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Nachhaltigkeitsziele der UN : Große Pläne, wenig Taten

Geflüchtete somalische Mädchen warten im Jahr 2017 in einem Flüchtlingscamp in Mogadischu auf die Ausgabe von Nahrungsmitteln. Bild: dpa

Die Vereinten Nationen haben sich ambitionierte „Nachhaltigkeitsziele“ gegen Hunger, Armut und den Klimawandel gesetzt. Doch die bisherigen Maßnahmen reichen nicht aus. Das liegt auch an den reichen Industriestaaten.

          „Die Nachhaltigkeitsziele sind die Blaupause für eine bessere und nachhaltigere Zukunft für uns alle“ – mit diesen blumigen Worten beschreiben die Vereinten Nationen (UN) auf ihrer Webseite die 17 sogenannten Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDG), die von der Weltgemeinschaft im Jahr 2015 auf einem UN-Gipfel beschlossen wurden. Die Hauptziele sind dabei nichts Geringeres als das Ende des Hungers und der extremen Armut auf der Welt, die Begrenzung des Klimawandels und die Bewahrung natürlicher Ressourcen – hehre Vorhaben also, aber freilich eine Mammutaufgabe. 

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Wenige Monate bevor die Staats- und Regierungschefs im September in New York nun eine Zwischenbilanz ziehen, zeigt eine Studie, wie schleppend die Welt in der Umsetzung der Ziele vorankommt: Kaum ein Land der Vereinten Nationen ist demnach auf dem Weg, die Ziele für eine bessere ökonomische, ökologische und soziale Entwicklung bis 2030 zu erfüllen. Die Studie basiert auf einer Kooperation der Bertelsmann-Stiftung und des Lösungsnetzwerk für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (Sustainable Development Solutions Network).

          Der fast 500 Seiten umfassende Bericht spricht insbesondere die zwiespältige Rolle der Industriestaaten an: „Einerseits kommen sie der Erfüllung der Ziele am nächsten. Andererseits verursachen sie durch Konsumvorlieben und Lebensstandards hohe ökologische und wirtschaftliche Kosten für Drittländer“, sagt Christian Kroll, einer der Autoren der Studie auf Seiten der Bertelsmann-Stiftung. Abgesehen von den Zielen „Keine Armut“ und „Hochwertige Bildung“ seien die G20-Länder insgesamt für rund die Hälfte der globalen Umsetzungslücken zur Erreichung der Ziele verantwortlich. 

          Das Geld fließt nicht

          Als Beispiel nennen die Autoren die Unterstützung von Steueroasen und geheimen Konten, die auch zur Veruntreuung von Staatsgeldern oder Entwicklungsfonds beitragen könnten – Geld, das in Entwicklungsländern dringend benötigt werde. Die Liste der größten „Kostenverursacher“ führen denn auch kleine, international vernetzten Industriestaaten wie Luxemburg, Singapur und die Schweiz an.

          Hinzu kämen fehlende Budgetzusagen zur Umsetzung der UN-Ziele. „Die G20-Länder haben es maßgeblich in der Hand, die UN-Ziele zum Erfolg zu führen. Dazu gehört auch finanzielle Unterstützung zum Beispiel durch Gelder für die Entwicklungshilfe“, sagt Kroll. Doch von den G20-Staaten würden bisher nur wenige die von den UN geforderten 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Entwicklungshilfe ausgeben. Und nur in 18 von 43 befragten G20- und Schwellenländern würden die Nachhaltigkeitsziele in nationalen Budget-Plänen überhaupt aufgeführt.

          „Alarmierend“ nennt die Studie die Ergebnisse in den Bereichen Klimaschutz und Biodiversität (Ziele Nummer 13, 14 und 15). Hier schnitten alle OECD-Staaten insgesamt am schlechtesten ab. Die zu beobachtenden Trends bei den Treibhausgasemissionen und bedrohten Arten liefen in die falsche Richtung – was sich mit jüngsten Berichten des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) und des IPBES (Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) decke. 

          „Lippenbekenntnisse“ reichen nicht

          Auch beim Thema nachhaltiger Konsum stellt die Studie den Industriestaaten ein schlechtes Zeugnis aus. Als Beispiel wird unter anderem der hohe Palmölverbrauch genannt, für den die weitere Abholzung von Regenwäldern in Kauf genommen werde. Die Autoren bemängeln zudem das Missverhältnis zwischen der ausufernden Produktion von Lebensmitteln auf der einen und der Mangelernährung auf der anderen Seite. Ein Drittel der Lebensmittel auf der ganzen Welt werde weggeworfen – während über 800 Millionen Menschen als unterernährt gelten würden und hungern müssten. 

          Für den Ländervergleich wurden Daten aus mehr als 160 UN-Staaten ausgewertet. Wieder einmal sind es die skandinavischen Länder Schweden, Norwegen und Dänemark, die die Liste anführen und die UN-Vorgaben den Autoren zufolge schon jetzt zu fast drei Vierteln erfüllen. Deutschland fiel von Rang vier auf Rang sechs, ist aber neben Frankreich (Platz vier) das einzige Land der G7-Gruppe unter den besten Zehn. Großbritannien erreicht Platz elf, Japan Rang 17, die Vereinigten Staaten liegen auf dem 37. Platz. Am unteren Ende der Skala befinden sich afrikanische Entwicklungsländer wie die Demokratische Republik Kongo, Tschad und die Zentralafrikanische Republik.

          Deutschland stehe indes symptomatisch für das Abschneiden der Industriestaaten: „Deutschland ist bei einigen UN-Zielen auf einem guten Weg, doch wir werden die Nachhaltigkeitsagenda verfehlen, wenn wir politisch in zentralen Bereichen nicht umsteuern“, sagte Christian Kroll. Auch die Bundesrepublik zahle noch nicht die geforderten 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Entwicklungshilfe und habe mit einer hohen Nitratbelastung im Boden und Grundwasser zu kämpfen – vor allem aufgrund des Einsatzes von Dünger und Pestiziden in der konventionellen Landwirtschaft. Betont wird insbesondere auch das hohe Müllaufkommen der Deutschen: Mit rund 22 Kilogramm je Person produzierten die Bundesbürger zum Beispiel so viel Elektroschrott wie die Amerikaner – und fast drei mal mehr als Türken oder Mexikaner. 

          Der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, Aart De Geus, zeigte sich enttäuscht von den Ergebnissen der Studie. Dem historischen UN-Gipfel von 2015 seien bislang kaum Taten gefolgt: „Armut und ungleiche Bildungschancen verschwinden nicht durch Lippenbekenntnisse“, sagte De Geus und forderte die Industriestaaten dazu auf, ihrer Vorbildfunktion gerecht zu werden.

          Der SDG-Report wurde erstmals 2016 von der Bertelsmann Stiftung und dem Lösungsnetzwerk für nachhaltige Entwicklung veröffentlicht. In diesem Jahr wurde die Studie zum ersten mal durch die Gemeinsame Forschungsstelle der EU-Kommission geprüft. Allerdings ist es nicht möglich, Vergleiche zwischen den Berichten der jeweiligen Jahre zu ziehen, da die Indikatoren und Methodik verändert beziehungsweise verfeinert wurden.

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