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Bayer-Kommentar : Verantwortung unterm Bayer-Kreuz

  • -Aktualisiert am

Das Bayer-Kreuz trägt viele Werte mit sich. Wie werden sie sich durch die Monsanto-Übernahme verändern? Bild: dapd

Der Kauf von Monsanto birgt für Bayer ein hohes Reputationsrisiko – aber auch enorme Marktchancen. Kann das Traditionsunternehmen sie nutzen, ohne seine Werte aufzugeben?

          An diesem Donnerstag ist es so weit. Fast genau zwei Jahre nach Bekanntwerden der Übernahmeabsicht wird Bayer alleiniger Eigentümer des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto. Gleich zur Schlüsselübergabe in St. Louis hat der Bayer-Vorstandsvorsitzende Werner Baumann Fakten geschaffen und Kritikern zumindest ein bisschen Wind aus den Segeln genommen.

          Der Name Monsanto verschwindet. Zwar werden die zugekauften Produkte ihre Produktnamen behalten. Aber die Marke des Unternehmens, das auf der Liste der Nichtregierungsorganisationen (NGO) wegen zweifelhafter Geschäftsmethoden, wegen gentechnisch veränderten Saatguts oder der Produktion des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat oben auf der Liste der meistgehassten Konzerne steht, wird es nicht mehr geben. Künftig sollen das Vertrauen und die Werte zählen, für die das Bayer-Kreuz steht.

          Denn so gut sich die Geschäfte der beiden Agrarchemiekonzerne operativ ergänzen, so ideal der strategische Fit sein mag: Wohl kaum hat bei einer Großakquisition jemals ein so hohes Reputationsrisiko mitgeschwungen wie bei dieser. Wegen der möglichen negativen Rückstrahlung auf Kunden und Investoren ist das mindestens so ernst zu nehmen wie die bei solchen Übernahmen ohnehin dräuenden Integrationsrisiken.

          Die wachsende Bevölkerung muss bezahlbar ernährt werden

          Nicht von ungefähr hat Baumann am Montag nochmals ausführlich die besondere Verantwortung betont, der Bayer gerecht werden will. Und er hat abermals versichert, höchste ethische, ökologische und soziale Standards einzuhalten, den Dialog mit Kritikern zu suchen und Nachhaltigkeitsziele mit derselben Entschlossenheit anzugehen wie Finanzziele.

          Die industrielle Logik für den größten Kauf in der deutschen Unternehmensgeschichte ist nachvollziehbar, auch wenn sie NGOs, Umweltschützern und landwirtschaftlichen Verbänden gegen den Strich geht. In Zukunft muss eine wachsende und immer anspruchsvollere Weltbevölkerung ausreichend und zu bezahlbaren Preisen ernährt werden. Im Jahr 2050 dürften fast zehn Milliarden Menschen auf dem Planeten leben, gut zwei Milliarden Menschen mehr als heute.

          Die erforderlichen Ackerflächen sind derweil nicht zu vermehren. Zugleich sorgen die Folgen des Klimawandels für mehr Wetterextreme, die auch zu Lasten der Landwirtschaft gehen. Hier kann innovative Agrarchemie helfen, beispielsweise indem Pflanzen resistenter gegen Schädlinge oder gegen Trockenheit gemacht werden oder ein Wachstum auch auf salzigeren Böden ermöglicht wird.

          Ohne die Fusion wäre Bayer ins Hintertreffen geraten

          Die Digitalisierung der Landwirtschaft kann dazu beitragen, wetterbedingte Ernteschäden dank Wetterapps zu verringern oder riesige Felder nur dort mit Pflanzenschutz zu besprühen, wo mit Hilfe von Infrarotaufnahmen tatsächlich Schädlingsbefall auszumachen ist. Man mag die industrielle Landwirtschaft und agrarische Großbetriebe ablehnen, um Artenvielfalt fürchten und dem Ökobetrieb mit seinem bunten Bauernladen den klaren Vorzug geben: In den Regionen dieser Erde, in denen die Bevölkerung stark zunimmt, besteht diese Wahl aber erst gar nicht. Auf lange Sicht ist die Agrarchemie also ein klarer Wachstumsmarkt.

          Vor diesem Hintergrund sind der Übernahme von Monsanto auch schon zwei weitere Großfusionen vorausgegangen, nämlich die Übernahme von Syngenta durch Chemchina und das Zusammengehen von Dow und Dupont. Wäre Bayer tatenlos geblieben, wäre der Konzern in dem inzwischen oligopolistisch geprägten Markt klar ins Hintertreffen geraten. Was nicht opportun gewesen wäre, schließlich ist die Agrarchemie eines der beiden Kerngeschäfte.

          Ohne Reaktion auf die „Fusionitis“ der Branche hätte der Abstieg auf marktschwächere Positionen gedroht oder am Ende sogar die Gefahr, selbst zum Übernahmekandidaten zu werden. Nun aber können Baumann und sein Vorstandskollege Liam Condon den Weltmarktführer formen, der ein Portfolio an Saatgut und Pflanzeneigenschaften (Ex-Monsanto) mit chemischem und biologischem Pflanzenschutz (Bayer) zusammenbringt und in diesem Segment rund 20 Milliarden Euro Umsatz macht.

          Wie kann Bayer Bayer bleiben?

          Mit der Übernahme von Monsanto wird Bayer freilich sein Gesicht deutlich verändern. Der Traditionskonzern, der sich nun auf die Fahnen geschrieben hat, Gesundheit und Ernährung der Menschen zu verbessern, steht nach dem vollständigen Rückzug aus dem klassischen Chemiegeschäft künftig auf zwei gleich starken Geschäftssäulen. Die Agrarchemie zieht also mit den gewichtigen Geschäften rund um verschreibungspflichtige und rezeptfreie Medikamente gleich.

          Damit ändert sich auch das Risikoprofil, denn das Geschäft auf dem Acker ist schwankungsanfälliger als das mit Pillen. Auch dürfte der Wettstreit um die Mittel für Investitionen, Forschung und Entwicklung schärfer werden, wenn die Agrarchemiker mit den Pharmaleuten auf Augenhöhe aufschließen. Und ganz so schnell, wie es dem Vorstand vorschweben mag, werden sich Monsanto-Kultur und Monsanto-Image nicht abschütteln lassen. Wenn Bayer Bayer bleiben will, bedeutet dies harte Arbeit und eine hohe Dosis vertrauensschaffender Maßnahmen.

          Brigitte Koch

          Wirtschaftskorrespondentin in Düsseldorf.

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