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Bankenkrise : Siechtum mit System

  • -Aktualisiert am

Was zählt, ist nur noch das, was sich verziffern lässt

Lord Dahrendorf hat kurz vor seinem Tod in einem Gespräch mit dieser Zeitung die heutige Berufswelt der Banker und Broker in der City mit jener verglichen, die ihm aus seinen frühen Londoner Jahren vertraut war. Er hat die nicht verarbeitete und wahrscheinlich nicht verarbeitbare Evolution des Bankmenschen zu einer „neuen Art von Wirtschaftssubjekt“ als den Kern des Übels ausgemacht. Tatsächlich war nicht nur über die Jahre eine gewisse mit Lebensraffinesse ausgestattete Gemächlichkeit der heute bekannten 24-Stunden-7-Tage-Verfügbarkeit gewichen, auch alle Geschäftsvorgänge sind -- die mehrfache Überzeichnung sei gestattet - in ein number crunching transformiert worden. Was zählt, ist das, was sich verziffern lässt, ob als Rating, Index-Entwicklung, Scoring oder Ausfallwahrscheinlichkeit.

Das hat Folgen für die personalen wie für die Geschäftsbeziehungen. Wenn der Kunde nicht mehr als Kunde wahrgenommen wird, vielmehr nur noch als Faktor des Ergebnisbeitrages, verkommt er zu einer beliebig manövrierbaren oder gestaltbaren Masse. Der einstige Geschäftspartner verdampft in der Abstraktion des kundenbezogenen Deckungsbeitrags. Mit weitreichenden Konsequenzen: Einmal geht verloren, was Voraussetzung von Urteil und Haltung ist. Aber noch folgenschwerer: Das Ich und das Du, Basis einer jeden Gesellschaftsfähigkeit, verkommt zum Mein ohne Gegenüber, zur banalsten, trivialsten Eigentumsbeziehung, das heißt zu jenem Kalkül, was das Ganze mir und nur noch mir einbringt.

Von da ist es auch nicht verwunderlich, wenn die an sich vernünftige anreizkompatible Steuerung eines Unternehmens sich in eine monströse Bereicherungsmaschine ausgewachsen hat. Man muss sich vor Augen führen, dass „Spitzenbanker“ bis zum Jahr 2000 mit einem niedrigen einstelligen Millionenbetrag Jahresgehalt (wohlgemerkt in D-Mark) meinten auskommen zu können. Seither haben sich die fixen und variablen Vergütungen geradezu explosionsartig ausgeweitet, nicht selten um den Faktor zehn und umgekehrt proportional zur Wertentwicklung des Unternehmens. Wobei, was das Ganze noch schlimmer macht, viele Einkommensbestandteile wie etwa exorbitante Versorgungsbezüge gar nicht erst im Skandalon der Gehalts- und Boniexzesse sichtbar wurden. Weit schlimmer: Dort, wo der Maßstab realistischer Gewinnerwartungen schlechterdings tabuisiert worden ist und das krasse Gegenteil - nämlich ökonomisches Wunschdenken - zum wichtigsten mentalen Ausstattungsmerkmal der Finanzakteure geworden ist (nichts anderes steckt hinter dem Fair-value-Prinzip in der Rechnungslegung), bleibt nicht aus, dass jeder Hoffnungswert, so imaginär er auch sein mag, bonifiziert wird oder den Anspruch auf Bonifikation ohne entsprechenden Leistungsnachweis auslöst.

Auszuzahlen, was noch nicht in der Kasse ist - darin waren die Bankmanager, die sich selbst an der Spitze der Evolution wähnten, den öffentlich beglaubigten Schuldenmachern in den sogenannten südeuropäischen Schuldenländern voraus. Das Leben auf Pump und das mit Pomp - es wurde von denen vorgelebt, die sich als Systemführer der Rationalität ausgaben, und es wurde von einer Rechnungslegung gefördert, die zum Nonplusultra der Aussagefähigkeit über die wirtschaftliche Situation eines Unternehmens oder einer Branche laudiert worden war.

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