https://www.faz.net/-gqe-74v94

Bankenkrise : Siechtum mit System

  • -Aktualisiert am

Wollte man die Geschehnisse der vergangenen Jahre auf den Punkt bringen, dann könnte man mit wenig Übertreibung behaupten, dass die Finanzwirtschaft dabei ist, sich selbst umzubringen. Die Frage ist, und die ist an uns Bankenvertreter selbst zu richten: Wollen wir weiterhin Sterbehilfe leisten? Oder sollten wir nicht alles tun, damit das einst verdienstvolle Bankensystem erhalten bleibt und sich wie in früheren Zeiten um die Wirtschaft, um den Wohlstand, um den gesellschaftlichen Nutzen verdient macht?

Was also ist zu tun? Zuallererst muss ein System installiert werden mit unverrückbaren Demarkationslinien zwischen dem, was der genuinen Rolle des Bankinstituts entspricht, das heißt, die Wirtschaft zu finanzieren, und dem, was den Spekulationsinteressen, eigenen wie fremden, dient. Das kann keine Rückkehr zum alten Trennbanksystem bedeuten, keine Replik des starren Glass-Steagall Act. Es sollte aber sehr wohl eine Neugestaltung sein, die den Geist des Gesetzeswerks nach der Großen Depression atmet. Das heißt, es muss sehr genau unterschieden werden zwischen denen, die das Universalbankenmodell kompromittiert haben, und den soliden Privatbankhäusern sowie den regional verankerten Instituten, die seine Stärken repräsentieren. Es ist weder Sache der Banken, spekulative Handelsgeschäfte zu kreditieren, noch Sache der Banken, Strukturpolitik zu betreiben und durch aggressives M & A-Geschäft in die Unternehmenslandschaft hineinzuregieren.

Zweiter Punkt: Die Ratings müssen aus Bankrecht und Anlagevorschriften verbannt werden. Denn Ratings führen längst ein Eigenleben, allen Entmystifizierungsversuchen und aller Methodenkritik zum Trotz. Ratingagenturen sind Autoritäten, denen man sich in Zeiten der Unsicherheiten immer wieder ausliefert, um Bedenken zu suspendieren oder Vertrauen ohne Sachkenntnis aufzubauen. Nichts gegen Ratings, nichts gegen Risikoklassen, nichts gegen Entscheidungshilfen zur Taxierung einer Bonität. Aber alles gegen eine bedingungslose Ratinglogik, die in großen Dimensionen versagt hat und nun dazu angetan ist, Kreditwürdigkeiten abzuwürgen und große Teile der Wirtschaft auszugrenzen. Denn nach dieser Rating-Logik hätte beispielsweise ein Existenzgründer keinerlei Chance, an Investitionsmittel zu kommen.

Es ist nicht Sache der Banken, spekulative Handelsgeschäfte oder Strukturpolitik zu treiben.

Wenn Vorsicht geboten ist - und damit ist der dritte Punkt angesprochen -, dann hat sie einem Prinzip zu gelten, das einmal als Vorsichtsprinzip in hoher Anerkennung stand: Es ist trauriges Faktum, dass die heute üblichen Rechnungslegungsvorschriften beziehungsweise der kreative Umgang mit ihnen nahezu unbegrenzte Bewertungsfreiheiten eröffnen, so dass die amtierenden Vorstände Verluste in Gewinne hochjazzen und Unbedenklichkeitsbescheinigungen für Risiken in beliebiger Höhe ausstellen können. Ergo: Vernünftige Rechnungslegungsstandards müssen wieder her, die eine zuverlässige Aussagefähigkeit der Abschlüsse erlauben und das Expertenurteil nicht zugunsten willkürlicher „Hoch“-Rechnungen ersetzen.

Weitere Themen

Gedenken, Gutleutstraße, Gesundheit

F.A.Z.-Hauptwache : Gedenken, Gutleutstraße, Gesundheit

In Frankfurt wird um die Opfer des Anschlags in Halle getrauert, das Ferienende macht Autofahrern zu schaffen und die Frankfurter Buchmesse beginnt. Das und was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, lesen Sie in der F.A.Z.-Hauptwache.

Topmeldungen

Parlamentswahl in Polen : National und sozial

Polens Regierungspartei hat in den vergangenen vier Jahren wenig Respekt für demokratische Gepflogenheiten und den Rechtsstaat gezeigt. Die Opposition konnte dem nun wenig entgegensetzen – für die Demokratie ist das eine schlechte Nachricht.

Nobelpreis für Wirtschaft : Wie kann Armut gelindert werden?

Esther Duflo aus Frankreich ist die zweite Frau in der Riege der Wirtschaftsnobelpreisträger. Wie Abhijit Banerjee aus Indien und der Amerikaner Michael Kremer forscht sie daran, wie die globale Armut gelindert werden kann – und soll.
Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.