https://www.faz.net/-gqe-87cs8

Neuer Kunststoffkonzern : Aus Bayer-Kreuz wird Covestro-Kreis

  • -Aktualisiert am

Bunt und rund: Das Logo des neuen Kunststoffkonzern Covestro vor der Unternehmenszentrale in Leverkusen Bild: dpa

Die Kunststoffsparte des Bayer-Konzerns macht den ersten Schritt in die Unabhängigkeit. Bayer plant nun den Börsengang der Tochtergesellschaft.

          3 Min.

          80 Jahre ist es her, dass der Chemiker Otto Bayer den Werkstoff Polyurethan erfunden hat. Nun hat der Leverkusener Bayer-Konzern das gewichtige Polymer- und Werkstoffgeschäft rechtlich und wirtschaftlich verselbständigt: unter dem Namen Covestro, mit neuem kreisförmigen Logo, mit rund 14.000 Mitarbeitern und knapp 12 Milliarden Euro Umsatz. Damit wäre der erste große Schritt geschafft, der am Dienstagnachmittag mit rund 4000 Mitarbeitern in Leverkusen gefeiert wurde. Dort liegt der Sitz des Unternehmens, das bisher unter dem Namen Bayer Material Sciences einer von drei Teilkonzernen war.

          Längst richten sich die Blicke aber auf den nächsten großen Schritt, nämlich die Börsennotierung, wodurch Bayer zu einem reinen „Life-Science-Unternehmen“ rund um die Gesundheit von Mensch, Tier und Pflanze wird. Bis zum Jahresende will der Konzern entscheiden, ob es den grundsätzlich präferierten klassischen Börsengang mit einem Aktienangebot (IPO) geben wird oder eine Abspaltung (Spin-off), wie vor gut zehn Jahren mit den damals renditeschwachen Chemiegeschäften von Lanxess geschehen.

          So lautet zumindest die offizielle Sprachregelung, an die sich auch der Covestro-Vorstandsvorsitzende Patrick Thomas hält (F.A.Z. vom 29. August). Denn bis spätestens Mitte 2016 soll Covestro gelistet sein. In Marktkreisen wird allerdings damit gerechnet, dass sich Bayer nicht so lange Zeit lassen wird und die Tochter trotz der derzeitigen Börsenturbulenzen noch in diesem Jahr an die Börse bringt. Denn der Kandidat hat zuletzt eine erfreuliche Ergebnisentwicklung gezeigt und wird nach aktuellen Plänen in diesem Jahr auch wieder seine Kapitalkosten verdienen. Sollte es ein IPO werden, würde der Bayer-Konzern zunächst noch mit einer Mehrheit beteiligt bleiben, heißt es. Einem Spin-off müsste indes eine außerordentliche Hauptversammlung der Muttergesellschaft zustimmen, was angesichts der erforderlichen Vorbereitungen und Fristen weniger flexibel im Handeln machte.

          Eine neue Ära für Bayer

          Wie auch immer die Entscheidung ausfällt: Ziel von Mutter und Tochter ist gleichermaßen, dass Covestro mit der Benotung „Investmentgrade“ eingestuft wird, – mit der bilanziellen Aufstellung also als eine solide Anlageoption gilt. Denn der neue Chemiewert will sich seinen Anlegern als Wachstumswert präsentieren, wie Thomas im Gespräch mit der F.A.Z. unterstrichen hat. So wird dem Unternehmen zugetraut, im Gleichklang mit seinen diversen Abnehmerindustrien künftig schneller zu wachsen als die Weltwirtschaft. Vorerst bieten die vorhandenen Kapazitäten reichlich Raum, aber für die nächsten Wachstumsschritte könnte der direkte Zugang zum Kapitalmarkt gefragt sein. Mit einer geschätzten Bewertung zwischen zehn und zwölf Milliarden Euro wäre die Bayer-Chemie möglicherweise sogar ein Kandidat für den Leitindex Dax, zumal der Streubesitz künftig deutlich steigen wird.

          Mit der endgültigen Trennung von seinen Chemiewurzeln beginnt auch für Bayer als Deutschlands wertvollsten Börsenwert eine neue Ära. Denn die Entscheidung, sich von der seit vielen Jahren für wertvolle Cash flows sorgenden Kunststoffsparte zu trennen, war nicht unbedingt ein grundsätzliches Votum gegen das auf Risikostreuung setzende Konglomerat. Die Begründung der Konzernspitze im vergangenen Herbst lautete: Wegen des erheblichen Investitionsbedarfs der Life-Science-Geschäfte sowohl für internes als auch für externes Wachstum könne Bayer dem Chemiegeschäft nicht mehr das für dessen Wachstum erforderliche Kapital in ausreichendem Maße zu Verfügung stellen. Bayer-Chef Marijn Dekkers und sein Strategievorstand und möglicher Kronprinz Werner Baumann müssen das Kapital vielmehr dahin lenken, wo es die beste Verzinsung verspricht. Das sind die durchaus mit hohen Risiken verbundenen Geschäfte mit den forschungsintensiven, innovativen Arzneien, mit denen Bayer in der Weltliga weiter aufsteigen will. Das ist das Geschäft mit frei verkäuflichen Arzneien (OTC) wie das sogenannte Jahrhundertmedikament Aspirin. Und das sind die ebenfalls aufwendigen und langwierigen Forschungen und Entwicklungen unterliegenden Lösungen für den Pflanzenschutz.

          Diese Geschäfte haben im vergangenen Jahr etwa 70 Prozent des Bayer-Umsatzes von rund 42 Milliarden Euro und 88 Prozent des bereinigten operativen Ergebnisses (Ebitda) ausgemacht. Welche Summen in diesen Life-Science-Geschäften beispielsweise für Übernahmen aufgerufen werden, hat zuletzt der Erwerb des Consumer-Care-Geschäftes des amerikanischen Merck-Konzerns mit Marken wie Scholl’s und Coppertone gezeigt. Um weltmarktführende Positionen im OTC-Geschäft zu erlangen, hat Bayer dafür im vergangenen Jahr gut 14Milliarden Dollar bezahlt. Etwas mehr also, als Covestro derzeit an Marktkapitalisierung zugetraut wird.

          Als Folge der Trennung von Covestro und der jüngsten Übernahmen im Gesundheitsgeschäft hat Dekkers schon im Frühjahr eine Neuordnung der Konzernstrukturen angekündigt, mit der Bayer Anfang 2016 an den Start gehen will. Dabei steht wohl auch die heutige Holdingstruktur zur Disposition. Denn Deckers, der noch bis Ende 2016 im Amt ist, geht es darum, die verbleibenden Geschäfte noch schlagkräftiger und effizienter aufzustellen. Dazu sollen in der Konzernspitze offenbar operative Funktionen installiert werden.

          Weitere Themen

          Eon hat noch viel Arbeit vor sich

          Scherbaums Börse : Eon hat noch viel Arbeit vor sich

          Versorger-Aktien hatten über Jahrzehnte einen Ruf als Witwen- und Waisenpapiere. Doch von langweiliger Solidität vergangener Tage ist bei Eon wenig zu sehen. Angesichts der Energiewende muss einmal mehr Überzeugungsarbeit bei Aktionären geleistet werden.

          Türkische Lira auf Rekordtief Video-Seite öffnen

          Menschen demonstrieren : Türkische Lira auf Rekordtief

          Dutzende Demonstranten wurden am Mittwochabend bei einem Protest gegen die Regierung in Istanbul festgenommen. Die türkische Lira war am Vortag um mehr als 15 Prozent auf ein Rekordtief eingebrochen. Seit Jahresanfang hat die Lira bereits mehr als 40 Prozent an Wert verloren.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.