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Belohnung mit CO2-Zertifikaten : Wie Neuseeland seinen Wald rettet

Kiefernwald auf der Nordinsel Neuseelands: Der Emissionshandel als Belohnung für bewaldete Flächen hat auch zur Folge, dass dort vor allem schnell wachsende Monokulturen wie Kiefern angepflanzt werden. Bild: mauritius images / paul kennedy

Waldbesitzer wollen für ihren Beitrag zum Klimaschutz entlohnt werden, eine Lösung für die Entschädigung wäre der Emissionshandel. In Neuseeland funktioniert das Modell bereits – teilweise.

          3 Min.

          Die Idee ist simpel: Wenn Bäume wachsen, binden sie Kohlendioxid und dienen damit dem Klimaschutz. Sollte die Forstwirtschaft, die den deutschen Wald hegt und pflegt, für diese Leistung, die der Allgemeinheit zugutekommt, nicht entlohnt werden? Am anderen Ende der Welt wird dieses Modell bereits seit mehr als einem Jahrzehnt praktiziert: In Neuseeland erhält die Forstwirtschaft im Rahmen des dortigen CO2-Handelssystems eine Vergütung für ihre Klimaschutzleistungen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das fordern jetzt auch die von Dürre und Borkenkäfer gebeutelten Waldeigentümer in Deutschland: „Es wäre auch bei uns unbedingt sinnvoll, den Wald in den Emissionshandel zu integrieren“, sagt Hans-Georg von der Marwitz, Präsident der Arbeitsgemeinschaft deutscher Waldbesitzerverbände und CDU-Bundestagsabgeordneter. „Wir wollen keine staatlichen Almosen, sondern eine angemessene Entlohnung für den Beitrag, den wir zum Klimaschutz leisten.“

          Klöckner lässt Emissionshandel unerwähnt

          Die Regierung in Berlin reagiert zögerlich auf den Vorstoß. Auf dem „Nationalen Waldgipfel“, den Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner diese Woche einberufen hat, versprach die CDU-Politikerin der darbenden deutschen Forstwirtschaft zwar 800 Millionen Euro an staatlichen Hilfen. Doch in einem von Klöckner vorgelegten Diskussionspapier zum „Deutschen Wald im Klimawandel“ bleibt die geforderte Integration in den Emissionshandel unerwähnt.

          Dass der Wald für das Klima eine wichtige Rolle spielt, ist unstrittig. Der wissenschaftliche Beirat des Landwirtschaftsministeriums hat schon vor drei Jahren geschätzt, dass die Forstwirtschaft die jährlichen Gesamtemissionen in Deutschland um 14 Prozent senkt. Das ist annähernd so viel, wie der Verkehr hierzulande an Treibhausgas-Emissionen verursacht.

          Auch weltweit betrachtet hat der Wald ein enormes Klimaschutz-Potential. Forscher der ETH Zürich kamen kürzlich zu dem Ergebnis, dass durch ein umfassendes globales Aufforstungsprogramm zwei Drittel des Kohlendioxids, das der Mensch seit Beginn der Industrialisierung in die Atmosphäre geblasen hat, gebunden werden könnten. Die neuen Wälder wären demnach in der Lage, das gigantische Volumen von 205 Milliarden Tonnen CO2 zu speichern.

          Seit 2008 CO2-Zertifikate für neuseeländische Forstwirtschaft

          Umso sinnvoller wäre es, die Forstwirtschaft in den Emissionshandel zu integrieren, empfehlen Fachleute: „Konzeptionell ist das der richtige Weg“, sagt Bernhard Möhring, Professor für Forstliche Betriebswirtschaftslehre an der Universität Göttingen. „Die Art und Weise, wie das in Neuseeland gemacht wird, ist sehr spannend“, findet der Ökonom, der sich das dortige System auf einer Studienreise vor Ort angeschaut hat.

          Die „carbon forestry“ (Kohlenstoff-Forstwirtschaft) gibt es in Neuseeland seit 2008. Damals führte die Regierung in Wellington als Maßnahme gegen den Klimawandel ein Handelssystem für Treibhausgasemissionen ein. Doch anders als in der Europäischen Union werden nicht nur große Emittenten wie die Betreiber von Kohlekraftwerken und Stahlhütten dazu verpflichtet, für ihren CO2-Ausstoß Emissionszertifikate zu erwerben.

          Gleichzeitig werden auch Forstwirtschaftsbetriebe belohnt – sie erhalten vom Staat für ihre Wälder CO2-Zertifikate zugeteilt. Die können sie am Markt verkaufen und erhalten dadurch eine zusätzliche Einnahmequelle neben dem Holzverkauf. Neuseeland ist mit diesem System weltweit Vorreiter.

          „Während die Politik in Berlin auf dem Waldgipfel herumeiert, wird in Neuseeland die Klimaschutzleistung des Waldes konsequent finanziell honoriert“, sagt Josef Nägel. Er weiß das zu schätzen, denn der deutsche Unternehmer ist ein Profiteur des Systems: Zusammen mit Geschäftspartnern hat Nägel in Neuseeland mehrere tausend Hektar Land gekauft, um es aufzuforsten.

          Zertifikate im Wert von 1,4 Milliarden Euro

          Seine Rechnung sieht wie folgt aus: Durch das Wachstum der Bäume in seinen Forstgebieten würden je Hektar und Jahr 30 bis 40 Tonnen CO2 gebunden. Für jede Tonne erhält er ein Zertifikat, dessen Marktwert derzeit bei umgerechnet rund 15 Euro liegt. Mit dem Klimaschutz verdient er also je Hektar rund 600 Euro im Jahr. Ein schönes Zubrot.

          Für Deutschland rechnet der Forstwirtschafts-Lobbyist von der Marwitz vor, bei den derzeitigen Preisen für Zertifikate in der EU könnten die Waldbesitzer mit einer jährlichen Honorierung von 125 Euro je Hektar rechnen. Insgesamt könnten damit die privaten und öffentlichen Waldbesitzer im Land jährlich gut 1,4 Milliarden Euro in Form von CO2-Zertifikaten erhalten.

          Warum also nicht Neuseelands Modell nach Europa übertragen und den Emissionshandel auf den Wald ausweiten? Makellos sei auch das Modell in seinem Land nicht, sagt Ivan Diaz-Rainey, Professor für Klimaschutz-Finanzwirtschaft an der Universität im neuseeländischen Otago. „Man muss aufpassen, welche Art von Wald man bekommt“, warnt er. In Neuseeland sind großflächig öde Kiefern-Monokulturen entstanden, weil diese Bäume besonders schnell wachsen, und damit viel CO2 binden. Gut für das Klima, aber schlecht für die Biodiversität im Wald.

          Matthias Dieter vom staatlichen Thünen-Institut für internationale Waldwirtschaft in Hamburg hält die Einbeziehung der Forstwirtschaft in den Emissionshandel ebenfalls für eine „interessante Option“. Er weist aber auf offene Fragen hin: Wenn Bäume gefällt und zum Beispiel als Brennholz genutzt würden, werde dadurch auch wieder CO2 freigesetzt, was den Klimaschutzbeitrag des Waldes mindere. Wie solche gegenläufigen Effekte im Emissionshandelssystem angemessen berücksichtigt werden könnten, sei bisher unklar. „Auch in der Waldwirtschaft darf nichts honoriert werden, was dem Klima unterm Strich nichts nützt“, sagt Dieter.

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