https://www.faz.net/-gqe-88hep

BAMF und Arbeitsagentur : Der Arbeitsmarkt rüstet sich für die Flüchtlingswelle

Bald im Hochbetrieb: Wenn die ankommenden Flüchtlinge 2016 in die Arbeitsagenturen strömen, sollen tausende neue Mitarbeiter den Andrang managen. Bild: dpa

Die Vorbereitungen auf den Flüchtlingsansturm laufen in Arbeitsagenturen und BAMF auf Hochtouren: Tausende Neueinstellungen sind geplant. Die Hoffnung auf eine rasche Jobvermittlung der Flüchtlinge ist jedoch gering.

          Noch steht der deutsche Arbeitsmarkt blendend da. Im September sank die Arbeitslosigkeit – wie nach den Sommerferien üblich – um 88.000 auf 2,708 Millionen Menschen. Passend zum Jubiläum der deutschen Einheit ist das der niedrigste Wert seit einem knappen Vierteljahrhundert. Auch die Unterbeschäftigung, in der zusätzlich die Teilnehmer an Weiterbildungen erfasst sind, sank auf rund 3,5 Millionen, wie aus den neuesten Daten der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Doch hinter den Kulissen laufen die Vorbereitungen schon auf Hochtouren für den Ansturm der Flüchtlinge, der 2016 in den Agenturen und Jobcentern droht. „Wir trainieren für das, was auf uns zukommt“, sagte Frank-Jürgen Weise, der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, während der Vorstellung der Monatsbilanz am Mittwoch in Nürnberg. In Zahlen schlägt sich die Entwicklung schon leicht nieder. So ergibt sich für den September saisonbereinigt ein kleiner Anstieg um 2000 Personen. Im Gesamtjahr 2015 mindern die Flüchtlinge den Abbau der Arbeitslosigkeit um 40.000 im Jahresdurchschnitt. Und 2016 wird sogar ein Anstieg um 70.000 erwartet. Denn viele der Flüchtlinge in Deutschland tauchen erst kommendes Jahr in der Statistik auf. Als arbeitslos gelten sie frühestens drei Monate nach der Abgabe des Asylantrags.

          Zum ersten Mal trat Weise in Nürnberg auch als Leiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auf. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte ihn Anfang September zunächst zum Leiter eines Arbeitsstabs gemacht, der die Zusammenarbeit beider Behörden koordinierte, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung als Erste berichtete. Seit dem Rücktritt des BAMF-Präsidenten Manfred Schmidt leitet Weise vorübergehend beide Behörden.

          Nahles verteidigt Weises Doppelrolle

          Weise berichtete über Schätzungen, wonach sich derzeit rund 290.000 nicht registrierte Flüchtlinge im Land aufhalten; der Großteil davon wahrscheinlich in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Deshalb brauche das BAMF neben den 1000 schon genehmigten noch 2000 weitere Mitarbeiter. Auch die Arbeitsverwaltung müsse aufstocken: Weise sprach von 3000 neuen Mitarbeitern, allein 2000 Leute sollen möglichst schon am 1. Januar 2016 die Jobcenter verstärken. Derzeit laufe die Rekrutierung. Es gebe Angebote von öffentlichen Stellen wie dem Zoll, der Bundeswehr oder Krankenkassen. Zudem liefen Schulungen etwa im komplizierten Ausländerrecht. Weise will viele Mitarbeiter dauerhaft übernehmen, deren befristete Arbeitsverträge eigentlich auslaufen. Das Ganze stehe noch unter einem Haushaltsvorbehalt.

          Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) verteidigte Weises Doppelrolle gegen Kritik. Die eng abgestimmte Zusammenarbeit sei notwendig. „Ich bin sicher und baue darauf, dass wir die großen Aufgaben stemmen, die vor uns liegen.“ Weise versicherte, er werde die Bundesagentur nicht vernachlässigen. Es gebe ein funktionierendes Führungsteam. „Meine Anwesenheit wird eingeschränkt, meine Wirksamkeit nicht so sehr.“

          Flüchtlinge sind schwer zu integrieren

          Zur angestrebten Beschleunigung der Verfahren sagte er, dass bei zwei Dritteln der Asylbewerber derzeit von der Erfassung bis zum Bescheid knapp 5 Monate vergingen. „Das können wir wesentlich verkürzen“, versprach er mit Blick auf die gesetzlichen Erleichterungen beim Datenaustausch und bei einer neuen IT-Struktur. Das weitere Drittel gestalte sich schwieriger, weil es den Personen etwa an wichtigen Dokumenten oder an Auskunftsbereitschaft fehle.

          Weises Vorstandskollege Raimund Becker äußerte sich zu den absehbaren Chancen der Flüchtlinge. Generell sind die Chancen am deutschen Arbeitsmarkt für Arbeitsuchende weiterhin gut: Derzeit sucht die Wirtschaft intensiv nach Mitarbeitern, der Arbeitsagentur sind mit 600.000 offene Stellen so viele bekannt wie nie zuvor. Doch Flüchtlinge seien die am schwierigsten zu integrierende Gruppe, dämpfte Becker die Hoffnungen. Internationale Erfahrungswerte besagten, dass nach einem Jahr rund 8 Prozent der Flüchtlinge Arbeit gefunden hätten, nach fünf Jahren seien es 50 Prozent, und nach 15 Jahren erreichten die Beschäftigungsquoten von Flüchtlingen gerade mal die aller in einem Land lebenden Ausländer. Mit raschen Erfolgen ist also nicht zu rechnen. Flüchtlinge seien nicht die Fachkräfte von morgen, sondern von übermorgen, sagte er. „Wir brauchen einen langen Atem.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.