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Banken : Der Ruf nach dem Staat wird laut

  • -Aktualisiert am

Bankendämmerung Bild: AP

Die deutsche Finanzwirtschaft ruft nach dem Staat. Die Bundesregierung soll ihr helfen, die enormen Kreditrisiken zu bewältigen, und für Darlehen haften, deren Rückzahlung ungewiß ist.

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          Es war ein Treffen auf der höchsten Sicherheitsstufe. Am Sonntag abend um halb acht kam in Berlin die wohl mächtigste Runde dieser Republik zum Abendessen neben dem Invalidenfriedhof im Wirtschaftsministerium zusammen. Von der Regierung kamen Kanzler Gerhard Schröder, Finanzminister Hans Eichel und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement.

          Sie trafen die Creme der deutschen Finanzwirtschaft: die Bosse von Allianz und Deutscher Bank, von Münchener Rück, Hypo-Vereinsbank und Dresdner Bank, von West-LB, DZ-Bank und KfW. Auch Berater Roland Berger nahm teil. Er hatte das Treffen auf Bitten des Kanzlers vorbereitet und organisiert.

          Die Verbände fehlten - und die Commerzbank

          Nur die Verbände fehlten - weder Sparkassenpräsident Dietrich Hoppenstedt noch Bankenpräsident Rolf-Ernst Breuer wurden geladen. "Ich will aus der Verbandslogik raus und mit den Leuten reden, die das Geschäft machen", hat Schröder Beteiligten zufolge gesagt. Auch Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller war nicht dabei.Im Mittelpunkt stand schnell der Tagesordnungspunkt "Tatsächliche Lage von Banken und Versicherungen", wobei die Betonung auf dem Wort "tatsächlich" lag. Es sollte Tacheles geredet werden.

          Seit Monaten mühen sich die Vorstände der Finanzwirtschaft, die Lage der Branche schönzureden. "Bankkrise" gilt gar als Unwort. Dabei ist die Lage ernst: Vor allem im Kreditportefeuille sieht es düster aus. Im Jahr 2001 ist die Risikovorsorge für möglicherweise notleidend werdende Kreditengagements in die Höhe geschnellt (siehe Grafik). Im abgelaufenen Geschäftsjahr hat sich für viele die Lage weiter verschärft. Die Hypo-Vereinsbank mußte die Risikovorsorge fast verdoppeln, auf 3,8 Milliarden Euro. Bei der Deutschen Bank stieg der Betrag von rund 1 Milliarde auf 2,1 Milliarden Euro.

          Schuld sind große Schieflagen wie bei der Kirch-Gruppe in Deutschland oder bei Enron und Worldcom in den Vereinigten Staaten. Aber auch die Bankvorstände haben jede Menge Fehler gemacht: "Jahrelang herrschte bei den Großbanken ein Bilanzsummen-Denken", sagt ein Unternehmensberater. "Nur um Geschäft zu machen, haben sie Kredite zu viel zu niedrigen Margen vergeben." Erlöse im Wertpapierhandel während der Jahre der Hausse haben Verluste im Kreditgeschäft verdeckt. Nun sind die Reserven aufgezehrt. Einige Banken können große Kreditausfälle kaum noch verkraften.

          "Nicht selbst mit dem Virus infizieren"

          Deshalb reiste Josef Ackermann, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, mit einem gewagten Vorschlag nach Berlin: Die Finanzwirtschaft solle eine Auffanggesellschaft gründen, in die sie faule Kredite ausgliedern solle. Eine bestechende Idee, aus Sicht der Banken. Denn die Banken binden zuviel Eigenkapital mit Darlehen, die zu unsicher sind, als daß sie am Kapitalmarkt plaziert oder anderweitig verwertet werden könnten. Müssen die Kredite jedoch abgeschrieben werden, haben viele Banken ein Ertragsproblem.

          In dieser "bad bank", wie Banker solche Auffanggesellschaften nennen, sollten zunächst Dresdner Bank, Commerzbank und Hypo-Vereinsbank ihre Risiken im Geschäft mit dem Mittelstand bündeln. Da kommen leicht 7 Milliarden Euro zusammen. Damit die Banken jedoch entlastet werden, so Ackermanns Vorschlag, solle der Staat für das Risiko möglicher Zahlungsausfälle haften. Die Deutsche Bank selbst will sich nicht an der Konstruktion beteiligen. Der Konzern sei stark genug, meint Ackermann großzügig, um sich aus eigener Kraft zu helfen. "Wir wollen uns mit diesem Virus nicht infizieren", zitieren Beteiligte den Deutsche-Bank-Chef.

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