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Beitragserhöhung : Populismus gegen die Versicherung

  • -Aktualisiert am

Starke Beitragserhöhungen bei privaten Krankenversicherungen sind zu erwarten. Bild: Picture-Alliance

Die Private Krankenversicherung ist in einer brenzligen Lage. Kunden müssen sich auf überdurchschnittliche hohe Beitragssteigerungen einstellen. Doch die Versicherer können viel verändern.

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          Der Zeitpunkt hätte für die Private Krankenversicherung (PKV) nicht ungünstiger sein können. Ausgerechnet im Jahr vor der Bundestagswahl müssen die Versicherer ihre Kunden auf überdurchschnittlich hohe Beitragssteigerungen vorbereiten. Für zwei Drittel der gut neun Millionen Versicherten werden Anpassungen von durchschnittlich 11 Prozent erwartet. Das erfuhr diese Zeitung vergangene Woche aus Branchenkreisen.

          Ungünstig ist der Zeitpunkt, weil die Versicherer damit wieder stärker zum Spielball der Politik werden könnten. Dass sie in den Jahren der großen Koalition fast so ungestört arbeiten konnten wie während der schwarz-gelben Regierung zuvor, lag nämlich nicht daran, dass die Sozialdemokraten grundsätzlich ihren Frieden mit den Privatkassen geschlossen hätten. Vielmehr hatten sich Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag auf eine Fortschreibung des Status quo geeinigt.

          In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten sind die Versichertenbeiträge jährlich im Durchschnitt um weniger als vier Prozent gestiegen. In den vier Jahren nach 2011 lagen die Anpassungen sogar unter diesem erträglichen Niveau. Erst im vergangenen Jahr nahm die Dynamik wieder etwas zu. Nun kommt es zu einem regelrechten Schlag für die Versicherten. In der öffentlichen Wahrnehmung werden in einer solchen Situation gern die vergleichsweise ruhigen Jahre vergessen.

          Die Schwierigkeiten der Gesellschaften sind zum Teil hausgemacht, zum Teil von außen auf sie zugekommen. An erster Stelle stehen die niedrigen Kapitalmarktzinsen. Das seit langem schwache Wachstum vor allem in Südeuropa, das Überangebot an Liquidität und die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank haben einen unmittelbaren Einfluss auf die Beitragsgestaltung. Versicherer sammeln von jüngeren Kunden mehr Prämien ein, als ihr aktueller Gesundheitszustand verlangen würde. Die Mittel, die sie aktuell nicht benötigen, legen sie als Alterungsrückstellung zurück. Je niedriger der Kapitalmarktzins ausfällt, desto schlechter verzinst diese sich. Von einst zugrunde gelegten 3,5 Prozent Zins sind alle Marktteilnehmer inzwischen abgekommen.

          Verbraucherfreundliches Urteil

          Der zweite Grund ist ein vermeintlich verbraucherfreundliches Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2011, durch das Versicherer nur noch gleiche Tarife für Frauen und Männer anbieten dürfen. Dadurch wurden zwei separate Tarifwelten geschaffen, die den ohnehin schwierigen Wechsel eines Krankenversicherungstarifs weiter erschwert haben. Das wiederum führt dazu, dass im Vergleich zu früher seltener Stornogewinne anfallen, die dem Versichertenkollektiv zukamen, wenn ein Versicherter aus diesem ausschied. Diese Überschüsse wirkten in der Vergangenheit entlastend für all diejenigen, die in dem Kollektiv verblieben.

          Nur an der dritten Ursache können die Versicherer selbst ansetzen: Obwohl der Bundestag eine Obergrenze für Abschlussprovisionen festgesetzt hat, sind die Vertriebskosten weiterhin sehr hoch. Es dauert zu lang, bis sich die Branche auf ein Niveau einpendelt, das zu ihren verschlechterten Ertragsaussichten passt. Während der Gesetzgeber in der Lebensversicherung durch geschickte Instrumente einen Wandel hin zu höheren Bestandsvergütungen initiiert hat, wird in der PKV weiterhin allein der Abschluss eines Vertrags vergütet, nicht aber die erforderliche Betreuung über die gesamte Vertragslaufzeit.

          Zuletzt waren leider wieder allzu schrille Töne aus den Parteien links der Mitte zu hören – der Wahlkampf wirft seine Schatten voraus: Die Politik sei kein Knecht der PKV-Lobby, ließ SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach wissen, deshalb dürfe sie auch keine „Rettungspakete“ schnüren. Es ist unverständlich, warum die Sozialdemokraten denselben Unternehmen, denen sie in der Altersvorsorge zu viel Vertrauen entgegenbringen, in der Finanzierung von Gesundheitsausgaben ebendieses Vertrauen entziehen wollen – obwohl eine Bürgerversicherung keine der Herausforderungen der Gesundheitspolitik beheben würde, wie Ärztefunktionäre betonen.

          Umsicht tut gut

          Es wäre wünschenswert, wenn Kunden nicht alle paar Jahre auf einen Schlag von harten Beitragsanpassungen getroffen würden. Die Versicherer dürfen ihre Prämien jedoch erst erhöhen, wenn auslösende Faktoren eintreten: Zumeist sind das Ausgabensteigerungen von fünf Prozent. Es spricht wenig dagegen, dass auch ein so fundamentaler Einschnitt für die Branche wie die Verringerung von Kapitalmarktzinsen in den Katalog dieser auslösenden Faktoren einbezogen wird.

          Darüber hinaus lässt sich aber auch auf Seiten der Versicherer noch viel Effizienz heben. Der Anteil der maschinell verarbeiteten Geschäftsvorgänge ist immer noch sehr gering. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz verspricht hier eine erhebliche Kostenersparnis bei gleichbleibender Präzision in der Sachbearbeitung. Auch dem digitalisierten Gesundheitsmanagement sollten sich die Unternehmen öffnen, ohne dabei gleich in die Falle zu tappen, den Solidaritätsgedanken zu verletzen. Die Branche hat noch ausreichend Luft, etwas zu verändern. Wenn sie das umsichtig tut, wird sie auch weiterhin Unterstützer finden.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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