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Medienkonzern in Corona-Krise : „Es wird mehr von zuhause aus gearbeitet werden“

Bertelsmann-Chef Thomas Rabe Bild: dpa

Bertelsmann-Chef Thomas Rabe geht davon aus, dass das Arbeiten auch nach der Corona-Krise flexibler bleiben wird. Staatshilfe will der Medienkonzern nicht, der Konzern habe ausreichend Liquidität.

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          Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Rabe geht davon aus, dass die Corona-Pandemie die Arbeitswelt in Deutschland dauerhaft spürbar verändern wird. „Es wird mehr und mehr auch von zuhause aus gearbeitet werden“, sagte Rabe am Donnerstag der F.A.Z., nachdem der Medien- und Dienstleistungskonzern in Gütersloh seine Zahlen für das erste Quartal vorgestellt hatte. Die Arbeitswelt werde in der Zeit nach der Krise flexibler werden. Auch die Digitalisierung habe einen neuen Schwung bekommen. Der Trend von Offline- zu Onlinegeschäften habe wegen der Ausgangsbeschränkungen im Zuge der Corona-Krise eine „unglaubliche Beschleunigung“ erfahren.

          Das lasse sich nicht zurückdrehen, sagte Rabe. Gleichzeitig hat die Pandemie nach Ansicht des Bertelsmann-Chefs auch offengelegt, wo Deutschland bei der Digitalisierung hinterherhinke: „Wenn man sieht, wie schwer sich deutsche Schulen damit tun, jetzt die Kinder zu unterrichten“, dann zeige das den Rückstand beim E-Learning.

          Der Bertelsmann-Vorstandschef, der in Personalunion auch die Sendergruppe RTL führt, sagte, in der Krise wirke sich positiv aus, dass der hohe Anteil digitaler Geschäfte bei Bertelsmann schon im vergangenen Geschäftsjahr erstmals mehr als 50 Prozent vom Gesamtumsatz ausmachte. Doch „das Geschäftsjahr 2020 wird mit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie eine Herausforderung.“

          Das erste Quartal habe für Bertelsmann aus zwei Hälften bestanden: Zehn Wochen mit einem guten Start vor der Corona-Pandemie und zwei Corona-Wochen, „die es allerdings in sich hatten“. Vor allem die werbefinanzierten Geschäfte seien überproportional vom wirtschaftlichen Einbruch betroffen, dagegen entwickele sich die Dienstleistungstochter Arvato trotz der Auswirkungen der Pandemie relativ stabil. Im E-Commerce-Geschäft suche das Unternehmen sogar händeringend nach neuen Mitarbeitern.

          Rückgang an Werbebuchungen

          Im ersten Quartal ging der Umsatz von Bertelsmann moderat um 2,7 Prozent auf 4,1 Milliarden Euro zurück. Neben Arvato trotzen dabei auch die digitalen Bildungsgeschäfte und die Musiktochter BMG dem Trend und entwickelten sich positiv. Bei der Sendergruppe RTL sank der Gesamtumsatz in den Monaten Januar bis März im Jahresvergleich dagegen um 3,4 Prozent auf gut 1,46 Milliarden Euro. „Anfang März haben wir die ersten Stornierungen für Werbebuchungen und Verschiebungen von Produktionen registriert“, sagte Rabe. „Dieser Trend hat sich in der zweiten März-Hälfte mit der Einführung weitreichender Schutzmaßnahmen in ganz Europa beschleunigt.“ Im April rechnet Rabe mit einem spürbaren zweistelligen Rückgang, und „das wird im Mai nicht vorbei sein“.

          Dabei verzeichneten im ersten Quartal auch bei der RTL-Group sowohl die Streaming-Dienste TV Now in Deutschland und Videoland in den Niederlanden sowie die Nachrichtensendungen zweistellige Zuwachszahlen. Die Anzahl der zahlenden Abonnenten der Streaming-Dienste legte um 34 Prozent auf 1,53 Millionen zu. Trotz des starken Rückenwinds bei den digitalen Geschäften hat Rabe das mittelfristige Ziel nicht erhöht, bis 2025 fünf bis sieben Millionen zahlende Abonnenten zu haben und schwarze Zahlen zu schreiben. „Natürlich ist es so, dass wir momentan Zulauf haben“, sagte Rabe. Der Anstieg der Abonnements habe sich im April sogar noch einmal deutlich beschleunigt, man müsse aber abwarten, welche Auswirkungen die Rückkehr zur Normalität haben werde, zumal wegen Corona viele Produktionen gestoppt seien.

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          Erfreut zeigte sich der Bertelsmann- und RTL Group-Chef darüber, dass in der Corona-Krise auch jüngere Zuschauer zurück zum linearen TV mit ihren Nachrichtensendern finden. Der Nachrichtensender ntv werde zunehmend von jüngeren Menschen gesehen und sei die führende Marke unter den Informationssendern in Deutschland. „Viele Menschen haben jetzt einen großen Bedarf an Informationen über die Krise, aber auch an Unterhaltung und Ablenkung, was sich in deutlich steigenden Zuschauer-, Hörer-, Leser- und Nutzerzahlen niederschlägt“, sagte Rabe.

          Kurzarbeit im Konzern

          Trotzdem kommt wegen der sinkenden Werbeeinnahmen auch Bertelsmann nicht um Kurzarbeit herum – im Fall von RTL ab Mai, auch bei der Zeitschriftentochtergesellschaft Gruner + Jahr oder bei der Buchverlagsgruppe Penguin/Random House gibt es Kurzarbeit. Auch Bertelsmann sei gezwungen, das Instrument der Kurzarbeit wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie „schon flächig“ zu nutzen.

          In die Rufe nach staatlichen Subventionen stimmt Rabe allerdings nicht ein. „Wir müssen keine Staatshilfen in Anspruch nehmen“, sagte er. Der Vorstand habe frühzeitig ein Bündel an Maßnahmen umgesetzt, die der Sicherung und Ausweitung der Liquidität des Unternehmens dienten. So habe Bertelsmann unter anderem einen Eurobond über 750 Millionen Euro mit einer Laufzeit von acht Jahren erfolgreich platziert. „Durch weitere kurzfristige Maßnahmen haben wir unsere liquiden Mittel darüber hinaus beträchtlich gesteigert“, sagte Rabe. Bertelsmann habe ausreichend Liquidität, der Vorstandschef sprach von vier Milliarden Euro.

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