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„Berliner Zeitung“ : Verleger Friedrich hat sich verspekuliert

Der Verleger Holger Friedrich hat sich gleich in mehreren Punkten verrechnet. Bild: dpa

Stasi-Vorwürfe, Interessenkonflikt und nun auch noch eine Abfuhr des Berliner Senats. Für den IT-Millionär Holger Friedrich erweist sich sein Investment in den Berliner Verlag als echtes Problem. Sein Geschäftsmodell steht in Frage.

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          Die Übernahme des Berliner Verlags mit Blättern wie der „Berliner Zeitung“ und dem „Berliner Kurier“ durch den Softwaremillionär Holger Friedrich wird zum Politikum – außerdem ist die wirtschaftliche Logik fraglich. Denn es wird erkennbar, dass sich der Unternehmer mit den erhofften Möglichkeiten verspekuliert haben könnte.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es geht vor allem um die Nutzung der populären Internetseite www.berlin.de, eine Beteiligung des Berliner Verlags, welche mit Abstand das reichweitenstärkste Stadtportal Deutschlands ist. Hierauf hatte sich das Interesse des Neueigentümers offenbar besonders gerichtet. Nun ist bekannt geworden, dass das Land Berlin den Betreibervertrag für das Portal schon 2018 gekündigt hatte und dieser am 31. Dezember 2021 ausläuft. Das stellt das avisierte Geschäftsmodell komplett in Frage.

          Hinzu kommen neue juristische Hindernisse. Aktuelle Gerichtsurteile aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen mit Fällen aus Crailsheim und Dortmund stellten fest, dass eine Vermarktung städtischer Medienauftritte mit presseähnlichen Artikeln rechtswidrig sei. Die Verquickung von journalistischen Inhalten und Werbung mit amtlichen Angeboten ist nicht möglich.

          Zuletzt bezeichnete Friedrich, der den Berliner Verlag mit seiner Ehefrau Silke im September übernommen hatte, in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ die Internetplattform berlin.de noch hochtrabend als „eigentlichen Schatz unseres Deals“. Die Seite solle der Hebel, die zentrale Plattform werden. Dort könne prinzipiell jede Dienstleistung ausgespielt werden. Die Friedrichs meinten damit übers Internet abrufbare Serviceleistungen für Bürger (E-Government) und spekulieren womöglich auf eine kommerzielle Weiternutzung der Datenströme.

          Berlin Online ist Betreiber der Internetseite berlin.de

          Berlin.de gehört zur Berlin Online Stadtportal GmbH & Co. KG, an der der Berliner Verlag zu 74,8 Prozent und das Land Berlin über seine Investitionsbank zu 25,2 Prozent beteiligt sind. Berlin Online ist Betreiber der Internetseite. Die Friedrichs kauften den Berliner Verlag der Kölner DuMont-Gruppe ab.

          Eine schriftliche Anfrage der F.A.Z. wollte Holger Friedrich am Dienstag nicht kommentieren. Friedrich war Vorstand der Software AG, gründete die Denkfabrik Core für Technologiethemen und ist auch an der Identitätsplattform Verimi beteiligt. Das neueste Investment sorgt nun für wachsende Kritik.

          Die neuen Eigentümer des Berliner Verlags offenbarten, dass sie sich weder mit den Anforderungen an den Betrieb eines städtischen Serviceportals beschäftigt hätten, noch dass sie die aktuelle Rechtsprechung zu den Rahmenbedingungen eines solchen öffentlichen Web-Angebots kennen würden, sagte der Sprecher für Bürgerrechte und Digitalisierung der FDP im Berliner Abgeordnetenhaus, Bernd Schlömer, der F.A.Z.

          Personenbezogene Daten sind tabu

          Als „völlig abwegig“ sei das Vorhaben des Ehepaares Friedrich zu bezeichnen, personengebundene Daten und Informationen von Berliner Bürgern für die eigenen privaten Dienstleistungen oder fürs Plazieren von Werbung zu nutzen. Im Berliner Senat kursiert der Satz, dass Friedrich zwar sehr ambitioniert, aber wenig informiert sei.

          Offiziell hieß es aus der Senatsverwaltung für Inneres: „Wir sind weit davon entfernt, einem privaten Unternehmen tiefere Einblicke in die sensiblen Daten der Berlinerinnen und Berliner zu gewähren. Kommerzielle Interessen dürfen an dieser Stelle überhaupt keine Rolle spielen.“

          Aber nicht nur deshalb gerät der im Jahr 1966 in Ostberlin geborene Friedrich unter Druck: Nach einer Berichterstattung am Wochenende in der „Welt am Sonntag“ musste er einräumen, dass er in jungen Jahren als Stasi-Spitzel während seines Wehrdienstes in der Nationalen Volksarmee Kameraden angeschwärzt hatte.

          Zudem berichtete der „Spiegel“ über einen Interessenkonflikt in der Berichterstattung der „Berliner Zeitung“. Dort wurde kürzlich der Erfolg des ostdeutschen Biotech-Unternehmens Centogene beschrieben, ohne darauf hinzuweisen, dass Friedrich als Mitbesitzer im Aufsichtsrat sitzt. Später stellte sich heraus, dass der Neuverleger den Wunsch zur Berichterstattung der Chefredaktion auftrug.

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