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Millennium Tower : Der schiefe Turm von San Francisco

Mit bloßem Auge sieht er zwar noch nicht aus wie der schiefe Turm von Pisa, dennoch ist die Neigung bedenklich. Bild: AFP

Das höchste Wohnhaus in der kalifornischen Stadt ist abgesackt und neigt sich zur Seite. Die Bewohner klagen. Doch niemand will schuld gewesen sein.

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          Der Millennium Tower in San Francisco ist „eine Adresse wie keine andere“. Sagen zumindest die Bauherren auf der Internetseite des Wolkenkratzers. Mit einer Höhe von fast 200 Metern und 58 Stockwerken überragt der Turm alle anderen Wohngebäude der Stadt. Wer hier lebt, wird mit allen möglichen Annehmlichkeiten verwöhnt: Es gibt einen Swimmingpool, ein Privatkino und einen Weinkeller, in dem jeder Bewohner ein Schließfach zur Lagerung von edlen Tropfen hat. Das Finanz- und Lifestyle-Magazin „Worth“ nahm den Millennium Tower in seine Liste der zehn besten Wohngebäude der Welt auf. Prominente aus Sport und Wirtschaft haben sich hier eines der mehr als 400 Appartements gekauft. Der in diesem Jahr gestorbene Investor Tom Perkins zahlte zum Beispiel mehr als 9 Millionen Dollar für ein Penthouse mit Blick auf die Golden Gate Bridge.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Aber der 2009 eröffnete Luxusturm droht nun zu einem spektakulären Beispiel für Baupfusch zu werden. Denn er ist seit seiner Fertigstellung um mehr als 40 Zentimeter abgesackt. Das ist viel mehr, als von den Bauherren einst vorausgesagt, und sprengt bei weitem den Rahmen des üblichen und als Setzung bekannten Absinkens von Gebäuden. Erschwerend kommt hinzu, dass dies nicht gleichmäßig geschieht, was den Effekt hat, dass der Turm sich zur Seite neigt. Am Fuß des Gebäudes sind es mehr als fünf Zentimeter, an der Spitze sollen es sogar fast 40 Zentimeter sein. Der Glaspalast hat jetzt den unrühmlichen Spitznamen „schiefer Turm von San Francisco“.

          Luxuswolkenkratzer mit ungünstiger Neigung: Millennium Tower in San Francisco

          Die Bewohner sind außer sich und haben vor wenigen Wochen die Baugesellschaft Millennium Partners verklagt. In der Klage heißt es, das ungleichmäßige Absacken habe schon jetzt für Risse und Wasserlecks in dem Gebäude gesorgt. Die Kläger äußern die Befürchtung, dass das Hochhaus noch um weitere fast 40 Zentimeter sinken und sich somit auch noch weiter neigen könnte. Und sie sagen, ein Erdbeben könnte die Lage noch weiter verschlimmern. San Francisco gilt als stark erdbebengefährdet. Die Bewohner wollen nun mindestens 500 Millionen Dollar Schadensersatz. Sie sagen, ihre Wohnungen seien weniger sicher und hätten an Wert verloren. Sie reklamieren, ihnen sei „emotionales Leid“ zugefügt worden und sie könnten ihre Wohnungen nicht mehr wie vorher genießen. Millennium Partners vertritt dagegen die Auffassung, das Gebäude sei weiter sicher und bewohnbar. Und die Bauherren weisen die Verantwortung für das Debakel von sich. Das übermäßige Absinken sei vielmehr die Schuld der Behörde Transbay Joint Powers Authority, die neben dem Millennium Tower einen neuen Bahnhof baut, denn bei diesen Bauarbeiten sei der Wolkenkratzer in Mitleidenschaft gezogen worden.

          Behörde sieht keine Mitschuld

          Die Behörde will dagegen keinerlei Mitschuld akzeptieren und argumentiert, das Hochhaus habe ein mangelhaftes Fundament, für das die Baugesellschaft die Verantwortung trage. Die von Millennium Partners verwendeten Pfeiler, die das Gebäude stützen sollen, seien unzulänglich, weil sie nicht bis zum 60 Meter tief in der Erde liegenden Felsgrund reichten, sondern nur bis zu einer weicheren Schicht darüber. Die Bewohner sehen beide Seiten in der Verantwortung und haben deshalb neben Millennium Partners auch die Transbay Joint Powers Authority verklagt. Sie sagen, die Bauherren hätten aus Kostengründen unzureichende Pfeiler verwendet und damit das Absinken ausgelöst und die Behörde habe das Haus mit dem Baggern eines riesigen Lochs weiter destabilisiert.

          Das Gebäude ist das höchste Wohnhaus in San Francisco - sinkt aber in den Boden ein.

          Die Gegend um den Millennium Tower ist wie viele andere Teile San Franciscos kein einfacher Baugrund, was eine Erklärung dafür ist, dass die Stadt weitaus weniger von Hochhäusern geprägt ist als etwa New York. Wo heute der Millennium Tower steht, war früher das Wasser der Bucht von San Francisco. Die Stadt hat dann aber aus Lehm und Schutt, der zum Teil nach dem Erdbeben des Jahres 1906 anfiel, neues Bauland geschaffen. Dieser sogenannte „Landfill“, auf dem wassernahe Gegenden der Stadt stehen, ist aber kein allzu fester Untergrund und bietet auch weniger Halt, wenn es zu Erdbeben kommt. Trotz dieser unvorteilhaften Ausgangslage ist in den vergangenen Jahren immer mehr und immer höher gebaut worden, gerade im Stadtteil South of Market oder „Soma“, wo auch der Millennium Tower steht. Der Bauboom wurde nicht zuletzt von den Erfolgen junger Technologieunternehmen in der Stadt und im nahegelegenen Silicon Valley angeheizt. In der Region sitzen Unternehmen wie Google, Facebook und Uber.

          Der Millennium Tower war auch deshalb kein einfaches Projekt, weil er im Gegensatz zu vielen anderen Gebäuden in San Francisco keinen Stahlrahmen hat, sondern aus Beton ist. Das macht ihn viel schwerer, was wiederum die Gefahr des Absinkens erhöht. Und doch schienen die Bauherren zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung die Herausforderung zunächst gemeistert zu haben, denn der Wolkenkratzer wurde gefeiert und mit Preisen überhäuft. Im Eröffnungsjahr zeichnete ihn zum Beispiel der amerikanische Bauingenieursverband aus – als „strukturelles Ingenieursprojekt des Jahres“.

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