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Bankenkrise : Siechtum mit System

  • -Aktualisiert am

Aber es gibt noch ein Viertes: Wir leben in einer Welt, in der offensichtlich unser Schicksal darin besteht, dass ebendieses von uns selbst hergestellt wird. Dessen müssen wir uns bewusst sein, wenn wir uns nicht dem kollektiven Scheitern preisgeben wollen, und daraus leitet sich jener Sinn von Verantwortung ab, die diesen Namen auch verdient. Wer sich als „systemrelevant“ ausgibt oder es widerspruchslos hinnimmt, solchermaßen etikettiert zu werden, der muss seine Relevanz als verantwortungsvolles Unternehmen, wenn nicht gar als gesamte Branche beweisen, indem er sich zu Selbstbegrenzung und Selbststeuerung befähigt erweist. Und es muss so sein, dass in der Regulierung (ohne die es nicht geht) mehr Flexibilität an den Tag gelegt wird. Es ist weder sinnvoll noch akzeptierbar, eine gut geführte Privatbank, die sich in seriöser Weise um die Vermögensverwaltung redlicher Kunden verdient gemacht hat, oder eine Sparkasse oder Genossenschaftsbank, der die kleinen Sparguthaben anvertraut sind und die über die Jahrzehnte hin solide gewirtschaftet hat, über einen Kamm zu scheren und jenen Instituten gleichzustellen, die immer noch für neue Skandale sorgen. Und es ist nicht hinnehmbar, dass die von seriösen Banken mit den von ihnen verwalteten Vermögen und Einlagen für das mithaften, was die mittlerweile serienweise identifizierbaren schwarzen Schafe der Branche mit den von ihnen erzeugten Spekulationsblasen angerichtet haben.

Diese vier Maßnahmen - Remedur der Bankenorganisation, Rating betriebsnah und ideologiefrei, Rechnungswesen mit Transparenz und Redefinition des Geschäftsverständnisses - bedeuten einen Anfang zur Behebung von Missständen in einer Branche, die auf ihrer Schwundstufe angekommen ist. Aber es bleibt ein fünfter Punkt, und der resultiert aus der Summe der Erfahrungen in der Bankwirtschaft: Es ist höchste Zeit, einen Kulturwandel herbeizuführen.

Das freilich wird nicht von heute auf morgen zu leisten sein, sondern ist eine Generationenaufgabe, die sich zugunsten derjenigen stellt, die künftig in Banken Verantwortung tragen. Der Sozialcharakter, der den Banken nottut, ist nicht der Finanzheroe, der sich durch Rücksichtslosigkeit, Egoismus und Draufgängertum auszeichnet; erst recht nicht der Wiedergänger des Barockmenschen, der sich jede Tat und jede Geste vergolden lässt. Der Sozialcharakter der Zukunft wird vielmehr von Frauen und Männern repräsentiert, die in einem emphatischen Sinne Personen sind, ausgestattet mit der Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen, das eigene Tun und Meinen zu reflektieren, Selbstkorrekturen zuzulassen, Fremdes zu akzeptieren, Frauen und Männer, für die das altmodische Gemeinwohl kein Fremdwort ist. Die Charakterfrage ist eine Sache von Bildung, einer Bildung, die gegen Irrealitäten immunisiert, die ein Mehr schafft an Erfahrungsbindung, Klugheit, Maß und Empathie. Einer Bildung, für die allerdings auch alle in einer Gesellschaft zuständig sind, nicht nur die Vertreter einer bestimmten Branche. Jede Gesellschaft bekommt die Banken und Banker, die sie verdient.

Früher hieß es: Eine Bank lebt von den schlechten Geschäften, die sie unterlässt. Heute sterben die Banken am guten Geschäft, das sie scheuen. Alarmismus steht uns fern, aber die Sorge treibt uns um, dass uns, wenn nicht endlich die Winkelperspektive aus dem vorgeblich strategischen Denken verbannt wird, ein Erosionsprozess droht, der noch viel schlimmer ist als das, was wir bisher gesehen haben: Dann wird die Zeit nach der Megakrise zu einer Zeit vor der Hyperkrise. Dann folgt der Staatsschuldenkrise und der Kreditkrise eine generelle Vertrauenskrise und ihr wiederum eine Systemkrise, die aber, anders als seinerzeit bei der Auflösung der Blöcke, keine Hoffnungsalternative mehr bietet und deshalb in einer kollektiven Demoralisierung enden muss. Es führt kein Weg zurück zum Bankenmodell der Renaissance, aber es führt auch kein Weg nach vorn, der sich allzu weit von ihm entfernte.

Christian Olearius (l.) und  Bernd Thiemann

Die Autoren

Christian Olearius arbeitet seit 1986 für die Hamburger Privatbank M.M. Warburg. Als Miteigentümer und Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter hat er dieses weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus angesehene Bankhaus bisher sicher und verlustfrei durch die Finanzkrise geführt. Der promovierte Jurist, der seine Karriere einst im Landesbankenlager begann, gehört zu den einflussreichsten Persönlichkeiten Hamburgs. Obwohl Olearius im Mai 70 Jahre alt geworden ist, steht er noch immer auf der Kommandobrücke in der trutzburgartigen Bankzentrale unweit der Binnenalster. Das Datum seines Abschieds halte er vor sich selbst geheim, hat der gebürtige Schlesier vor einiger Zeit augenzwinkernd gesagt. (rit.)

Bernd Thiemann hat das Bankgeschäft von der Pike auf gelernt. Der im Jahre 1943 geborene promovierte Jurist begann seine Karriere im Vorstand der Kreissparkasse Meppen, von der aus er zur Nord LB nach Hannover wechselte. Von 1981 bis 1991 stand er dem Vorstand der Nord LB vor. Dann wechselte er in das genossenschaftliche Lager, wo er die Führung der in Schwierigkeiten geratenen DG Bank übernahm. Im Jahre 2001 musste Thiemann die DG Bank verlassen, fand aber im Aufsichtsrat der Rothschild GmbH eine neue Betätigung. Thiemann ist nicht nur ein erfahrener Banker, sondern auch als Sanierungsexperte geschätzt. Derzeit leitet er den Aufsichtsrat der Hypo Real Estate Holding AG. (gb.)

 

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