https://www.faz.net/-gqe-6u5m4

Banken : Bei Umschuldung hoher Kapitalbedarf der Kreditinstitute

Deutsche Banken sind mit am stärksten betroffen Bild: Claus Setzer

Falls Europas Schuldenstaaten ihre Verbindlichkeiten nicht ganz zurückzahlen, droht europäischen Banken allein deshalb eine Eigenkapitallücke von 40 Milliarden Euro, schätzt JP Morgan.

          4 Min.

          Die Debatte über den Kapitalbedarf europäischer Banken im Falle einer Umschuldung hochverschuldeter Euroländer gewinnt an Fahrt. Kommissionspräsident der Europäischen Union (EU), José Manuel Barroso, verwirrte mit unklaren Forderungen zu einem koordinierten Vorgehen der EU bei der dann erforderlichen Bankenstützung. Die Kommission werde ein abgestimmtes Vorgehen vorschlagen, um Banken zu rekapitalisieren und von faulen Wertpapieren zu befreien, sagte Barroso am Donnerstag in einem Interview für „Youtube“.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters äußerte sich EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn am Freitag zuversichtlich, dass die Staats- und Regierungschefs am 17. Oktober eine Entscheidung über die Art der Bankenrekapitalisierung treffen werden. Wie Reuters erfuhr, stemmt sich die deutsche Regierung allerdings gegen eine Verwendung der Mittel des Euro-Rettungsschirms EFSF zur Rekapitalisierung französischer Banken. Eine mit den Verhandlungen vertraute Person sagte der Nahrichtenagentur am Freitag, die deutsche Seite dringe darauf, dass Geldinstitute zunächst selbst versuchen sollten, sich frisches Kapital am Markt zu besorgen. Gelinge ihnen das nicht, sollten nationale Auffangmechanismen greifen, im Falle Deutschland wäre das ein reaktivierter Bankenrettungsfonds SoFFin. Nur wenn sonst kein Geld zur Verfügung stehe, sollte der EFSF bei der Banken-Rekapitalisierung einspringen. Dafür müssten dann im Gegenzug Auflagen für eine Sanierung des nationalen Finanzsystems vereinbart und umgesetzt werden.

          EU-Kreise: Eine europäische „Bad Bank“ wird es nicht geben

          Ein Sprecher der Kommission hatte zuvor erläutert, es werde einen offiziellen Vorschlag der Kommission zu der Frage der Rekapitalisierung geben. In EU-Kreisen hieß es jedoch, einen europäischen Mechanismus zur Entsorgung fauler Wertpapiere oder eine europäische „Bad Bank“ werde es nicht geben. Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia sagte, in den Banken müssten die Bestände an Staatsanleihen überprüft werden. Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) betonte, dass sie keine neuen Stresstests der Banken einleite und keine Krisensitzungen abhalte. Sie prüfe allerdings die Kapitalausstattung der Banken.

          Bisher haben europäische Banken ihre Staatsanleihen nur im Falle von Griechenland auf den Marktwert abschreiben müssen, und selbst dies haben einige vermieden. Erst eine umfassende Umschuldung mit hohen Wertabschlägen würde einen Kapitalmangel der europäischen Banken offenlegen. Die amerikanische Bank JP Morgan unterstellt in einem Szenario, dass griechische Staatsanleihen um 60 Prozent, portugiesische und irische um 40 und italienische und spanische um 20 Prozent abgeschrieben werden. Dann hätten die 28 größten europäischen Banken ein zusätzliches Kapitaldefizit von 14 Milliarden Euro, heißt es von JP Morgan. Kämen kleinere Banken dazu, gäbe es einen zusätzlichen Kapitalbedarf von 40 Milliarden Euro.

          Noch ist die Kernkapitalquote höher als vor der Lehman-Pleite

          Noch liegt die Kernkapitalquote europäischer Banken im Durchschnitt bei 12,4 Prozent. Das ist deutlich höher als zum Zeitpunkt der Insolvenz von Lehman Brothers im vierten Quartal 2008 mit 8,4 Prozent. Allerdings wird in diesem Verhältnis aus risikogewichteten Aktiva zum Kernkapital das Risiko eines Zahlungsausfalls von Staaten nicht berücksichtigt. Denn Staatsanleihen gehen mit einem Gewicht von null nicht in die risikogewichteten Aktiva ein. Der gerade in Schieflage geratene belgisch-französische Kommunalfinanzierer Dexia weist eine fast durchschnittliche Kernkapitalquote von 11,4 Prozent aus. Doch Anleger misstrauen dieser Zahl und leihen der stark auf kurzfristige Finanzierung über den Kapitalmarkt angewiesenen Dexia kaum noch Geld. Die nun erforderliche staatliche Rettung behebt vorrangig zunächst Liquiditätsschwierigkeiten Dexias.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die israelische Siedlung Migron in der Westbank

          Israel und Palästina : Die Besetzung bleibt rechtswidrig

          Zumindest für den UN-Sicherheitsrat ist die Sache klar: Der Bau israelischer Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten bleibt völkerrechtswidrig – und Israel ist aufgefordert, alle Siedlungsaktivitäten einzustellen.

          Johnson gegen Corbyn : Kaum Fehler, aber auch keine Vorstöße

          Vor der Wahl in Großbritannien sind Premierminister Johnson und sein Herausforderer Jeremy Corbyn im britischen Fernsehen aufeinandergetroffen. Doch den hohen Erwartungen der Vortage konnte das TV-Duell nicht standhalten.
          Mann des Abends: Serge Gnabry

          6:1 gegen Nordirland : Deutsches Schaulaufen zum Gruppensieg

          Zum Abschluss bereitet die EM-Qualifikation doch noch unbeschwerte Freude: Gegen Nordirland gibt es einen 6:1-Sieg. Gnabry trifft dreimal, Goretzka zweimal. Zur Belohnung gibt es im Sommer drei EM-Heimspiele.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.