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Bankenkrise : Siechtum mit System

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Man zieht es vor, auf trügerischer Basis weiterzumachen, statt die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Man hätte das spätestens seit der Bankenkrise wissen können, nein, wissen müssen. Aber man zieht es vor, auf trügerischer Basis weiterzumachen, statt das, was auf der Hand liegt, aber mehr als unangenehm ist, zur Kenntnis zu nehmen und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Der Beweis? Er ist mit einer einfachen Überlegung zu führen: Wie viel Eigenkapital wäre notwendig gewesen, um das Bankhaus Lehman Brothers vor dem Kollaps zu bewahren? Das Doppelte, das Dreifache oder ein Vielfaches des tatsächlich damals vorhandenen? Die Größenansätze, die als „ausreichend“ in einem der vielen Stresstests unterstellt werden, entbehren jeglichen Wirklichkeitsverständnisses.

Womit wir es heute zu tun haben, resultiert aus der zwanghaften Kombination zweier sich gegenseitig ausschließender Beweggründe: des Willens zur Spekulation und des Willens zur Absicherung. Beide passen vielleicht zum Zeitgeist der vergangenen zwanzig Jahre, sie passen aber nicht zueinander. Dennoch bewirken beide in dieser Kombination ein Verhalten, das durch kurzfristig rhythmisierte, nervöse Marktschwankungen geprägt ist. Wer aber als Marktteilnehmer nur noch in Lebenszyklen einer Eintagsfliege denkt, wer nur noch in der Lage ist, das, was ihm vor einer Stunde passiert ist, auf den nächsten Zeitintervall hochzurechnen, wessen strategisches Verständnis nicht über ein Stop-loss-Agieren hinausgeht, der benötigt für alles, was das rein Situative übersteigt, Wahrscheinlichkeitsrechnungen, Folgenabschätzungen, operationalisierbare Risikoforschung, Krisenstochastik oder Absicherungsinstrumentarien. Für den haben Erfahrungen, ob Lebens- oder Berufserfahrungen, nur noch den Rang des Anekdotischen, für den reduziert sich Handlungskompetenz auf elastisches Verhalten im Reiz-Reaktions-Zyklus.

Man muss allerdings das, was sich in den vergangen beiden Dekaden ereignet hat und uns mit seinen Nachwirkungen lähmt, als Ganzes sehen: als Mentalitätswandel und als Folge einer Eigendynamik des technisch-instrumentellen Denkens.

Dort, wo Verantwortlichkeiten außer Kraft gesetzt sind oder sich nicht mehr personaliter identifizieren lassen, geht die Fähigkeit zur Selbstdistanz verloren, und jede Gesellschaft, die den Distanzverlust zum Prinzip erhebt, steuert auf eine kollektive Persönlichkeitsstörung zu. Schon jetzt bemisst sich unser Denken und Handeln nur noch nach Transaktionen, und die Ich-Identität wird der Flexibilität zum Opfer gebracht. Dies ist keineswegs die alte kulturkritische Klage von der Selbstabdankung des Menschen als eines sinnlichen, kulturbedürftigen oder mitteilungsfähigen Wesens. Aber es ist Tatsache, dass in der Wirtschaft, namentlich der Bankwirtschaft, durch die (selbst)anbefohlene Ertüchtigung - Neudeutsch „empowerment“ - vieles verkümmert ist, was früher einmal lebensweltliche Bedeutung hatte.

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