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Bankenregulierung : Debatte über Aufspaltung von Banken wird heftiger

Im Fokus der Diskussionen: Internationale Großbanken, wie hier in Frankfurt am Main. Bild: Sonntag, Florian

Immer mehr Stimmen fordern eine Zerschlagung von Großbanken. Erst Nikolaus von Bomhard, dann Citigroup-Chef Sandy Weill. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel sympathisiert mit einem Trennbankensystem. Doch verringert das wirklich die Systemrelevanz der großen Banken?

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          Die Debatte wird lebhafter, wie die Finanzstabilität erhöht und staatliche Bankenrettungen künftig vermieden werden können. Sandy Weill, der die amerikanische Citigroup durch Zukäufe zum größten Allfinanzkonzern der Welt aufgebaut hat, spricht sich jetzt für eine Konzentration von Banken auf wenige Geschäftsbereiche aus. Vor kurzem hat auch Nikolaus von Bomhard, Vorstandsvorsitzender der Münchener Rück, für ein Trennbankensystem plädiert, wie es in Amerika und Großbritannien lange üblich war. Auch Politiker wie SPD-Chef Sigmar Gabriel und Frankreichs Präsident François Hollande sympathisieren damit, Banken zu zwingen, das Investmentbanking vom Geschäft mit Privat- und Firmenkunden zu trennen. Die konservativ-liberale Regierung will in Großbritannien bis 2015 sogar wieder ein Trennbankensystem etablieren. Macht ein Trennbankensystem das Finanzsystem sicherer?

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Deutsche Bankenaufseher sind skeptisch und verteidigen das europäische Universalbankensystem. Wenn Banken viele Geschäftsbereiche haben, so ihr Hauptargument, balancieren sich Risiken innerhalb der Bank aus. Die Befürworter des Trennbankensystems erwidern allerdings, Banken seien mit mehreren Geschäftsbereichen zu komplex, um sie kontrolliert zu steuern. Insbesondere das Investmentbanking sei sehr schwankungsanfällig und damit risikoreich, und diese Risiken seien mit anderen Bankgeschäften, etwa dem Immobiliengeschäft, auch oft eng verknüpft. Daher potenzierten sich Risiken innerhalb von Universalbanken sogar zuweilen, anstatt sich zu verringern.

          Nicht nur die Größe ist entscheidend für die Systemrelevanz

          Letztlich geht es in der Debatte um die Frage, ob mit einem Trennbankensystem die Risiken für die um ihre Einlagen besorgten Privatkunden und für den Steuerzahler verringert werden können. Unbestritten ist, dass Banken gerne wachsen, um die hohen Fixkosten insbesondere in der Informationstechnik auf mehr Geschäft zu verteilen. Mit zunehmender Größe aber wächst ihre Systemrelevanz und damit der Zwang, dass sie zur Abwendung von Dominoeffekten im gesamten Finanzsystem mit staatlichem Geld vor der Insolvenz gerettet werden müssen.

          Dieser Gedankengang spricht zunächst für das Trennbankensystem. Aber, so argumentieren seine Kritiker, nicht nur Größe ist entscheidend für Systemrelevanz, sondern auch wie stark eine Bank mit ihren Geschäften mit anderen Finanzakteuren verbunden ist. So war eben Lehman Brothers eine reine Investmentbank, und dennoch hat ihre Pleite im Herbst 2008 das Finanzsystem ins Wanken gebracht.

          Auch Washington Mutual, eine amerikanische Sparkasse ohne Investmentbanking, hat im Herbst 2008 nur überlebt, weil sie von JP Morgan übernommen wurde. Jetzt stecken in Spanien vor allem auch Sparkassen, die auf das Privatkundengeschäft und nicht auf Investmentbanking konzentriert sind, in Schwierigkeiten. Die größte spanische Bank Santander leidet zwar auch unter ausfallgefährdeten Krediten. Aber sie hat ihre Geschäfte stärker gegenüber dem taumelnden spanischen Immobilienmarkt ausbalanciert - allerdings nicht mit Hilfe des Investmentbankings, sondern durch Expansion nach Lateinamerika.

          Eine Trennung wird oft als künstlich angesehen

          Ähnlich gingen österreichische Geldhäuser wie Bank Austria in den neunziger Jahren in Osteuropa vor, als ihnen ihr Heimatmarkt zu klein wurde. Auch in den britischen Banken HSBC und Standard Chartered spielt das Investmentbanking eine geringe Rolle, weil sie auf eine Expansion im boomenden Asien setzten. Viele deutsche Landesbanken dagegen sind ein Beispiel dafür, wie Banken ohne Verwurzelung im Heimatmarkt auf das Investmentbanking auswichen und mit kapitalmarktgehandelten amerikanischen Hypothekenkrediten Schiffbruch erlitten.

          Befürworter des Universalbankensystems plädieren dafür, Banken durch höhere Eigenkapital- und Liquiditätsvorschriften zum Schrumpfen zu zwingen und so ihre Systemrelevanz zu verringern. Am rigidesten geht die Schweiz gegen ihre Großbanken UBS und Credit Suisse vor. Ihre Bilanzsummen sind mehr als doppelt so groß wie das Bruttoinlandsprodukt der Schweiz. Sie zu retten wäre für das Land besonders schwer zu stemmen. Zudem wollen Befürworter des Universalbankensystems die Schwelle für staatliche Bankenrettungen senken, indem sie zuvor Gläubiger der Banken im Insolvenzfall zum Eigenkapitalzuschuss zwingen.

          Falls das Universalbankensystem in Europa aufrechterhalten werden sollte, mag das auch daran liegen, dass eine Trennung zwischen Investmentbanking und Firmengeschäft oft als künstlich angesehen wird. Unternehmen brauchen neben Krediten auch Investmentbankingleistungen, mit denen Banken ihnen Währungs- und Zinsrisiken abnehmen. Der Investmentbanker und neue Co-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Anshu Jain, hat daher im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt: „Das Modell einer global aufgestellten Investmentbank ist für die Kunden und uns das beste Geschäftsmodell.“

          In Amerika ist, anders als in Großbritannien, nicht die Einführung eines Trennbankensystems geplant. Vielmehr soll bis September die Volcker-Rule feststehen, die Banken mit Einlagengeschäft zwingen soll, den Eigenhandel abzuspalten. Die Formulierung dieser Regel hat sich verzögert, weil auch hier die Abgrenzung zwischen Eigenhandel und sonstigem kundenbezogenen Investmentbanking schwierig ist.

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