https://www.faz.net/-gqe-8ovsj

Virtuelle Juristen : Rechtsberatung via Mausklick

Vorsicht, Blitzer: Den Ärger für den Fahrer lösen nun Anwälte eines Start-up-Unternehmens. Bild: dpa

Viele Verbraucher und Unternehmen vertrauen in Rechtsfragen auf Beratungsseiten im Internet. Für Anwälte und Großkanzleien sind die eine bedrohliche Konkurrenz – aber auch ein Ansporn, besser zu werden.

          Akten, Schriftsätze, Kommentare. Rechtsanwälte haben es mit viel Papier zu tun. Sie sind geradezu abhängig davon. Die Digitalisierung könnte ihnen diese Last abnehmen. Die Anwälte versuchen, sich auf die Herausforderung der Digitalisierung einzustellen. Während Juristen langsam beginnen, sich mit den Vorteilen elektronischer Kommunikation zu beschäftigen, und Begriffe wie „Big Data“ und künstliche Intelligenz für den größten Teil der Anwälte im beruflichen Alltag kaum eine Rolle spielen, hat das Internet ihr Tagesgeschäft schon stark verändert: Dort suchen Verbraucher alles, was sie brauchen. Nur einen Internetzugang und wenige Mausklicks braucht es, um für fast jedes rechtliche Problem eine Einschätzung zu erhalten.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Junge Unternehmen, sogenannte Legaltechs, stehen mit ihren software-basierten Angeboten parat. Oder sie vermitteln Verbraucher an Anwälte, die kein Online-Marketing betreiben. „Legaltech kann Verbrauchern helfen, den Zugang zu Dienstleistungen vereinfachen“, sagt Stefan Morschheuser, der Gründer von Anwalt.de, einem Online-Marktplatz für Rechtsdienstleistungen. Das ist aus seiner Sicht wichtig, denn der Markt in Deutschland sei intransparent und fragmentiert.

          Über 163.000 Anwälte sind aktuell in Deutschland zugelassen, die meisten arbeiten in kleineren Kanzleien oder als Einzelanwalt. Kein Wunder, dass immer mehr Verbraucher den Überblick verlieren. Sie wollen wissen, wie gut ihr Anwalt ist. Und was er kostet. Etwa dann, wenn in der Post ein Bußgeldbescheid wegen angeblich zu schnellen Fahrens liegt. Der zahlungsunwillige Fahrer könnte sich einen Fachanwalt für Verkehrsrecht suchen. Aber das kostet Geld und Zeit. Schickt er seine Unterlagen an Geblitzt.de, ein Legaltech-Unternehmen aus Berlin, hat er binnen kurzer Zeit eine kostenlose Einschätzung, ob sich der Einspruch gegen den Bescheid lohnt.

          Rechtstipps und Vermittlung

          Warum er dabei keine Gebühren an das Start-up oder dessen Anwälte zahlt? Der Anbieter, hinter dem der Berliner Prozessfinanzierer Coduka steht, übernimmt die kompletten Kosten der Prüfung. Geblitzt.de refinanziert sich, indem es Vertragsanwälten in ganz Deutschland gegen eine Lizenzgebühr ein Software-Modul zur Bearbeitung von Mandaten überlässt. So lassen sich ähnlich gelagerte Verkehrsverstöße gesammelt prüfen. Weil juristische Fragen gebündelt und nicht einzeln abgearbeitet werden, steigert das die Produktivität der Anwälte. Der bedarfsorientierte Einsatz von Legaltech macht die Abwicklung schneller und günstiger.

          Unternehmen wie Geblitzt.de helfen bei Bußgeldbescheiden, sie erstellen aber auch ganze Vertragsentwürfe, prüfen Entschädigungen nach Flug- und Bahnreisen oder bieten ganze Informationsportale. Als einen sehr starken Treiber der Nachfrage danach hat der Plattformgründer Stefan Morschheuser das präventive Nutzungsverhalten von Verbrauchern ausgemacht. „Sie informieren sich vorab im Internet zu Rechtsfragen, bevor sie einen Spezialisten kontaktieren.“

          Neben Rechtstipps erfüllen die Plattformen auch eine virtuelle Marktplatzfunktion. Bei Bedarf vermittelt der Betreiber einen Anwalt, der sein Honorar vorab für den Verbraucher ausweist. Zudem werden Rechtsberatungen dort zu einem Fixpreis angeboten. Wer als Anwalt die Erwartungen nicht erfüllt, riskiert eine negative Bewertung. Damit sind Nutzer aus Hotelbuchungen und Einkäufen im Internet vertraut. Transparenz der Preise, Vergleichbarkeit der Leistung und damit größere Auswahl einer Ware: Viele Mechanismen, die Legaltechs gegenüber Privatpersonen einsetzen, haben sich im Online-Handel bewährt.

          Juristische Dienstleistungen werden ortsunabhängiger

          In dem Kontext sollte vor allem der Bedeutungsverlust des stationären Handels Einzelanwälten zu denken geben. „Lokale Nähe ist heute immer seltener ein Kriterium für die Auswahl eines Anwalts“, sagt Morschheuser. Juristische Dienstleistungen werden ortsunabhängiger. Für Anwälte, die sich viel mit vergleichbaren Fragestellungen wie etwa Ordnungswidrigkeiten oder dem Mietrecht beschäftigen, kann Legaltech aber mehr Heilsbringer als eine Konkurrenz sein. Sie müssen kaum Geld für die Akquise von Neukunden in die Hand nehmen und haben eine höhere Reichweite.

          Glaubt man Morschheuser, ist eine weitere Parallele zu Amazon & Co. möglich. Man werde künftig mehr digitale Angebote sehen, bei denen Verbraucher und Unternehmen monatlich Rechtsberatung für einen Fixbetrag einkaufen würden, prognostiziert er. Plattformen käme die Funktion eines Türöffners zu. „Der Nutzer wendet sich bei Bedarf nach Rechtsrat nur noch an dieses eine Gateway, und von dort aus wird er im Rahmen seines Abos zu den geeigneten Angeboten geführt.“

          Verbrauchern, die sich lediglich über einzelne Fragen informieren wollen, ist mit den Portalen geholfen. Das Zulassen von Kommentaren, der Austausch der Nutzer untereinander sowie offene Bewertung steigert die Glaubwürdigkeit einer Website. Vorsicht ist geboten, wer sich hier auf einen vermeintlich guten Ratschlag eines anderen Verbrauchers einlässt. Unter Umständen steht dann gleich der nächste Rechtsstreit an. Die Beratung durch einen Anwalt ersetzt das nicht. Natürlich kann auch der danebenliegen, für Beratungsfehler kommt allerdings dann seine Berufshaftpflichtversicherung auf. Wer online ein bestimmtes Rechtsprodukt wie die Prüfung eines Arbeitsvertrages bucht, muss sich darüber im Klaren sein, dass der Anwalt nicht auch noch eine Frage zum Verkehrsstreit regelt. Eine neue Leistung kostet eben extra. Als Faustregel sollte gelten: Je individueller oder komplexer die Fragen werden, desto eher sollte man den Computer ausschalten und eine Anwaltskanzlei aufsuchen.

          Ein idealer Weg für kleinere Kanzleien

          Legaltech mag für spezialisierte kleinere Kanzleien ein idealer Weg sein, neue Mandanten zu gewinnen. In Wirtschaftskanzleien, die aufgrund ihrer Mandats- und Personalstruktur völlig anders rechnen müssen, stellt die Digitalisierung aber ganze Geschäftsmodelle auf den Prüfstand. Denn Großkanzleien liefern nicht nur maßgeschneiderte Beratung. Sie leisten auch viel juristische Kärrnerarbeit.

          So kam eine Studie von Boston Consulting Group und der Hamburger Privatuniversität Bucerius Law School Anfang 2016 zu dem Ergebnis, das Computerprogramme mittelfristig bis zur Hälfte der Arbeit von Junganwälten übernehmen könnten – womit vor allem das Sichten und Erfassen von Daten in Großtransaktionen oder in Prozessen gemeint ist. Ein Schreckensszenario für viele Wirtschaftskanzleien, die für solches Brot-und-Butter-Geschäft ohne Zögern dreistellige Stundenhonorare in Rechnung stellen. Viele namhafte Unternehmen, darunter Union Investment, Strabag oder der Shoppingcenter-Betreiber ECE, weigern sich mittlerweile, hohe Honorare für solche Anwaltsleistungen zu zahlen. Sie setzen auf kostengünstige Legaltech-Lösungen und erwarten dies auch von ihren Anwälten.

          „Aspekte wie Produktmanagement und das Verständnis digitalisierter Geschäftsmodelle von Mandanten sind bislang in vielen Kanzleien noch vernachlässigt. Schon bald werden sie aber für die Qualität der juristischen Arbeit mitentscheidend sein“, erklärt Hariolf Wenzler, einer der Mitverfasser der Studie und bis August dieses Jahres Geschäftsführer der Bucerius Law School. Seitdem lenkt er als Chefstratege die Geschicke der internationalen Kanzlei Baker & McKenzie in Deutschland und Österreich.

          Rechtsberatung ist eine arbeitsteilige Dienstleistung

          Die Kanzlei hat schon vor Jahren mit IBM kooperiert und für die Verwaltung von Dokumenten in Prozessen und Schiedsverfahren eine eigene Software entwickelt. Seine guten Kontakte in die Legaltech-Szene sollen nun helfen, dass Baker & McKenzie unter Einsatz digitaler Technik auch künftig am Ball bleibt. Nahezu jede Großkanzlei holt sich derzeit prozessunterstützende Software ins Haus.

          Die Wettbewerberin Dentons hat sich entschieden, noch enger mit Legaltechs zusammenzuarbeiten. Die Kanzlei ist an einem Inkubator – einer Gründerwerkstatt für digitale Innovationen – beteiligt: Nextlaw Labs. „Von Nextlaw Labs soll nicht nur Dentons profitieren“, erklärt Marie Bernard, die als Innovationsmanagerin in den europäischen Dentons-Standorten zugleich strategische Beraterin des Labs ist. „Die Produkte der Start-ups sollen der gesamten Rechtsberatungsbranche zugutekommen.“ Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt das Lab für ein Projekt namens Ross. Unter Einsatz derselben Technik, die auch im IBM-Superrechner Watson zum Einsatz kommt, konnte Ross als künstlicher Anwalt Tausende von Rechtsfragen aus dem amerikanischen Recht beantworten.

          In den Vereinigten Staaten ist Legaltech schon ein Milliardengeschäft. Zum einem ist die Nachfrage an solchen Angeboten deutlich größer als in Deutschland, entsprechend gewachsen ist die dortige Landschaft an Start-ups und die Zahl der Kapitalgeber. Zum anderen begreifen amerikanischen Kanzleien die Start-ups nicht als Bedrohung für ihr eigenes Geschäft, sagt Wenzler: „Wie wir schon seit einigen Jahren in den Vereinigten Staaten sehen, legen Großkanzleien viel mehr Wert auf eine vorausschauende Arbeitsweise. Schlankes Management und der Einsatz von Technologien machen aus der Rechtsberatung eine arbeitsteilige Dienstleistung.“

          Dass man damit die Verhandlungsbasis gegenüber sparsamen Unternehmen zum eigenen Vorteil nutzen kann, wird nun nach und nach auch deutschen Wirtschaftskanzleien bewusst. Von ihren hohen Stundensätzen wollen sie nicht abrücken. Techniklösungen eröffnen ihnen die Möglichkeit, bestimmte Dienstleistungen effizienter zu erledigen oder auszulagern, um sich auf andere Aufgaben zu konzentrieren. „Es hilft, den Kampf gegen die Zeit zu gewinnen“, sagt die Innovationsmanagerin Bernard. Die anwaltliche Arbeit könne damit an Präzision gewinnen, „die Antizipation, welcher Rat dem Mandanten wirklich hilft“, werde immer wichtiger. Für den Kanzleistrategen Wenzler liegt die Zukunft der Großkanzleien in der Kooperation mit Start-ups: „Die Kanzlei, die es schafft, Produkte, effiziente Prozesse und Innovation zusammenzubringen, wird am Ende im Wettbewerb vorne sein.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.
          Umtriebiger Minister: Jens Spahn

          Bundesgesundheitsminister : Jens Spahn demonstriert seine Macht

          Ist das der große Kehraus vor einem möglichen Wechsel ins Verteidigungsministerium? Der Gesundheitsminister bringt am Mittwoch drei Gesetzentwürfe ins Kabinett ein – und will auf die Schnelle noch zwei Behörden fusionieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.