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Baumarktkette : Praktiker einigt sich mit Aktionären auf Sanierung

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Hier spricht der Preis: Diesmal waren einflussreiche Posten der Preis für die Zustimmung der Aktionäre zum Rettungsplan Bild: REUTERS

Ohne Zustimmung zum Sanierungskonzept würde die Baumarktkette Praktiker in die Insolvenz gehen - so war die Argumentation der Vorstände auf der dramatischen Hauptversammlung des Unternehmens. In der Nacht stimmten die Aktionäre dem umstrittenen Plan zu - für den Preis von einflussreichen Posten.

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          Der Baumarktkonzern Praktiker hat sich auf einer dramatischen Hauptversammlung mit seinen wichtigsten Aktionären auf einen Kompromiss zur Sanierung geeinigt. Damit soll nach Angaben des Managements eine Insolvenz abgewendet werden. Nach mehrstündigem Ringen erklärte sich die Fondsmanagerin Isabella de Krassny als Vertreterin der Hauptaktionäre am Mittwochabend dazu bereit, das Sanierungskonzept des Vorstands mitzutragen. Im Gegenzug ersetzt Praktiker auf Druck der Aktionäre zwei Aufsichtsratsmitglieder durch Kandidaten von de Krassny. Bei Praktiker stehen in Deutschland 11.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel, in ganz Europa sind es insgesamt gut 19.000.

          Unter anderem zieht sich Vorstandschef Kay Hafner aus dem Aufsichtsrat zurück. Hafner hatte seinen Posten in dem Kontrollgremium nicht niedergelegt, als er im Mai als Ersatz für den überraschend abgetretenen Konzernchef Thomas Fox an die Vorstandsspitze delegiert wurde. Aufsichtsratschef Kersten von Schenck bleibt im Amt und betonte am Mittwoch auf der Versammlung, Hafner gebe nun lediglich sein Aufsichtratsmandat ab. Als Vorstandschef will Hafner vorerst bis zum 13. August amtieren. De Krassny bekräftigte, der frühere Chef von Deutschlands größter Baumarktkette Obi, Andreas Sandmann, sei ihr Wunschkandidat für den künftigen Vorstandsvorsitzenden. Zudem wollen Schenck und de Krassny Hafner und Finanzchef Markus Schürholz weitere Vorstandsmitglieder zur Seite stellen.

          Fieberhaftes Ringen über Stunden

          Stundenlang hatten beide Seiten hinter den Kulissen fieberhaft gerungen und dafür auch die Versammlung unterbrochen. Am Ende votierten die Anteilseigner nach langem Tauziehen kurz vor Mitternacht für die vom Management vorgeschlagene Kapitalerhöhung. Sie ermächtigten den Vorstand außerdem zur Ausgabe einer Optionsanleihe, über die der amerikanische Finanzinvestor Anchorage mit 15 Prozent an Praktiker beteiligt werden soll - als Gegenleistung für einen rettenden Kredit. Hätte sich die Debatte über Mitternacht hinaus hingezogen, wäre eine weitere Hauptversammlung nötig geworden.

          Die von de Krassny nominierten Nachfolger im Aufsichtsrat sollen nun von einem Gericht bestellt werden. Denn obwohl die Wiener Fondsmanagerin die Mehrheit der anwesenden Stimmen vertrat, bestand keine Möglichkeit zur Neuwahl des Aufsichtsrats: Ein entsprechender Antrag, den de Krassny vor Wochen gestellt hatte, war von Praktiker aus formalen Gründen nicht auf die Tagesordnung gesetzt worden und dann auch vor Gericht gescheitert. De Krassny hatte mit dem von ihr vertretenen Paket von 16 Prozent der Aktien eine Mehrheit auf der Hauptversammlung, da dort lediglich knapp 27 Prozent des Grundkapitals vertreten waren. De Krassny hatte unter dem Applaus der etwa 200 Aktionäre anfangs noch den Rücktritt des gesamten Aufsichtsrats verlangt.

          „Es geht ums Überleben“

          Mit dramatischen Worten hatte der Vorstand um eine Zustimmung der Aktionäre zu dem Sanierungsplan geworben, der unter anderem eine Umstellung zahlreicher Praktiker-Märkte auf die erfolgreiche Schwestermarke Max Bahr vorsieht. „Es geht um die Zukunft, oder noch konkreter: Es geht ums Überleben“, sagte Hafner. Sein Konzept sei „alternativlos“. Als rettender Geldgeber ist der amerikanische Finanzinvestor Anchorage vorgesehen. Er verlangt aber für einen 85 Millionen Euro schweren Kredit Max Bahr als Pfand und soll darüber hinaus mit Hilfe von Optionsanleihen Zugriff auf 15 Prozent der Praktiker-Aktien erhalten. Zudem sollen sich die Aktionäre mit einer Kapitalerhöhung um 60 Millionen Euro an der Rettung des Konzerns beteiligen. „Bricht nur eine wesentliche Stütze aus dem Gerüst aus, fällt auch der Rest“, betonte Hafner.

          Finanzvorstand Markus Schürholz erklärte, bei einer Ablehnung durch die Aktionäre müsse Praktiker die Verhandlungen über Kreditlinien abbrechen. „Praktiker wäre in diesem Fall unmittelbar von der Insolvenz bedroht. Der Wert der Aktie würde wohl gegen Null sinken.“ Für de Krassny stehen rechnerisch knapp zwölf Millionen Euro auf dem Spiel: Das ist der aktuelle Börsenwert des von ihr vertretenen Aktienpakets von 16 Prozent. Insgesamt ist Praktiker an der Börse noch 73 Millionen Euro wert. Die Aktie rutschte am Mittwoch um fünf Prozent auf 1,28 Euro ab und ging damit als schwächster Wert im Kleinwerteindex SDax aus dem Handel.

          De Krassny waren die geplanten Zugeständnisse an Anchorage ein Dorn im Auge. Sie sagte, für ihr eigenes Sanierungskonzept verfügten die hinter ihr stehenden Investoren über die nötigen Mittel und ein Management, um Praktiker fortzuführen. Dennoch stimmte sie nach langem Tauziehen dem Vorschlag des Managements zu. Sie sei aufgrund ihrer Mitverantwortung als Aktionärin „gezwungen gewesen, zuzustimmen“, erläuterte die Fondsmanagerin. Die Gefahr einer Insolvenz für Praktiker verneinte sie jedoch. Nach der Einigung erklärte sie: „Wir haben nicht alle unsere Ziele erreicht, aber wir werden das Konzept mit Anchorage mittragen. Dass wir darüber nicht glücklich sind, ist so. Aber wir wollen.“

          Aktionärssprecher warfen dem Vorstand während der mehrfach durch Zwischenrufe unterbrochenen Versammlung vor, das Unternehmen herabgewirtschaftet zu haben. „Sie haben die Aktie auf den Wert eines Schokoriegels geschreddert“, schrie der Kleinaktionär Manfred Klein, der auf zahlreichen Aktionärsversammlungen auftritt, dem Management empört entgegen. Eine Aktionärin kritisierte, dass Praktiker in den vergangenen Jahren zwei Vorstandschefs verschlissen habe, ohne das Unternehmen in ruhigeres Gewässer zu führen. „Sie haben das Vertrauen verloren.“

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