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Banken : Bei Umschuldung hoher Kapitalbedarf der Kreditinstitute

Deutsche Banken sind mit am stärksten betroffen Bild: Claus Setzer

Falls Europas Schuldenstaaten ihre Verbindlichkeiten nicht ganz zurückzahlen, droht europäischen Banken allein deshalb eine Eigenkapitallücke von 40 Milliarden Euro, schätzt JP Morgan.

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          Die Debatte über den Kapitalbedarf europäischer Banken im Falle einer Umschuldung hochverschuldeter Euroländer gewinnt an Fahrt. Kommissionspräsident der Europäischen Union (EU), José Manuel Barroso, verwirrte mit unklaren Forderungen zu einem koordinierten Vorgehen der EU bei der dann erforderlichen Bankenstützung. Die Kommission werde ein abgestimmtes Vorgehen vorschlagen, um Banken zu rekapitalisieren und von faulen Wertpapieren zu befreien, sagte Barroso am Donnerstag in einem Interview für „Youtube“.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters äußerte sich EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn am Freitag zuversichtlich, dass die Staats- und Regierungschefs am 17. Oktober eine Entscheidung über die Art der Bankenrekapitalisierung treffen werden. Wie Reuters erfuhr, stemmt sich die deutsche Regierung allerdings gegen eine Verwendung der Mittel des Euro-Rettungsschirms EFSF zur Rekapitalisierung französischer Banken. Eine mit den Verhandlungen vertraute Person sagte der Nahrichtenagentur am Freitag, die deutsche Seite dringe darauf, dass Geldinstitute zunächst selbst versuchen sollten, sich frisches Kapital am Markt zu besorgen. Gelinge ihnen das nicht, sollten nationale Auffangmechanismen greifen, im Falle Deutschland wäre das ein reaktivierter Bankenrettungsfonds SoFFin. Nur wenn sonst kein Geld zur Verfügung stehe, sollte der EFSF bei der Banken-Rekapitalisierung einspringen. Dafür müssten dann im Gegenzug Auflagen für eine Sanierung des nationalen Finanzsystems vereinbart und umgesetzt werden.

          EU-Kreise: Eine europäische „Bad Bank“ wird es nicht geben

          Ein Sprecher der Kommission hatte zuvor erläutert, es werde einen offiziellen Vorschlag der Kommission zu der Frage der Rekapitalisierung geben. In EU-Kreisen hieß es jedoch, einen europäischen Mechanismus zur Entsorgung fauler Wertpapiere oder eine europäische „Bad Bank“ werde es nicht geben. Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia sagte, in den Banken müssten die Bestände an Staatsanleihen überprüft werden. Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) betonte, dass sie keine neuen Stresstests der Banken einleite und keine Krisensitzungen abhalte. Sie prüfe allerdings die Kapitalausstattung der Banken.

          Bisher haben europäische Banken ihre Staatsanleihen nur im Falle von Griechenland auf den Marktwert abschreiben müssen, und selbst dies haben einige vermieden. Erst eine umfassende Umschuldung mit hohen Wertabschlägen würde einen Kapitalmangel der europäischen Banken offenlegen. Die amerikanische Bank JP Morgan unterstellt in einem Szenario, dass griechische Staatsanleihen um 60 Prozent, portugiesische und irische um 40 und italienische und spanische um 20 Prozent abgeschrieben werden. Dann hätten die 28 größten europäischen Banken ein zusätzliches Kapitaldefizit von 14 Milliarden Euro, heißt es von JP Morgan. Kämen kleinere Banken dazu, gäbe es einen zusätzlichen Kapitalbedarf von 40 Milliarden Euro.

          Noch ist die Kernkapitalquote höher als vor der Lehman-Pleite

          Noch liegt die Kernkapitalquote europäischer Banken im Durchschnitt bei 12,4 Prozent. Das ist deutlich höher als zum Zeitpunkt der Insolvenz von Lehman Brothers im vierten Quartal 2008 mit 8,4 Prozent. Allerdings wird in diesem Verhältnis aus risikogewichteten Aktiva zum Kernkapital das Risiko eines Zahlungsausfalls von Staaten nicht berücksichtigt. Denn Staatsanleihen gehen mit einem Gewicht von null nicht in die risikogewichteten Aktiva ein. Der gerade in Schieflage geratene belgisch-französische Kommunalfinanzierer Dexia weist eine fast durchschnittliche Kernkapitalquote von 11,4 Prozent aus. Doch Anleger misstrauen dieser Zahl und leihen der stark auf kurzfristige Finanzierung über den Kapitalmarkt angewiesenen Dexia kaum noch Geld. Die nun erforderliche staatliche Rettung behebt vorrangig zunächst Liquiditätsschwierigkeiten Dexias.

          Gleichwohl wird von Bankaufsehern nicht bestritten, dass sich eine Eigenkapitallücke im europäischen Bankensystem auftäte, wenn Staatsanleihen abgeschrieben werden müssten. Die europäischen Banken haben zwar seit der Insolvenz von Lehman ihre Eigenkapitalbasis durch einbehaltene Gewinne und Kapitalerhöhungen von 200 Milliarden Euro auf mehr als 600 Milliarden Euro gestärkt. Doch nach den von 2013 an schrittweise geltenden schärferen Regeln „Basel III“ werden etwa Unternehmenskredite höher gewichtet, so dass durch Basel III die risikogewichteten Aktiva steigen und damit die Kernkapitalquoten sinken. Daher kommt JP Morgan allein durch Basel III auf eine Kapitallücke im europäischen Bankensystem von insgesamt 110 Milliarden Euro. Hinzu kommen mit wachsender Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls von europäischen Staatsanleihen Verluste, die dann von Banken gegen das Eigenkapital verrechnet werden müssten. Daher kommt JP Morgan auf eine Kapitallücke von insgesamt 150 Milliarden Euro.

          Kapitalbedarf deutscher Banken ist mit am höchsten

          Mit am höchsten ist der Kapitalbedarf unter den deutschen Banken. Nach einer Untersuchung von Ernst & Young haben die 13 größten deutschen Banken - Deutsche Bank, Commerzbank, Deka, DZ, WGZ und Hypo Real Estate sowie die Landesbanken Bayern LB, Helaba, HSH Nordbank, Landesbank Berlin, LBBW, Nord LB und West LB - ihr Eigenkapital vom zweiten Quartal 2010 bis zum zweiten Quartal 2011 von 136 auf 151 Milliarden Euro erhöht. Und ihre Griechenland-Engagements haben diese 13 deutschen Banken bisher im Schnitt um 26 Prozent auf 5,6 Milliarden Euro verringert. Doch JP Morgan macht in ihrem weiter reichenden Szenario einer Umschuldung von fünf europäischen Staaten und den höheren Eigenkapitalanforderungen nach Basel III allein für die Deutsche Bank einen Kapitalbedarf von 9,7 Milliarden und für die Commerzbank von 5,1 Milliarden Euro aus. Nähme man die Landesbanken noch hinzu, kommen Fachleute unter der Hand auf Schätzungen von mehr als 20 Milliarden Euro Kapitalbedarf für deutsche Banken.

          Französische Regierung wirbt für Zwangs-Rekapitalisierung

          Ähnlich hoch erscheint der Kapitalbedarf in Frankreich. Die Regierung in Paris soll am 11. September die fünf größten Banken versammelt haben und für eine Zwangs-Rekapitalisierung geworben haben. 10 bis 15 Milliarden Euro seien im Gespräch gewesen, hieß es danach in französischen Medien. Doch bislang widersetzten sich die französischen Banken.

          Auf einen Rekapitalisierungsbedarf der griechischen Banken von bis zu 30 Milliarden Euro kommen griechische Hochrechnungen für den Fall, sollte eine Wertberichtigung auf griechische Anleihen von 50 Prozent durchgesetzt werden. Lediglich die beiden Finanzinstitute Eurobank und Alphabank haben bei der Ankündigung ihrer Fusion vor einem Monat bekanntgegeben, dass sich Qatar bei der neuen Bank mit frischem Kapital beteiligen werde. Weitere Kapitalerhöhungen sind zuletzt weder erfolgt noch angekündigt worden. Die sechs größten griechischen Banken halten 41,6 Milliarden Euro aller griechischen Anleihen von 285 Milliarden Euro. Der Wertberichtigungsbedarf bei den Pensionskassen könnte weitere 15 Milliarden Euro erreichen.

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