https://www.faz.net/-gqe-8ovsj

Virtuelle Juristen : Rechtsberatung via Mausklick

Juristische Dienstleistungen werden ortsunabhängiger

In dem Kontext sollte vor allem der Bedeutungsverlust des stationären Handels Einzelanwälten zu denken geben. „Lokale Nähe ist heute immer seltener ein Kriterium für die Auswahl eines Anwalts“, sagt Morschheuser. Juristische Dienstleistungen werden ortsunabhängiger. Für Anwälte, die sich viel mit vergleichbaren Fragestellungen wie etwa Ordnungswidrigkeiten oder dem Mietrecht beschäftigen, kann Legaltech aber mehr Heilsbringer als eine Konkurrenz sein. Sie müssen kaum Geld für die Akquise von Neukunden in die Hand nehmen und haben eine höhere Reichweite.

Glaubt man Morschheuser, ist eine weitere Parallele zu Amazon & Co. möglich. Man werde künftig mehr digitale Angebote sehen, bei denen Verbraucher und Unternehmen monatlich Rechtsberatung für einen Fixbetrag einkaufen würden, prognostiziert er. Plattformen käme die Funktion eines Türöffners zu. „Der Nutzer wendet sich bei Bedarf nach Rechtsrat nur noch an dieses eine Gateway, und von dort aus wird er im Rahmen seines Abos zu den geeigneten Angeboten geführt.“

Verbrauchern, die sich lediglich über einzelne Fragen informieren wollen, ist mit den Portalen geholfen. Das Zulassen von Kommentaren, der Austausch der Nutzer untereinander sowie offene Bewertung steigert die Glaubwürdigkeit einer Website. Vorsicht ist geboten, wer sich hier auf einen vermeintlich guten Ratschlag eines anderen Verbrauchers einlässt. Unter Umständen steht dann gleich der nächste Rechtsstreit an. Die Beratung durch einen Anwalt ersetzt das nicht. Natürlich kann auch der danebenliegen, für Beratungsfehler kommt allerdings dann seine Berufshaftpflichtversicherung auf. Wer online ein bestimmtes Rechtsprodukt wie die Prüfung eines Arbeitsvertrages bucht, muss sich darüber im Klaren sein, dass der Anwalt nicht auch noch eine Frage zum Verkehrsstreit regelt. Eine neue Leistung kostet eben extra. Als Faustregel sollte gelten: Je individueller oder komplexer die Fragen werden, desto eher sollte man den Computer ausschalten und eine Anwaltskanzlei aufsuchen.

Ein idealer Weg für kleinere Kanzleien

Legaltech mag für spezialisierte kleinere Kanzleien ein idealer Weg sein, neue Mandanten zu gewinnen. In Wirtschaftskanzleien, die aufgrund ihrer Mandats- und Personalstruktur völlig anders rechnen müssen, stellt die Digitalisierung aber ganze Geschäftsmodelle auf den Prüfstand. Denn Großkanzleien liefern nicht nur maßgeschneiderte Beratung. Sie leisten auch viel juristische Kärrnerarbeit.

So kam eine Studie von Boston Consulting Group und der Hamburger Privatuniversität Bucerius Law School Anfang 2016 zu dem Ergebnis, das Computerprogramme mittelfristig bis zur Hälfte der Arbeit von Junganwälten übernehmen könnten – womit vor allem das Sichten und Erfassen von Daten in Großtransaktionen oder in Prozessen gemeint ist. Ein Schreckensszenario für viele Wirtschaftskanzleien, die für solches Brot-und-Butter-Geschäft ohne Zögern dreistellige Stundenhonorare in Rechnung stellen. Viele namhafte Unternehmen, darunter Union Investment, Strabag oder der Shoppingcenter-Betreiber ECE, weigern sich mittlerweile, hohe Honorare für solche Anwaltsleistungen zu zahlen. Sie setzen auf kostengünstige Legaltech-Lösungen und erwarten dies auch von ihren Anwälten.

Weitere Themen

Topmeldungen

Boris Johnson und die EU : Trotz allem – Partner

In Brüssel hat man Boris Johnson in unangenehmer Erinnerung behalten. Dennoch sollten die „Europäer“ ihm, wo immer möglich, die Hand reichen – nur zu einem nicht.
Laut Sebastian Kurz habe es sich bei der Datenvernichtung um einen „normalen Vorgang“ gehandelt.

Datenträger geschreddert : Kurz und der Reißwolf

Der damalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz ließ nach dem Platzen der Koalition mit der rechten FPÖ durch einen Mitarbeiter inkognito Daten vernichten. Warum?

Greta Thunberg in Paris : Macrons Worte sind ihr zu wenig

Für ihre kurze Rede erhält die Klimaaktivistin in der französischen Nationalversammlung viel Applaus, besonders aus Macrons Partei – obwohl Thunberg den Präsidenten zuvor kritisiert hat.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.