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Bauen in der Stadt : Gute Idee schlägt Scheckbuch

  • -Aktualisiert am

Umdenken: Immer mehr Städte verzichten beim Verkauf von Baugrund auf den Höchstpreis. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Ein städtischer Bauplatz in bester Lage - davon träumen viele Bürger. Bisher machte bei der Grundstücksvergabe meist der das Rennen, der das meiste Geld bot. Das ändert sich.

          Manchmal geschieht so etwas wie ein Wunder. Neulich zum Beispiel mitten in Berlin-Kreuzberg. Dort hatte beim Gerangel um die Vergabe eines begehrten Grundstücks jener Investor das Nachsehen, der den höchsten Preis bot. Denn die Stadt als Eigentümerin verzichtete auf immerhin eine halbe Million Euro, die er mehr zu zahlen als die Konkurrenz bereit war, und verkaufte das 2500 Quadratmeter große Filet-Baufeld stattdessen an eine Truppe namens Frizz23. Hinter dem Namen verbirgt sich kein Szenebrausefabrikant, sondern eine Gruppe von 30 Kreativen und Künstlern, die auf dem Areal ihre eigenen Studios, Ateliers und Büros bauen wollen. Kurz, es ist ein Zusammenschluss von Bauwilligen, die gemeinhin nicht im Geld schwimmen. Nur 2,4 Millionen Euro zahlen sie, also weniger als 1000 Euro pro Quadratmeter.

          Das ist ein Schnäppchen für diese angesagte Lage am Jüdischen Museum. Auch die Nachbargrundstücke gingen an Bauherren-Initiativen. Der Grund: Die Konzepte von Frizz23 und den anderen kamen bei der Stadt deutlich besser an. „Nun gestalten wir Bürger einen Teil unserer Stadt selbst“, frohlockt Matthew Griffin, Architekt und Frizz23-Begründer.

          Berlin hatte sich bei der Vergabe des Kreuzberger Grundstücks, auf dem früher Blumengroßhändler ihre Waren anboten, auf eine langwierige Ideensuche eingelassen. Das ist neu in der Hauptstadt. Nach zahllosen Treffen mit Interessenten, fiel die Entscheidung, dass ein Kreativquartier entstehen soll. Griffin und seine künftigen Mitstreiter kamen zum Zug. Was dieser Tage in Kreuzberg passiert, ist daher gar kein Wunder, sondern Absicht und ein Signal: Die Stadt gehört allen - und wir können im Neubau nicht nur Luxus!

          Was für eine Botschaft

          Berlin ist nicht die einzige Stadt, die neuerdings großzügig Grundstücke zu einem Preis unterhalb des Marktwertes veräußert. Im ganzen Land bieten Großstädte Interessenten eine Chance, von deren Bauvorhaben sie sich so etwas wie sozialen Mehrwert für das Viertel erhoffen. Darunter sind auch, aber nicht nur solche Städte, die dank einer Preisralley am Wohnungsmarkt immer wieder für Schlagzeilen gesorgt haben und wo der öffentliche Unmut laut wird, dass sich bald nur noch Reiche eine Wohnung leisten könnten. Statt eines Bieterverfahrens gilt vielerorts nun das sogenannte Konzeptverfahren. Idee schlägt Scheckbuch - was für eine Botschaft.

          Während Berlin gerade die ersten Schritte auf diesem Weg geht, ist man in Hamburg und Tübingen schon viel weiter: Beide Städte schauen seit langem mehr auf die Konzepte als aufs Geld - und lenken damit die Stadtentwicklung. In Hamburg, der zweitgrößten deutschen Stadt, gibt es seit fünf Jahren eine simple Regel: Wenn ein potentieller Bauherr eine hohe bauliche Qualität zu liefern bereit ist, dann hat er die besseren Karten. Bei Projekten im Geschosswohnungsbau ist die „Vergabe nach Konzeptqualität“ sogar bindend vorgeschrieben. Dann gilt: Je größer die angestrebte soziale Mischung ist und je anspruchsvoller die Architektur, Energieeffizienz und Gebäudetechnik, desto größer die Chancen.

          Vorreiter Tübingen

          In Tübingen ist es schon lange Tradition, mittels Baugemeinschaften die soziale Stadtentwicklung und das öffentliche Leben zu prägen. Dort kauft eine städtische Projektentwicklungsgesellschaft zunächst Flächen an, um sie dann auf den Markt zu bringen. Es gibt einen Ideenwettbewerb, dessen Ergebnisse eine öffentliche Kommission beurteilt. So werden viele beteiligt, und die Stadt nimmt Einfluss darauf, welche Baugemeinschaft mit welchen Mitgliedern wohin kommt, welche Geschäfte und Büros dazu kommen.

          Stuttgart folgt nun diesem Beispiel. Seit diesem Jahr gelten die Anforderungen, die die Stadt bisher an Baugemeinschaften auf städtischen Flächen stellte, die also im Kleinen schon praktiziert wurden, für alle, auch für den Großinvestor, der sich um eine Innenstadtfläche bewirbt. Wie bei den Baugruppen wird jetzt immer eine „Sozialmesslatte“ angelegt.

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