte

          Leute mit einer großen Offenheit für Erfahrungen beschreiben sich selbst als originell und intellektuell, sie sind experimentierfreudig, neugierig, künstlerisch interessiert und besitzen eine lebhafte Phantasie. Sie sind eher bereit, bestehende Normen kritisch zu hinterfragen und auf neue soziale, politische und ethische Wertvorstellungen einzugehen.

          Und so finden sich unter den Berufen mit großer Offenheit vor allem Professionen, für die ausgeprägte intellektuelle Fähigkeiten, eine große Kreativität und höhere Bildungsabschlüsse nötig sind. Sie arbeiten an der Schule oder lehren und forschen an der Uni, schreiben Texte, designen Produkte, machen Musik oder sind anderweitig als Entertainer tätig. Interessant ist, dass Softwareentwickler zwar introvertiert sind, sich bei der Dimension Offenheit im Vergleich zu den anderen Berufsgruppen aber eher im oberen Feld bewegen. Erfordert ihre Tätigkeit doch, kreativ immer neue Lösungen zu finden anstatt auf vorgefertigte Antworten zu setzen.

          Wer niedrige Offenheitswerte besitzt, neigt eher zu konventionellem Verhalten und konservativen Einstellungen. Ihr Motto lautet: Das haben wir schon immer so gemacht - und wir sehen auch keinen Grund etwas daran zu ändern. Bekanntes und Bewährtes ziehen diese Menschen vor, Neues wird erst einmal kritisch beäugt und abgelehnt. Dass Landwirte sehr geringe Werte für Offenheit besitzen, überrascht wenig, hat es sich doch bereits in der Sprache niedergeschlagen. So kennt man in Niedersachsen das plattdeutsche Sprichwort: „Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich.“ Neben den Landwirten setzen auch Maurer, LKW-Fahrer, Putzkräfte und Lagerarbeiter – also Berufe mit eher geringer Bildungsqualifikation – lieber auf Altbewährtes.

          Mitfühlende Grundschullehrerinnen, egoistische Soldaten

          Sozial verträgliche Menschen zeichnen sich durch ihren Altruismus, ihr Wohlwollen gegenüber anderen und ihre Empathie aus. Sie möchten durch ihr Handeln anderen helfen, kooperieren gern mit ihren Mitmenschen und neigen dazu, bei Konflikten eher nachzugeben.

          Im Persönlichkeitstest schnitten vor allem Menschen aus sozialen, seelsorgerischen, medizinischen und pädagogischen Berufen als besonders sozial verträglich ab, etwa Grundschullehrerinnen, Altenpfleger, Sprechstundenhilfen, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten und Hauswirtschafter. Allesamt Berufe, die sich viel am Menschen orientieren, helfen wollen und für die es zentral ist, empathisch und zugewandt zu sein.

          „Auch die Geschlechterzusammensetzung in den Berufen spielt hier eine Rolle“, sagt Forscher David Richter vom DIW. „Bestimmte Berufe werden mehr von Männern, andere wie etwa Grundschullehrerin mehr von Frauen ausgeübt. Da Frauen in den Tests im Durchschnitt verträglicher abschneiden als Männer, sind auch die Verträglichkeitswerte für die meist von Frauen ausgeübten Berufe höher.“ Sicher gibt es neben der Grundschullehrerin auch mehr weibliche Sprechstundenhilfen, Hauswirtschafter und Friseure.

          Wer geringe Werte bei der Verträglichkeit besitzt, ist eher egozentrisch, misstrauisch und antagonistisch gegenüber anderen eingestellt. Er hat weniger Scheu, in den Wettbewerb zu treten oder Konflikte mit anderen auszutragen.

          Neben handwerklichen Berufen wie Maurer oder Maler und Lackierer, die oft von Männern ausgeübt werden, finden sich auch Soldaten, Polizisten und Rechtsanwälte in der Rangliste der Verträglichkeit weit unten. Wahrscheinlich ist es für alle drei zentral, einen gewissen Kampfgeist und hohe Konfliktfähigkeit zu besitzen. Wer als Polizist zu nachgiebig ist, der macht seinen Job bestimmt nicht gut: „Ok, dieses eine Mal gibt es keinen Punkt in Flensburg, obwohl Sie 100 km/h in der 30er-Zone gefahren sind“. Auch in Berufen, bei denen man viel allein arbeitet, etwa als LKW-Fahrer, Gärtner oder Kranführer, ist man eher auf sich als auf andere bedacht.

          Eine Frage bleibt: Wie kommt es, dass sich die Merkmale der Persönlichkeit des einzelnen und die Anforderungen an das Berufsprofil so sehr gleichen? In einer Studie des DIW* fanden die Forscher heraus, dass Absolventen vor allem erste Jobs wählen, die ihren ursprünglichen Eigenschaften vor dem Berufseinstieg in punkto Extraversion, Verträglichkeit und Offenheit entsprechen. Außerdem stellten sie fest: Nachdem Menschen ihre Beschäftigung gewechselt hatten, entsprach ihr neuer Job ihren persönlichen Eigenschaften in Hinblick auf Extraversion und Offenheit sehr viel mehr als ihre alte Stelle. Wer allerdings lange in einem Beruf bleibt, der hohe Extraversion, Offenheit und Verträglichkeit verlangt, der macht dieses Jobprofil über die Jahre immer mehr zu einem Teil seiner Persönlichkeit, so die Wissenschaftler.

          Einerseits suchen sich die Menschen also gezielt den Beruf aus, der am besten zu ihrer primären Persönlichkeitsstruktur passt: Ein kreativer Mensch möchte gerne Musiker werden. Andererseits aber formt der Beruf über die Jahre den Charakter, der sich den Anforderungen des Berufes immer mehr annähert. Es kommt zur bekannten „Déformation professionnelle“. So macht der Beruf des Grundschullehrers über die Jahre vielleicht empathischer, der des LKW-Fahres eigenbrötlerischer und der des Serienkillers rücksichtsloser. Da kann man nur raten: Augen auf bei der Berufswahl!

          Weitere Themen

          Und was, wenn das Handy jetzt runterfällt?

          Smartphones : Und was, wenn das Handy jetzt runterfällt?

          Dann ist verloren, was Psychologe Christian Montag „ein ausgelagertes Gehirn“ nennt – und Panik angesagt. Im Interview erklärt der Forscher, warum uns das Smartphone verändert und warum wir Momente nicht mehr genießen können.

          Topmeldungen

          Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

          Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

          Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?
          Frankfurts David Abraham (l.) und Goncalo Paciencia (r.) können Lebo Mothiba von Racing Straßburg nicht stoppen.

          Frankfurt patzt in Straßburg : Alle Hoffnung auf Teil zwei

          Eintracht Frankfurt muss um den Einzug in die Gruppenphase der Europa League bangen. Im Play-off-Hinspiel bei Racing Straßburg konnte der Bundesligist vor allem in der ersten Hälfte nicht überzeugen und verlor mit 0:1.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.