https://www.faz.net/-gqe-9moz5

Begehrter Rohstoff : Warum Diebe einen Strand klauen

Ein Bagger belädt einen Lkw mit Sand auf der Baustelle des neuen Schiffshebewerkes in Niederfinow (Brandenburg). Bild: dpa

Der Bauboom treibt die Sand-Nachfrage in ungeahnte Höhen. In Indien gibt es gar eine Sand-Mafia. Nun warnen die Vereinten Nationen vor den Folgen des Abbaus und einige Länder steuern bereits gegen.

          Die Täter kamen in der Nacht und fuhren mit Lastern auf den Strand von Coral Springs in Jamaika. Das breit gestreute Objekt ihrer Begierde befand sich direkt unter ihren Rädern: Sand. Schätzungsweise 250 Ladungen davon transportierten sie unbemerkt davon, vermutlich um die feinen, weißen Körner für den Strand einer Hotelanlage oder den Bau eines Gebäudes zu nutzen. Aufgeklärt wurde der dreiste Diebstahl aus dem Jahr 2008 nie. Aber er dient bis heute als plakatives Beispiel für den Raubbau eines bislang kaum beachteten Rohstoffes, von dem man lange glaubte, es gebe genug davon, der nun aber bedrohlich knapp wird: bedrohlich im wirtschaftlichen wie im ökologischen Sinne.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Wegen des weltumspannenden Baubooms hat sich die Nachfrage nach Sand und Kies in den vergangenen zwei Dekaden verdreifacht. In Deutschland ist der Stoff derart gefragt, dass die Baubranche schon vor einem Sandmangel warnt. Nach Erhebungen des Umweltprogramms (Unep) der Vereinten Nationen in Genf werden jährlich 40 bis 50 Milliarden Tonnen Sand im Jahr verbraucht. Damit sind die winzigen Körner der zweitgrößte gehandelte Rohstoff nach Wasser. Aufgrund der weiter zunehmenden Urbanisierung werde der internationale Handel mit Sand und Kies jährlich um 5,5 Prozent wachsen, schätzt die Unep.

          Die meisten Gebäude rund um den Globus sind aus Beton, der wiederum zu mehr als 60 Prozent aus Sand besteht. In einem Kilometer Autobahn stecken rund 30.000 Tonnen Sand. Der Rohstoff wird aber auch zur Herstellung von Glas, Kosmetika, Waschmitteln, Zahnpasta, Klebstoffen und Mikroprozessoren benötigt.

          Länder verbieten Sand-Export

          Wer die gigantischen Sandwüsten in Afrika und auf der arabischen Halbinsel vor Augen hat, denkt unwillkürlich: Wo ist das Problem? Die Antwort: Wüstensand ist zu feinkörnig und zu rundgeschliffen, um ihn zu Beton zu verarbeiten. Dazu braucht es eckige, scharfkantige Körner, die sich mit anderen Materialien wie Zement und Kies verhaken und so zu einer belastbaren Masse werden. Diese Art von Sand findet sich vor allem an den Küsten und in Flüssen. Dort wird er abgesaugt oder weggebaggert. Und das geschieht in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern weitgehend unreguliert, also ohne Rücksicht auf Verluste.

          Länder wie Malaysia, Kambodscha, Vietnam und Indonesien haben den Export von Sand inzwischen verboten. Sie haben erkannt, wie groß der Schaden für die betroffenen Küsten ist: Diese verlieren ihren Halt, erodieren, werden viel eher als früher überflutet. Doch viele Verbote werden durch kriminelle Organisationen unterlaufen. In Indien hat sich eine international operierende Sand-Mafia gebildet, die überall im Land Sand stiehlt und brutal gegen Widersacher vorgeht.

          In einer am Dienstag veröffentlichten Studie beschreibt die Unep den wachsenden Bedarf nach Sand und dessen übermäßiger Abbau als eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Die Forscher warnen vor der wachsenden Überschwemmungsgefahr. Indem man die Ökosysteme von Küsten- und Flusslandschaften schädige, mache man diese für viele Tiere unbewohnbar. Zudem sinke der Grundwasserspiegel dort, wo viel Sand verloren gehe. Zugleich steige die Wahrscheinlichkeit von Dürren. „Wir verbrauchen unser Sandbudget schneller, als wir es verantwortungsvoll produzieren können“, sagte Joyce Msuya, Direktorin des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Sie fordert eine bessere Regulierung.

          Weitere Themen

          Kabinett läutet Soli-Ende ein Video-Seite öffnen

          Nur die Reichen sollen zahlen : Kabinett läutet Soli-Ende ein

          Die Bundesregierung hat die Teilabschaffung des Solidaritätszuschlags beschlossen. Zukünftig soll der Soli für 90 Prozent der Zahler wegfallen und für weitere 6,5 Prozent zumindest reduziert werden.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.