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Bahnhofstreit : Stuttgarts Halbhöhe sortiert sich neu

HHL heißt es in den Immobilienanzeigen der Stuttgarter Zeitungen: Halbhöhenlage. Gute Luft, teure Grundstückspreise Bild: Florian Manz

Die bessere Gesellschaft Stuttgarts ist in Aufruhr: Konservative und frisch ergrüntes Bürgertum prallen aufeinander. Die feine Welt ist gründlich aus dem Lot.

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          Auf der "Wielandshöhe" ist Ruh'. Nur gedämpfte Gespräche dringen durch das Stuttgarter Sterne-Restaurant, gelegentlich ein leises Lachen. Die Kellner servieren Lauchquiche und Gänseleber als Amuse Bouche. Vincent Klink, der aus Funk und Fernsehen bekannte Chefkoch, schreitet von Tisch zu Tisch. Weiße Schürze, breiter Rücken, ein gewinnendes Lächeln. Bis Weihnachten ist er abends ausgebucht.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Alles genehm? "Wie immer", raunen die Gäste. Hier oben, an der Alten Weinsteige, nimmt der Streit um Stuttgarts neuen Bahnhof, der die Stadt, ja Familien spaltet, eine Pause. "Unser Restaurant ist eine der letzten kampffreien Zonen, darauf achte ich", betont Klink. Nicht, dass er keine Meinung hätte. O nein, wie ein Rohrspatz schimpft er über das Stuttgart 21; den Krampf, den Murks, die Lügen.

          Auch er geht, wenn er frei hat, "runter" in den Kessel, zur Demo. "Jeder, der das erlebt, ist ergriffen von der Wahrhaftigkeit des Publikums."

          Bruno-Hagen Hennerkes verteidigt seine Welt: „Hier oben sind die Kirchen noch voll”

          Wer Klink so zuhört, versteht, warum ein an sich doch banales Bauprojekt solche Emotionen und Energien freisetzt: "Inzwischen geht es um mehr als um den Bahnhof, um viel mehr." Die Regierenden wollten sie davonjagen, frohlockt der rebellische Grünen-Sympathisant Klink. Da wackelt das ganze politische System, die jahrzehntelange Vormacht der Union in Baden-Württemberg, selbst die Kanzlerin im fernen Berlin, die ihr Schicksal mit S 21 und der Landtagswahl im Frühjahr verknüpft hat, ist von der Panik gepackt ob der Umfragen im Süden.

          „Stuttgart 21 hat die Dinge ins Rutschen gebracht“

          Die Grünen erreichen demnach 32 Prozent (und damit mehr als die SPD), die Union verzehrt sich in hektischen Nachtsitzungen - und die Treuesten der Treuen, das satte Stuttgarter Bürgertum, verlieren ihre Selbstgewissheit.

          "Stuttgart 21 hat die Dinge ins Rutschen gebracht", ahnt Brun-Hagen Hennerkes, ein knochentrockener Anwalt mit Kanzlei in bester Lage in Degerloch, der die vermögenderen der schwäbischen Familienunternehmer berät und nun fürchtet, dass zerfällt, was in seinen Kreisen als richtig und wichtig erachtet wird: das kulturelle Fundament, die Tradition, die Werte. Die CDU sowieso.

          Auch wenn es mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist: Die besseren Viertel Stuttgarts sind in Aufruhr; dort die braven Bürger, die bis gestern schwarz gewählt haben und sich nun am Protest berauschen, auf der anderen Seite die Konservativen wie Hennerkes, die sich in ihrer Standfestigkeit jetzt erst recht herausgefordert sehen.

          Die äußeren Erkennungszeichen der Lager sind klein, hier eine lindgrüne Schleife am Gartentor (die Farbe der Gegner), dort ein gelber Protestaufkleber am Briefkasten. Duz-Freundschaften werden aufgekündigt, in seltenen Fällen gar Autos beschädigt.

          Solide und kulturbeflissen

          Haus um Haus trennt die Parteien in jenen exklusiven Gegenden, für die in Immobilienanzeigen das Kürzel HHL steht: Halbhöhenlage. Ein wichtiges Wort in der im Talkessel liegenden Landeshauptstadt, ein Begriff, der nur hier existiert. "Ganz oben ist Mist, da sieht man nichts", erklärt Wirt Klink die Topographie, "unten ist schlechte Luft, bei uns auf der Halbhöhe ist es schön." Rund um die Innenstadt ziehen Häuser sich die Hügel hinauf, alte Villen mit mehreren tausend Quadratmeter großen Anwesen, dazwischen jede Menge unscheinbare Häuser, in deren Inneren ein Vermögen steckt. Alles umrandet von Rebstöcken. Hübsch anzuschauen.

          Wer hier wohnt, hat es zu etwas gebracht im Schwabenland: viele Unternehmer leben hier, leitende Angestellte, Professoren, Künstler, Anwälte, Ärzte, hohe Beamte. Eine homogene Gesellschaft, die sich abschirmt gegen das schnelle Geld. Alles sehr solide, kulturbeflissen und allergisch gegen jeden, den sie als neureich verurteilen.

          "Hier finden Sie keine Playboys", sagt Brun-Hagen Hennerkes, der Mann im grauen Anzug, hellblauen Hemd, Einstecktuch und S-Klasse vor der Tür. "Bei uns sind die Kirchen noch voll." Umso mehr verzweifelt er, wenn er sieht, wie sich sein Lager anstellt: Stuttgarts CDU-Oberbürgermeister Schuster? "Stumm wie ein Fisch, hilflos wie ein Kind." Und erst der als Friedensstifter herbeigerufene Schlichter Heiner Geißler: "Ein abgewrackter Politiker, ein greiser Narziss."

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