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Daten zu Arbeitsbelastung : Mehr Stress – und mehr psychische Erkrankungen

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Nicht gut für die Psyche: ständige Erreichbarkeit Bild: dpa

Neue Daten des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Krankenkasse BKK lassen aufhorchen: Stress und psychische Erkrankungen nehmen weiter zu. Die Arbeitgeber sind da ganz anderer Meinung.

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          Hektik und Stress belasten einer neuen Studie zufolge die Arbeitnehmer in Deutschland. Die Situation bessere sich seit Jahren nicht, sagte der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Reiner Hoffmann, am Donnerstag in Berlin bei der Vorstellung des diesjährigen DGB-Index „Gute Arbeit“. Drei Viertel der Betriebe führten die Belastungsanalysen zum Schutz der Gesundheit gar nicht erst durch, die das Arbeitsschutzgesetz vorsehe.

          Laut der repräsentativen Befragung geben 53 Prozent der Arbeitnehmer an, sich häufig gehetzt zu fühlen. Jeder Vierte sagt, die Arbeit sei in der vorgegebenen Zeit oft nicht zu schaffen. Ein ebenso großer Anteil reduziert deshalb die Pausen oder lässt sie ganz ausfallen. Und 40 bis 50 Prozent glauben, unter den derzeitigen Anforderungen ihren Job nicht bis zur Rente durchhalten zu können. Die Zahlen beruhen auf einer bundesweiten jährlichen Beschäftigten-Befragung; diesmal gab es knapp 6600 Befragte.

          Während der DGB-Index beim Thema Arbeitsdruck seit 2012 keine Besserung verzeichnet, ist dennoch die Zufriedenheit mit der Arbeitssituation insgesamt in dieser Zeit leicht gestiegen. Verantwortlich dafür ist dem Bericht zufolge die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, die dafür sorgt, dass die Beschäftigten die Sicherheit ihrer Stellen heute deutlich höher bewerten.

          Auf höhere Belastungen durch Stress haben in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Studien der hingewiesen. Ganz aktuell schlägt die Krankenkasse BKK Alarm: Fast jeder sechste Fehltag von Arbeitnehmern geht ihren Daten zufolge auf eine psychische Erkrankung zurück. Depressionen oder Burn-out liegen nach Angaben der BKK damit inzwischen gleichauf mit Grippe oder Husten. An erster Stelle der Gründe für eine Krankschreibung stehen weiterhin Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems (knapp 24 Prozent). Den Erhebungen liegen Daten von 8 Millionen Versicherten zugrunde, davon waren etwa die Hälfte berufstätige Menschen.

          Krankenstand erreicht Höchstmarke

          Insgesamt ist der Krankenstand der BKK zufolge auf 5,1 Prozent weiter gestiegen – ein neuer Höchststand. Die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen im Vergleich zum Vorjahr sind mit 5,4 Prozent am stärksten angestiegen. Längst nicht jede psychische Erkrankung führt übrigens auch zur Arbeitsunfähigkeit. Bei Depressionen ist es im Gegenteil in der Mehrzahl der Fälle so, dass die Menschen weiterarbeiten.

          Nach – mittlerweile schon einige Monate alten Zahlen – der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sind Psychische Erkrankungen inzwischen der zweithäufigste Grund, warum Arbeitnehmer von einem Arzt krankgeschrieben werden. Und nach Angaben der Techniker Krankenkasse ist schon seit 2016 ein bundesweiter Anstieg der Werte für Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen zu beobachten. Besonders betroffen sind dabei Frauen. Allerdings wird auch immer wieder darauf hingewiesen, dass der mittlerweile offenerer Umgang mit psychischen Leiden dazu führe, dass solche Erkrankungen häufiger überhaupt diagnostiziert oder als Ursache auf der Krankschreibung festgehalten werden. Stress ist demnach nicht unbedingt die einzige Ursache für den Anstieg der Zahlen.

          DGB-Chef Hoffmann forderte die Bundesregierung gleichwohl auf, „ein klares Zeichen für mehr Psycho-Schutz am Arbeitsplatz“ zu setzen und der Forderung der Gewerkschaften nach einer Anti-Stress-Verordnung nachzukommen. Den Arbeitnehmervertretungen empfahl er, Missstände bei den zuständigen Behörden zu melden.

          Arbeitgeber monieren „Effekthascherei“

          Die Arbeitgeber hingegen widersprachen den Darstellungen. Der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, Steffen Kampeter, implizierte in einem Statement, die DGB-Zahlen seien nicht seriös: „Die Mehrzahl der Beschäftigten - nämlich 89 Prozent - ist mit ihrer Arbeit zufrieden“, sagte Kampeter. „Das zeigen die seriösen Zahlen des Statistischen Bundesamtes.“ 

          Arbeit werde immer sicherer und problematische körperliche und psychische Belastungen nähmen seit Jahren deutlich ab. Kampeter bezichtigte den Gewerkschaftsbund, sich „mit Effekthascherei um einen medialen Aufschrei zu bemühen“. Die BDA halte „einen konstruktiven Dialog“ für zielführender.

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