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Bankenkrise : „Wenn es bei uns schiefgeht - dann richtig“

  • -Aktualisiert am

Gegenseitiger Trost vor der Lehman-Zentrale in London Bild: REUTERS

Im Bankenviertel der Londoner City herrscht Trostlosigkeit. Es gibt Massenentlassungen und Tränen. Doch auf die Besten der Branche warten schon jetzt die Head-Hunter.

          Am Montag morgen wirkte das Londoner Bankenzentrum in Canary Wharf gespenstisch: Tausende von Bankmitarbeitern drängten sich in scheinbarer Routine in die gläsernen Bürotürme der Investmentbanken. Selbst die 4500 Mitarbeiter von Lehman Brothers traten zur Arbeit in dem europäischen Hauptquartier in Canary Wharf an.

          Aber nicht nur das elektronische Band einbrechender Aktienkurse, das von Reuters über den Canada Square flimmert, zeigte die Dramatik an, die sich hinter den Kulissen der Glasfassaden abspielte. Alle Mitarbeiter in der City wussten, was ihren Kollegen im Büroturm von Lehman Brothers blühte: Durchsagen per Lautsprecher, betroffene Ansagen und dann die Massenentlassung und Tränen.

          „Wir nutzen die Schwäche des amerikanischen Marktes“

          „Wir haben seit Monaten damit gerechnet“, sagt Alice, deren Ehemann bei Lehman Brothers arbeitete und der die Nachricht vom bevorstehenden Kollaps von Lehman Brothers erhielt, als er am Sonntagnachmittag mit seiner Tochter Geburtstag feierte. „Aber wenigsten ist jetzt die Unsicherheit vorbei, und wir wissen, woran wir sind.“

          Fallende Hauspreise, fallende Kurse - die Welt der Londoner Banker ist nicht mehr so schillernd

          Vom Büroturm von Barclays können die Mitarbeiter direkt in die Fenster von Lehman Brothers sehen, die die Chefs von Barclays noch am Freitag hatten übernehmen wollten. „Wir nutzen die Schwäche des amerikanischen Marktes und weiten unser Geschäft an der Wall Street jetzt kräftig aus“, hatten Bob Diamond und Jerry del Missier, die Chefs von Barclays Capital, noch vor kurzem verkündet und eine Übernahme nicht ausgeschlossen. Sie waren daher sofort darauf eingegangen, als Barclays am vergangenen Donnerstag von dem amerikanischen Finanzministerium kontaktiert worden war, um eine Rettung für Lehman Brothers zu sichern.

          Die Head-Hunter sind instruiert

          Barclays hätte die Übernahme von seinen Aktionären im Rahmen einer Hauptversammlung absegnen lassen müssen, bis zu der sich die Manager von Barclays vom amerikanischen Finanzministerium eine Rückendeckung für das Geschäft von Lehman Brothers erbaten. Aber Hank Paulson, der amerikanische Finanzminister, lehnte ab. Es bedeutete das Ende für das Haus an der Wall Street.

          „Wir haben eine Liste der guten Mitarbeiter bei Lehman Brothers vorliegen, die wir anheuern wollen. Die Telefone rasseln bereits, die Head-Hunter sind schon instruiert. Die besten Banker werden sofort neue Arbeitsplätze angeboten bekommen“, hieß es von einem Manager einer der großen Banken in London, der nicht genannt werden wollte. „Es ist grausam im Investmentbanking: wir fleddern die Leiche, wir stürzen uns alle wie die Geier auf Lehman Brothers.“ Nicht allen Banken geht es schlecht. Es sind vor allem die Universalbanken, die sich nicht nur auf das Investmentbanking konzentrieren – sie können jetzt ihre Kapitalstärke ausspielen. Auch dies zeigt sich in Canary Wharf, wo die amerikanische Bank JP Morgan Chase jetzt erwägt, eines der größten Bürohäuser des Finanzzentrums zu bauen.

          Mitarbeiter von Merrill Lynch sorgen sich um Zukunft

          Noch arbeiten die Mitarbeiter von JP Morgan in einem Bürohaus in der Nähe der Guild Hall in den engen Gassen der alten Londoner Bankenmeile. Gleich um die Ecke steht das Bürohaus von Dresdner Kleinwort, wo ebenfalls gut 1000 Mitarbeiter um ihren Job bangen.

          Nicht weit entfernt raufen sich etwa 4000 Mitarbeiter von Merrill Lynch darüber die Haare, welche Zukunft ihnen nach der Übernahme durch die Bank of America bevorsteht. Merrill Lynch verfügt in seinem Bürogebäude über zwei der größten Handelssäle in Europa. Die Mitarbeiter sind in all ihrem Schock erleichtert darüber, dass die Geschäftsüberschneidungen mit der Bank of America nicht so dramatisch sind, dass sich beide Banken ergänzen, auch wenn die Bank of America in den vergangenen Jahren etwas aufgeholt hat.

          Die Reihen der Wettbewerber in der Banken-Branche lichten sich

          „Wir hoffen, dass die schlagartige Übernahme von Merrill Lynch durch die Bank of America und das Ende von Lehman Brothers nach einiger Zeit die massiven Verkäufe von Risikopositionen der beiden Banken am Markt stoppt“, heißt es bei einem der großen Marktteilnehmer. „Das würde den Preisverfall für Kreditprodukte beenden und uns vor weiteren, hohen Buchverlusten bewahren – mit all den negativen Effekten auf das Eigenkapital.“ Einige Marktteilnehmer wie Barclays und Deutsche Bank mögen hinter den Kulissen gar eine Chance darin sehen, dass sich die Reihen der Wettbewerber lichten.

          Aber der Katzenjammer der Banker in London ist laut zu hören. Die Erträge im Investmentbanking sind nachhaltig eingebrochen. Vielen Investmentbankern der City wird in diesen Wochen der Boden unter den Füßen entzogen. Nicht nur werden die Bonuszahlungen zusammengestrichen, viele müssen gar mit Arbeitslosigkeit fertig werden. Zahlreiche Mitarbeiter im Bankwesen sind seit Jahren zum erheblichen Teil mit Bankaktien ihrer Arbeitgeber bezahlt worden, deren Wert sich – wenn sie Glück hatten – wie bei der Deutschen Bank nur halbiert hat. Wenn sie Pech hatten, ist das Vermögen – wie im Falle von Lehman Brothers – futsch. Ein zusätzlicher Blick auf die fallenden Hauspreise in London zeigt, wie die schillernde Welt des Londoner Banking zurzeit für Viele in Tränen endet. „Aber dafür wurden sie so hoch bezahlt“, meinte ein Bankmanager am Montag. „Wenn es bei uns nämlich schief geht – dann richtig.“

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