https://www.faz.net/-gqe-6vjz1

Banken in der Krise : Lehman-Tage in Europa

Lehman reloaded: Die Probleme in Europa sind nicht so drängend wie die der Investmentbank vor drei Jahren Bild: dpa

Es ist wie im September 2008, als Lehman Brothers pleiteging: Die Banken misstrauen einander und leihen sich kein Geld mehr. Es bleiben nur Kredite von der Notenbank. Die Angst regiert.

          „Die Griechen sind euere Lehman Brothers“: Es war eine dunkle Prophezeiung, die der Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen da im Interview mit der F.A.S. abgab, im Mai 2010, als Griechenland gerade zum ersten Mal Hilfe bekam. Damals ahnte kaum einer, wie weit sich eine Euro-Krise noch zuspitzen würde. Doch jetzt sieht es tatsächlich so düster aus.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Notenbanken rund um die Welt hatten am Mittwoch gemeinsam die Banken gestützt, um einen Zusammenbruch des Finanzsystems gerade noch mal zu verhindern. Das erinnert fatal an die Monate vor der Lehman-Pleite im September 2008. Und Prophezeiungen wie die von Barry Eichengreen sind nicht schuldlos an der Dramatik. Inzwischen ist die Lage tatsächlich schlimm: Die Banken misstrauen einander. Sie leihen einander kaum noch Geld, weil sie Angst um die Rückzahlung haben. Vor allem die Banken in den Schuldenstaaten sind pleitegefährdet. Das haben auch die privaten Kunden kapiert. Sie ziehen nach und nach ihr Geld ab und vergrößern so die Finanznot der Institute noch.

          Damit sich die Banken überhaupt noch finanzieren können, bleiben ihnen nur Kredite von der Notenbank. Heute schon gibt es mehr dieser Kredite als in der Zeit unmittelbar vor der Lehman-Pleite. Die Banken untereinander leihen sich nur noch Geld gegen horrende Risikozinsen - der Angstindex (siehe untenstehende Grafik) steht so hoch wie zuletzt nach Lehman.

          In Amerika grassiert die Panik

          Finanzexperten rund um die Welt schlagen Alarm. Ihre Sätze klingen sogar noch dramatischer als bisher. „Die Finanzmärkte sind in der Gefahrenzone. Die nächsten sieben Tage sind entscheidend“, rief am Dienstag Bill Gross, ein bedeutender Fondsmanager und Kreditgeber. Nach der Liquiditätsaktion der Notenbanken stimmten die Deutschen mit ein. „Das Vertrauen, dass Europa den richtigen Weg findet und die Führung hat, die es benötigt, um dieses Ziel zu erreichen, ist relativ gering“, sagte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann am Freitag.

          Dabei wären die Probleme in Europa - bei aller Schwere - eigentlich noch gar nicht so drängend wie die der Investmentbank Lehman Brothers vor drei Jahren. Italien muss zwar für seine neuen Kredite inzwischen mehr als sieben Prozent Zinsen zahlen, auch Frankreichs Kredite werden teurer, und das erinnert die Gläubiger Europas daran, dass der Euro-Rettungsfonds nicht für ganz Europa reicht. Doch wenn sie die hohen Zinsen bezahlen, bekommen die Länder noch Kredit. Selbst Amerikaner wie der ehemalige Reagan-Berater Martin Feldstein rechnen vor, dass Italien sich noch ohne größere Probleme selbst aus seiner Krise befreien könnte. Dazu muss die neue Regierung von Mario Monti nicht so viel sparen, dass es unerträglich fürs Volk wäre.

          In Amerika grassiert trotzdem Panik. Und die verschärft jetzt das Problem Europas. So, wie die Deutschen Angst vor der Inflation haben, so sorgen sich die Amerikaner ständig davor, dass sich eine Krise wie 1929 wiederholt - mit „Bank Runs“, bei der jederals Erster sein Geld in Sicherheit bringen will und alle zusammen die Banken in die Pleite treiben. Das spiegelt sich bis heute in der amerikanischen Bankenaufsicht: Große Teile davon übernimmt der Einlagensicherungsfonds - eine Einrichtung, die in Deutschland überhaupt kein Eigenleben führt. Wenn also der amerikanische Wirtschaftshistoriker und Weltwirtschaftskrisen-Experte Barry Eichengreen vor einem neuen Lehman Brothers warnt, entspringt das genau dieser Angst.

          Weitere Themen

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          Finanzminister Olaf Scholz hat sich gegen das von Wirtschaftsminister Peter Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Abschaffung des Solis ausgesprochen.

          Finanzminister : Scholz gegen komplette Soli-Abschaffung

          Finanzminister Olaf Scholz kritisiert das von Wirtschaftsminister Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Soli-Abschaffung als „Steuersenkung für Millionäre“. Der SPD-Politiker möchte vorerst nur 90 Prozent der Steuerzahler entlasten.
          Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, warnt die Parteien davor, eine Koalition mit der AfD einzugehen.

          Zentralrat der Juden : „AfD schürt Klima auch gegen Juden“

          Zentralratspräsident Josef Schuster warnt: Die AfD sei enger mit dem Rechtsextremismus verwoben, als sie es nach außen darstellt. Im Vorfeld der Wahlen in Sachsen und Brandenburg hält Schuster einen dringlichen Appell an alle Parteien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.